28 Juli 2020 | Sport

Olympia der Zukunft wird digitaler

Digitaler, dezentraler und näher an den Menschen dran: Das Internationale Olympische Komitee sucht für die Sommer- und Winterspiele einen Weg in die Zukunft. Der Frankfurter Stadtplaner Stefan Klos hat für das IOC viele Ideen entwickelt.

Frankfurt/Main (dpa) - Eröffnungsfeiern auf Stadtplätzen, virtuelle Starts von Athleten oder den Marathon für Breitensportler öffnen. Anstelle von größer, teurer und prächtiger müssen die Maximen der Olympischen Spiele der Zukunft dezentraler, digitaler und dichter an den Menschen heißen. „Die größte Veränderung ist eine geistige und keine physische“, meint Stefan Klos, Geschäftsführender Gesellschafter von ProProjekt, einer Frankfurter Planungsagentur für Sportgroßereignisse, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Es gehe um „das Verständnis, dass man Spiele nicht nach einem Anforderungskatalog und nach einer Blaupause machen kann. Wie: Das waren die letzten Spiele und die mache ich einfach nur zehn Prozent größer, schöner und glitzernder“, sagt der 45 Jahre alte Stadtplaner. Vielmehr gehe es darum, die Spiele so zu formen, wie sie für eine Stadt und für eine Region gut seien. „Das mag momentan noch als Lippenbekenntnis erscheinen, ist aber der größte Fortschritt.“
Die Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees hat dazu mit 40 Empfehlungen den Weg gewiesen. Im Auftrag des IOC hat Klos mit ProProjekt analysiert, was die Spiele so teuer macht und vier Bereiche herausgefunden: die Bau- und Personalkosten, Transport und Technologie. Insgesamt wurden dem IOC 118 Maßnahmen zur Kostenreduzierung und Flexibilität vorgeschlagen.
„Wir haben dazu viele Ideen entwickelt“, sagt Klos. Zum ersten Mal werde es bei den Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo umgesetzt. Dass die Titanenarbeit schon getan sei, erwartet er nicht: „Ich befürchte, damit ist nur die Zwergenarbeit getan. Das aufzuschreiben, ist das Leichteste. Es umsetzen, ist das Schwere.“
IOC-Präsident Thomas Bach hat nach Ansicht von Alfons Hörmann mit der Agenda 2020 „eine epochale Veränderung“ eingeleitet. „Bis Tokio 2021 sind die Olympischen und Paralympischen Spiele nach den alten Kriterien vergeben worden“, erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Bei den Sommerspielen 2024 in Paris würden die neuen Regeln gelten – „und diese werden einen entscheidenden Schritt zu mehr Akzeptanz in der Bevölkerung darstellen“. Zuletzt waren nicht nur Olympia-Bewerbungen wie von München (für 2022) und Hamburg (2024) am Widerstand der Bürger gescheitert.
Während Bach sich den Prozess der Erneuerung als Evolution wünscht, klingt vieles bei Klos revolutionär. Olympische Nachhaltigkeit ist für ihn die 100-prozentige Nutzung von vorhandenen Sportstätten in einer Ausrichterstadt. Außerdem sieht er keinen Sinn darin, für jede Sommer- und Winterspiele ein Organisationskomitee zu etablieren, das dreistellige Millionen-Gehälter produziert, um für 30 Tage eine Sportveranstaltung durchzuführen. Alles andere als auf der Höhe der Zeit sei auch das Technologiekonzept der Olympischen Spiele, das auf einem Stand basiere, „als das Internet das nächste große Ding war“.
Ebenso sollten die Spiele „keine internationale Bauausstellung und kein Architektur-Wettlaufen“ sein. „Das neue Mantra heißt, Olympische Spiele sind eine Sportveranstaltung, kein Stadtentwicklungsprojekt“, betont Klos. „Ich habe lieber einen tollen sportlichen Wettkampf in dichter Atmosphäre in einem Zirkuszelt, als einen langweiligen in einem Milliarden teuren, design-prämierten Olympiastadion.“
Auch das Olympische Dorf ist für ihn kein Tabu. Warum muss es ein Wohnkomplex für 10 500 Athleten sein? Warum teilt man es nicht, um es für kleinere Städte passender zu machen? Für die Athleten sei es zwar noch immer „der Kern des olympischen Spirits“, zusammen in einem Dorf zu leben. Wenn man aber bei den großen Athletenzahlen bleiben wolle und man aus den Megacitys raus wolle, „wird man es vielleicht so machen müssen“, prophezeit Klos - und geht noch weiter.
Warum müssen alle Athleten überhaupt in der jeweiligen Olympia-Stadt an den Start gehen? „Es gab in diesem Jahr das Urban Sports Festival, wo die Athleten gar nicht mehr zum Wettkampfort gekommen sind, sondern die Skateboarder oder Breakdancer schickten Videos von sich an eine weltweite Jury“, erklärt Klos.
Das IOC sage, die Spiele lebten von der Einheit von Raum und Zeit. „Ich glaube, dass die Einheit von Zeit immer bleiben wird, aber die Einheit von Raum Stück für Stück durch den digitalen Raum übernommen wird.“ Die Spiele der Zukunft würden digitaler, dezentraler und partizipativer werden. So plane Paris, 2024 auch Hobbyläufer im Marathon mitlaufen zu lassen. Außerdem gebe es Länder, die könnten nie Winterspiele ausrichten - wie die Niederlande, die eine große Tradition im Eisschnelllauf haben. „Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass man olympische Wettbewerbe geografisch dorthin verlegt, wo sie besonders populär sind“, meint Klos.
„Man sollte sich auf keinen Fall neuen, auch digitalen Entwicklungen verschließen, sofern sie den olympischen Werten entsprechen und die Menschen noch besser partizipieren lassen an den Spielen“, sagt auch Hörmann. Es sei sicher ein guter Ansatz, den Sport zu den Menschen zu bringen. Damit könne man vermitteln, dass Olympische und Paralympische Spiele wie der Sport generell großes Potenzial haben, die Gesellschaft mitzugestalten. Das Besondere an Olympia sei jedoch auch, die Traditionen des Weltsports zu bewahren. „Eine gesunde Mischung aus Bewahren und Erneuern wird die Popularität der Marke Olympia weiter deutlich steigern“, betont Hörmann. (Foto: dpa)

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