12 Mai 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (58. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

NEUE PERSPEKTIVEN (Kapitel 17, Teil 3/3)

Über seine seelische Verfassung in Australien, wie er die Trennung von Hildegard erlebt und verarbeitet, liest man in den Briefen nichts. Nur ein Absatz an einen guten Freund gibt einen kurzen Hinweis: Wenn ich noch einmal heiraten sollte, hat sich die Schulgemeinde verpflichtet, mir ein Haus zu bauen. Aber ans Heiraten denke ich noch nicht, da ich zunächst mit meiner Enttäuschung in Südafrika fertig werden muß. Das gehört nun auch der Vergangenheit an, wenn auch einer schönen.

Doch dieser letzte Satz ist irreführend. Kurt hat die Hoffnung, Hildegard wiederzusehen, nicht aufgegeben. Mit Vehemenz treibt er Pläne voran, die ihn zurück ins südliche Afrika führen. Auf Briefe an Hildegard würde es kein Echo mehr geben, das ist ihm klar, also muss er selbst kommen. Bevor er sie nicht wenigstens noch ein einziges Mal gesehen hat, will er das Ende ihrer großen Liebe, die acht Jahre der Trennung überstanden hat, nicht hinnehmen. Zu viel steht auf dem Spiel, zu viel würde er verlieren:

Du hast mich immer wieder aus Dunkelheit und Trübsinn zur Sonne, zur Wärme, zum Glück geführt, schreibt er später einmal. Du hast mir so oft und so lange Halt und Richtung gegeben. Um Deinetwillen bin ich sauber und ordentlich geblieben, um Deinetwillen habe ich mich all die Jahre immer wieder zusammengerissen und bin so geworden, wie Du mich liebst. Im Glauben und Hoffen auf Dich habe ich immer wieder eine solche Sicherheit gewonnen wie selten einer.

Natürlich überlegt er, was er falsch gemacht hat, macht sich Vorwürfe, grübelt. Rückblickend formuliert er:

Weißt Du, nach der Begegnung mit Dir vor zehn Jahren hatte ich geglaubt, mein ganzes Leben hätte sich nach Dir ausgerichtet. Wohl habe ich oft und viel an Dich gedacht, ich habe viele meiner Entscheidungen von Deiner Existenz abhängig gemacht, ich habe Dich in mir gespürt und ich habe Dich wirken lassen. Und doch! Drei Tage nach unserer so schönen, nie vergessenen Begegnung sage ich Dir „Auf Wiedersehen“ und verlasse Dich. Dann bitte ich Dich, mit nach Deutschland zu kommen, dann frage ich an, ob Du nach dem fernen Australien kommen wolltest. Du siehst, wie viel und oft ich unsere Gemeinsamkeit in meiner Eigensinnigkeit verletzt habe, indem ich eigentlich nur mein Positives gesehen habe und Dich in Deinem Wesen und Sein zu wenig respektiert habe. – Ich hatte viel gutzumachen vor Dir, denn ich hatte Dich verlassen und mußte Dich wiedergewinnen oder ganz verlieren.

Was sind eigentlich Kurts Vorstellungen von der großen Liebe? In seinen Briefen schreibt er immer wieder von einer geistig-seelischen Verbundenheit. Aber ist es nicht mehr? Eine Antwort findet man bei Goethe. Für Kurt ist Goethe trotz seiner Widersprüche – trotz seines oft kritisierten „unordentlichen“ Lebenswandels, trotz seiner zahlreichen Wandlungen – ein Mann, der zutiefst human war, großzügig und tolerant. Auch Kurts Religiosität ist im Grunde von Goethe geprägt, denn, wie er einmal schreibt, auch Goethe hat nicht auf diese Erde allein bezogen sein Leben gestaltet, sondern an die ewigen göttlichen Kräfte geglaubt, die ihn als Mensch geprägt haben.

Und somit ist auch die Liebe für Kurt nicht eine zufällige Anziehungskraft zwischen zwei Menschen. Sie ist die Chance, mit dem richtigen Menschen Gott, dem Unverstehbaren, dem Heilenden, näherzukommen. Und gleichzeitig ein Geschenk, durch und mit dem geliebten Menschen ein reiches, ganzheitliches Leben zu führen. Diese intuitive und zugleich gewachsene Überzeugung, dass Hildegard dieser einzige richtige Mensch für ihn ist, gibt ihm die Kraft, weiter um sie zu kämpfen.

Er bemüht sich aktiv und ausdauernd um eine Einreisegenehmigung nach Südafrika, und da er dafür eine Arbeitsstelle braucht, setzt er sich mit verschiedenen Schulen im südlichen Afrika in Verbindung. Als er ein Angebot von der deutschen Schule in Lüderitz, Südwestafrika, bekommt, reizt ihn das besonders. Dort könnte er wieder deutsche Kinder unterrichten und in einer deutschen Umgebung leben. Die ehemalige deutsche Kolonie ist zu der Zeit südafrikanisches Mandatsgebiet und eine Einreisegenehmigung nach Südafrika würde Südwestafrika einschließen. Im April 1948 erhält er einen positiven Bescheid aus Südafrika vom Department of the Interior:

Sir,

With reference to your letter of the 10th October, 1947, I have to inform you that your application for permanent residence in the Union has been approved by the Immigrants’ Selection Board. Your immigration permit will be forwarded to the Commissioner for Immigration and Asiatic Affairs, Pretoria, for your disposal. Kindly inform the Commissioner of the proposed date and port of your entry into the Union.

Vom 8. August 1948 ist ein Luftpostbrief von Herbert Nöckler erhalten, dem Schulleiter der Deutschen Privatschule Lüderitz.

Sehr geehrter Herr Falk! Ich wurde gebeten, Ihnen mitzuteilen, daß wir Ihre Dienste ab Beginn des 1. Quartals 1949 (17. Januar) gut gebrauchen könnten. Nur müßten Sie uns bestimmten Bescheid geben, ob Sie zu uns kommen wollen bzw. bis dahin schon hier sein könnten. Vor allem läge dem Schulverein daran, einen Herrn im Schülerheim zu haben, da wir auch Knaben bis Std. 8 (10. Schuljahr) nächstes Jahr haben werden. Es sind etwa 48 Kinder im Heim. Wohnung ist vorgesehen. Sobald wir Ihre Antwort haben, schickt Ihnen der Schulverein einen Anstellungsvertrag, mit dem die Einwanderungsbehörde sich sicher zufriedengeben würde. Ihrer umgehenden Antwort entgegensehend und mit den besten Grüßen bin ich Ihr Herbert Nöckler

Am 25. August 1948 schreibt Kurt einen Brief an Nöckler, um ihn zu informieren, dass er die Stelle in Lüderitz annimmt:

Ich nehme Ihr Angebot an und würde gern nächstes Jahr an Ihrer Schule als Lehrer tätig sein. Ich bin hier mit vierteljährlicher Kündigung angestellt und könnte Australien Ende November verlassen, nach Schulschluß. Meiner Ausreise stehen von Seiten der australischen Behörden keine Schwierigkeiten im Weg und die Einreiseerlaubnis nach Südafrika und Südwestafrika habe ich ebenfalls in meinen Händen. Selbst hier in Australien habe ich eine unbändige Sehnsucht nach Afrika. Ich habe es hier sehr gut, ich bräuchte nicht zu klagen, aber ich lebe in einer rein englischen Umgebung, in der ich kaum einmal ein einziges gesprochenes deutsches Wort höre. Und so zieht es mich wieder an eine deutsche Schule wie die Ihrige, und Ihr Angebot bedeutet mir sehr viel.

Doch es gibt erneut Hindernisse. Die Transportverbindung zwischen Australien und dem südlichen Afrika ist schlecht und unregelmäßig. Im Dezember und Januar gibt es keinen Platz auf einem Schiff, andere Schiffe fahren nur bis Ostafrika. Auch hat Kurt nicht genug Geld, um die teure Passage zu bezahlen. Er versucht es auf dem Schwarzmarkt, dort bekommt man die Schiffskarten wesentlich billiger, aber auch das ist schwierig.

Herbert Nöckler in Lüderitz hat Verständnis und schreibt, dass der Vorstand seine Stelle zur Not noch bis Ende März freihalten wird. Das gibt Kurt Zeit, weiter nach einer Schiffspassage zu suchen und Geld zu verdienen. Er kündigt daher seine nicht besonders gut bezahlte Stellung am Concordia College und verlässt Ende November die Schule, um sich als Akkordarbeiter auf verschiedenen Farmen zu verdingen. Er pflückt Tomaten, jagt Kaninchen, mäht Weizen auf den weiten Feldern in Queensland und näht Weizensäcke zu. Doch es bleibt schwierig, einen Platz auf einem Schiff nach Südafrika zu bekommen. Wieder vergehen viele Wochen. Dabei wird es höchste Zeit! Nicht nur für die Schule in Lüderitzbucht.

In Hildegards Leben hat sich inzwischen einiges verändert. Im Jahr 1948 befreundet sie sich mit einem Afrikaans sprechenden jungen Mann. Er heißt Auret und ist bei einer Versicherungsgesellschaft angestellt. Ob die Beziehung zu Auret ein Grund für ihre Distanzierung von Kurt und seinen Plänen gewesen ist, bleibt unklar. Wahrscheinlich ist es umgekehrt: Sobald sie die Verbindung zu Kurt abbricht, wird sie frei und kann andere Männer kennenlernen. Auret geht mit ihr ins Kino und zum Tanzen. Er holt sie zu Spaziergängen ab oder sitzt bei ihr im Zimmer und liest die Zeitung, während sie arbeitet. Sie hat Gesellschaft, jemand kümmert sich um sie. Ihre Interessen und Ideen sind zwar himmelweit verschieden, aber sie kommen miteinander aus. Irgendwann bildet sich Hildegard ein, in Auret verliebt zu sein; wenn sie in einen Brief von Kurt schaut, weiß sie, dass es nicht stimmt. Aber das Leben geht weiter, sie gewinnt Gefallen an schönen Kleidern, Schmuck und schnellen Autos, kann sich alles mit ihrem sehr guten Gehalt leisten, sie hungert nach Unterhaltung – Konzerte, Theater, Tanz, Kino. Das Leben wird wieder bunt und spannend, wenn auch mit weniger Tiefgang als früher. Mit Auret ist sie zufrieden, nicht glücklich. Aber das weiß er nicht, und sie sprechen nicht darüber.

Kurt sucht weiterhin verzweifelt nach einem Schiff, das ihn nach Südafrika bringt. Das Geld für die Passage hat er zusammengespart, jeden Kollegen, jeden Freund, jeden Bekannten bittet er um Hilfe auf der Suche nach einem Dampfer in Richtung südliches Afrika. Im März bekommt er endlich einen Platz auf einem indischen Schiff. Die Pemba fährt bis nach Mosambik.

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