30 April 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (54. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern.

NEUE PERSPEKTIVEN (Kapitel 17, Teil 1/3)

Nach Kurts langem, verzweifelten Brief im Dezember 1947 reißt der Kontakt zwischen ihm und Hildegard ab. Das Jahr 1948 muss der absolute Tiefpunkt in Kurts Leben gewesen sein – jetzt ist er von der letzten menschlichen Verbindung, die ihn durch die schweren Jahre des Kriegs getragen hat, abgeschnitten, dazu in einem fremden Land, ohne Familie, ohne Freunde, ohne seine Sprache. Später schreibt er einmal:

Meine ganze Welt, auch meine innere Gedanken- und Gefühlswelt brach zusammen und mit ihr zunächst auch der Wille zum Neuanfang, zum Wiederaufbau, da ich glaubte, ins Herz getroffen worden zu sein.

Zum Glück kann er im neuen Jahr wieder als Lehrer arbeiten. Im Januar 1948 erhält er ein offizielles Schreiben vom Vorsitzenden des College Boards der Evangelical Lutheran Church of Australia, das ihm seine Anstellung als Lehrer am College bestätigt, mit einem Gehalt von 200 Pfund pro Jahr und freier Unterkunft am College. Er muss sich, eher unwillig, verpflichten, „to teach nothing contrary to the Holy Scriptures and to the confessions of the Evangelical Lutheran Church, as contained in the Book of Concord of the year 1580.“

Am Concordia College, einer 1875 gegründeten Schule mit Internat, unterrichtet er Latein, Mathematik und Erdkunde, alles auf Englisch. Die Arbeit gefällt ihm, er wird freundlich aufgenommen und, so schreibt er, wenn Hildegard damals meinem Wunsch gefolgt wäre, nach Australien zu kommen, lebten wir wahrscheinlich heute noch hier, und unsere Kinder wären alle englischsprachige Australier geworden.

An einen Freund in Leipzig berichtet er ein paar Details über die Schule: Ich bin wieder Lehrer, an einer Schule der lutherischen Synode Australiens, die vielleicht in ihrer Grundhaltung mit der Sächsischen Freikirche zu vergleichen ist.

Streng orthodox. Gott sei Dank ist man mir gegenüber tolerant, und so genieße ich inmitten dieses eher intoleranten Völkchens gewisse Freiheiten, vielleicht weil Privatschulen und auch Staatsschulen einen Mangel an Lehrern haben. Die Bezahlung ist nicht gut, aber für mich als Alleinstehenden reichlich.

Diese Schule liegt außerhalb Toowoombas auf einem Hügel, von dem aus man die Stadt übersehen kann. Sie besteht aus einem alten, solide gebauten Farmhaus und ist umgeben von einem wunderschönen Park und weiten grünen Rasenflächen. Wir haben sehr viel Land und halten eigene Kühe. Ich selbst bewohne einen großen Raum im Erdgeschoß des Hauptgebäudes und habe ein hohes Fenster mit einem wunderschönen Blick auf den Garten.

Eins fällt ihm in seiner neuen Umgebung schwer: Oft hört er wochenlang kein deutsches Wort, vermisst ein Gespräch in seiner Muttersprache, und er fragt sich, ob er es auf Dauer aushalten wird, ganz in eine andere Kultur einzutauchen: Umgebung und Gewohnheit ziehen mich ganz in ein englischsprachiges Umfeld. Ob ich diese Situation wirklich bewußt ein ganzes Leben ertragen kann, das bleibt abzuwarten.

In den Briefen nach Deutschland erfährt man auch etwas über seine Eindrücke von Australien, das er langsam näher kennenlernt: Australien ist ein Paradies für ungelernte Arbeiter, für Lehrer allerdings nicht. Das ist eben so in einem jungen Land, in dem Pioniere und Industriearbeiter das Wort haben, hier triffst Du auch Arbeiter in der Regierung. Die Bevölkerung setzt sich aus allen Weltenbürgern zusammen, wenn auch die Engländer und Deutschen vorherrschen. Ein guter Menschenschlag, meist groß, zäh, derb, ohne Höflichkeit, lustig, aber gastfreundlich und im Denken ganz individualistisch. Es sind Menschen, die selbstständig in Zeiten der Not ihren Mann stehen, keine guten Kasernensoldaten, sondern Wüstenkämpfer. Der Australier ist großzügig. Wenn Du ihn z. B. um ein Streichholz bittest, gibt er Dir immer die ganze Schachtel. Vor kurzem war ich beim Optiker, um eine Brille zu bestellen. Nachdem er meinen Lebenslauf erfahren hatte, schenkte er mir die gute und teure Brille mit den Worten: „Du bist ein Fremdling im fremden Land und mußt dich erst einmal zurechtfinden.“

Jeder Mensch geht hier gleich angezogen, einfach, aber nicht billig, alle mit viel Geschmack. Der große „Boss“ trägt die gleiche Kleidung wie sein Arbeiter, steht mit ihm an der Bar, trinkt sein Bier, bezahlt und läßt sich bezahlen, und über geschäftliche Angelegenheiten wird nicht gesprochen – aber über Pferde, Rennen, Land, Reisen, Politik – immer von Mensch zu Mensch. Ich glaube, alle Aussies sind im Freien aufgewachsen. Sie haben ein Leben in the open air, und ihre Küsten, ihre weiten Räume, ihre Berge, das lieben sie. Du kannst Dir keine Vorstellung von den Weiten hier machen. Auch in der Stadt lebt man so – neben großen Parks stehen großzügig angelegte Tennisplätze, Fußballplätze, Schwimmbäder und Rasenanlagen für den öffentlichen Gebrauch, überall ist Raum und Platz. Toowoomba mit seinen 30.000 Einwohnern hat die Bodenfläche einer Großstadt. Dieser weite Raum bestimmt das Denken und Fühlen. Hier ist keiner dem anderen im Weg.

Im Europa der Nachkriegszeit ist es zur gleichen Zeit eng und kalt, die Menschen sind arm, hungrig, oft arbeitslos und haben Angst vor der Zukunft. Kurt schickt deshalb in diesem Jahr zahlreiche Pakete an seine Freunde und Patenkinder in Deutschland, denen es an allem mangelt. Er kauft Fett, Milchpulver, Dosenfleisch, Kaffee, Kondensmilch, Zwirn und Bonbons, verpackt sie in die vorgeschriebenen 5-Kilogramm-Pakete und freut sich, wenn ein Paket ankommt und Not lindern kann. Zigaretten, Zucker, Butter und Tee sind auch in Australien noch rationiert.

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