30 April 2021 | Gesundheit

Pandemie? Alles schon einmal da gewesen!

Wer denkt, dass unsere Groß- oder Urgroßeltern in der „guten alten Zeit“ von Dingen wie einer Virus-Pandemie verschont geblieben wären, der irrt. Denn vor rund 100 Jahren tobte im damaligen Südwestafrika die sogenannte Spanische Grippe. Es gibt erstaunliche Parallelen zu heute.

Michael Vaupel

Swakopmund

Dieser geschichtliche Beitrag soll mit einem Blick in die Bibel beginnen, Zitat Prediger 1,9: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Und interessanterweise – oder erschreckenderweise – gilt dies auch im Hinblick auf die aktuelle Coronavirus-Pandemie, welche manch einer als „einmalig“ und als Geißel unserer Zeit sehen mag (oder auch nicht). Denn bereits Ende 1918 gab es eine weltweite Pandemie, welche auch das damalige Südwestafrika heimsuchte. Statt „Coronavirus“ hieß es damals „Spanische Grippe“ bzw. „Spanische Influenza“.

So wurde z.B. mit Daum 4.10.1918 berichtet, dass die Minen aufgrund der Pandemie stillstehen. Etwa 100 Tote soll es alleine in der Minenstadt Dutoitspan (Dutoitspan Mine bei Kimberley) gegeben haben, die Stadt selbst sei inzwischen fast verlassen. In Kapstadt blieben zahlreiche Geschäfte bis Dienstag geschlossen – „Lockdown“ vor über 100 Jahren.

Am 8.10.1918 hieß es dann, dass die Influenza-Epidemie in Kapstadt ungeschwächt fortdauert. Es sind der Zeitung zufolge allerdings „in rühriger Weise“ Maßnahmen getroffen worden. Suppenküchen sind ebenso wie Depots mit Medikamenten angelegt. Außerdem, Zitat: „Großen Vorteil erwartet man von der Impfung“

Im Vergleich zu anderen Grippe-Epidemien sei die Spanische Grippe kürzer, aber nehme einen schärferen Verlauf. Die Genesung tritt dafür auch schneller ein (sofern der Patient nicht stirbt). Als Vorbeugungsmittel wird ein Trank mit Chinin (0,5184 Gramm), verdünnter Schwefelsäure (5,481 Gramm) und Wasser (bis zu 228 Gramm) empfohlen – zwei Esslöffel drei Mal täglich.

Und auch in Südwestafrika ist die Pandemie inzwischen angekommen. Am 11.10.1918 heißt es da in einer Anzeige des Turnvereins Windhuk, dass wegen der Seuchengefahr bis auf weiteres keine Zusammenkünfte „auf Turnboden, Kneipe und Spielplatz“ stattfinden sollen. Offensichtlich war das Kino Kaiserkrone dennoch offen – am 10.10.1918 kündigte es ein reichhaltiges Programm an („Susanne, die Geistliche, Humor“).

Ein Auto-Unternehmer zeigt sich großzügig

Am 12.10.1918 steht in der Zeitung, dass in Windhuk erst 18 Erkrankungsfälle der Spanischen Grippe insgesamt vorgekommen sind – davon keiner tödlich. Das klang noch überschaubar.

Doch bereits am 16.10.1918 wurde ein Aufruf des Windhuker Bürgermeisters Dr. Kohler veröffentlicht. In dem Aufruf wurden Personen gesucht, die Krankenpflege in den Wohnungen übernehmen wollen – oder Betten abgeben können. Diese sollen sich auf dem Rathaus melden.

Einen Tag später (17.10.1918) fand eine Sitzung des Windhuker Stadtrates statt. Darin wurde festgestellt, dass sich die Krankheit inzwischen über das ganze Land ausgebreitet hat. Bei der weißen Bevölkerung habe es bisher allerdings „nur“ vier Todesfälle gegeben. Krankenhausbehandlung soll nur in besonders schweren Fällen erfolgen, um die Krankenhäuser nicht zu überlasten. Stattdessen soll die Stadt in Bezirke geteilt werden, welche von freiwilligen Pflegern besucht werden.

Am 25.10.1918 zeigte sich der „Auto-Unternehmer“ J.A. Stein großzügig: Er bot hilfsbedürftigen Bürgern sein „Kranken-Auto“ zur kostenlosen Beförderung zu Krankenhäusern an. Alternativ konnten sich solche Mitbürger kostenlos per Kranken-Auto einen Arzt zu sich nach Hause kommen lassen. Inzwischen hatte sich auch die Zahl der Opfer der Spanischen Grippe erhöht. Die Vorgängerzeitung der AZ brachte z.B. alleine am 25.10.1918 mehrere Todesanzeigen für an der Spanischen Influenza Verstorbene. Darunter z.B. Adolf Behrmann, Geschäftsführer der Ein- und Verkaufs-Genossenschaft Windhuk. Auch Heinrich Blohm starb an den Folgen der Epidemie im Alter von nur 28 Jahren. Wilhelm Zocher – ein Brauer bei der damaligen Felsenkeller-Brauerei – fiel ebenfalls nach mehrtätigem Krankenlager der Spanischen Grippe zum Opfer.

Einen Tag später (26.10.1918) hieß es in der Zeitung, dass die Hauptstadt aufgrund der Epidemie eine Sterbeziffer vorzuweisen hat, wie sie Windhuk noch nie erlebt hat.

Am 28.10.1918 dann die Meldung: „Der Höhepunkt in Windhuk ist überschritten!“ Die Gefahr sei aber noch nicht vorüber, da auch Rückfälle vorkommen, die tödlich ausfallen können.

Und Entwarnung konnte noch keineswegs gegeben werden. So fand sich in der Zeitung vom 31.10.1918 noch eine ganze Seite mit Todesanzeigen. An der Spanischen Grippe sind demnach laut den Todesanzeigen der genannten Ausgabe so unterschiedliche Personen wie der Polizeisergeant Johannes Klaudat, der Schmied Eduard Keraitish, der Postassistent Wilhelm Berthelt, der Beamte der Deutschen Afrika-Bank Walther Bierwirth oder der Kaufmann Bruno Kuck gestorben.

In dem Kontext mag eine Anzeige in der Zeitung vom 1.11.1918 stehen: Künstliche Grabkränze empfiehlt August Perkatsch.

Am 5.11.1918 teilte Familie Ferdinand Bergemann mit, dass ihr 11jähriges Kind Mariechen an den Folgen der Influenza verstorben ist.

Am 8.11.1918 werden Zahlen der Gemeinde für Windhuk veröffentlicht. Demnach hat die dort ansässige deutschstämmige Bevölkerung durch die Spanische Grippe bisher rund 5% der Männer verloren. Von den Frauen starben 2,2% und von den Kindern 1,4%. Grundlage der Berechnungen sind unter den Deutschstämmigen Windhuks: 900 Männer, 500 Frauen und 600 Kinder. Von den Farmen in der Nähe von Windhuk wird berichtet, dass da Todesfälle unter Weißen „glücklicherweise noch nicht vorgekommen“ sind.

In den folgenden Zeitungs-Ausgaben standen dann der Waffenstillstand in Europa (Erster Weltkrieg) und die Umwälzungen in Deutschland und Österreich-Ungarn im Fokus der Zeitungen. Doch die Spanische Grippe ist noch keineswegs verschwunden. So heißt es am 13.11.1918 in der Zeitung: In Tsumeb sind demnach „17 Weiße und 250 Eingeborene“ der Krankheit zum Opfer gefallen.

In der Zeitung vom 21.11.1918 hieß es dann: Ehret die Toten! Die Stadt Windhuk ruft die Bevölkerung dazu auf, am Sonntag, 24.11.1918 zu einer allgemeinen Totenfeier ohne Unterschied der Konfession auf dem Friedhof zu erscheinen. Die beiden Kirchenchöre und der Gesangsverein sollen sich beteiligen. Diese Gedenkfeier soll stattfinden, nachdem – „Gott sei es gedankt“ – die Spanische Grippe in der Hauptstadt „wohl in der Hauptsache erloschen ist“.

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