28 April 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (54. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

DIE KETTE REISST (Kapitel 16, Teil 4/4)

Mutter Mereis schreibt in dieser Zeit noch einmal an Kurt:

Mein Kummer ist groß um Hildegard. Sie ist so ruhig und still geworden, fast möchte ich behaupten, sie ist verbittert. Warum weiß ich eigentlich nicht, leider spricht sie sich niemals aus. Ob der Krieg sie enttäuscht hat? Ich weiß es nicht. Auf Fragen bekomme ich keine Antwort. Ich persönlich glaube, daß Hildegard das Gefühl hat, Sie sind ihr durch die lange Trennung fremd geworden, und jetzt Angst hat. Aber wir wissen es nicht, da sie sich niemals äußert. Sie ist nicht mehr das lustige, vergnügte Mädchen, das Sie früher kannten.

Obwohl Kurt befürchtet hat, dass etwas nicht in Ordnung ist, muss Hildegards Brief wie ein Donnerschlag für ihn gewesen sein. Akzeptieren kann er die Antwort seiner Freundin nicht. Noch zwei Briefe schreibt er ihr, in denen er alle Register zieht, um sie wenigstens zu einer einzigen persönlichen Begegnung zu überreden, bevor sie gemeinsam eine endgültige Entscheidung treffen:

Am 28. Dezember 1947

Liebe Hildegard!

Dein Brief gab mir die Bestätigung für ein immer sicherer werdendes Gefühl, daß ich Dich über diese lange Zeit und die Entfernung hinweg nicht zu halten vermochte. Das Leben hat sein Recht gefordert. Meine Schuld mag darin zu finden sein, daß ich zu Beginn des Krieges Südafrika verlassen habe und nicht um Deinetwillen geblieben bin. Mit dieser Entscheidung fing die verhängnisvolle Entwicklung unserer Liebe an und schon oft habe ich diesen Entschluß bereut.

Ich mache Dir keinen Vorwurf für Deine Entscheidung. Aber ich glaube immer noch, daß eine Begegnung viele Mißverständnisse aufklären würde. Glaube mir, ich weiß, wie es Dir geht, die Du in deutschem Geist zu Hause erzogen wurdest, aber später auch die höheren Schulen des Landes besucht hast und dort den Reichtum der südafrikanischen Kultur und Geschichte erlebt hast und einen inneren Gewinn davontrugst – zumal in einer Zeit, in der die Welt Deiner Kindheit und Jugend zusammengefallen ist und in einem hoffnungslosen Trümmerhaufen geendet zu sein scheint.

Ich wußte um Deine innere Lage seit Deinem Entschluß, in Stellenbosch zu studieren. Umgebung und Gewohnheit sind starke Kräfte, die auf den Menschen einwirken. Wichtig ist nur, sich einen Standpunkt zu erobern. Das mag der deutsche oder der des Landes sein, in dem man lebt. Beide Standpunkte habe ich immer anerkannt, leider habe ich darüber wenig oder gar nicht geschrieben, meine Briefe aus dem Lager waren immer bestimmt durch Zeilenzahl und Zensor.

Dies alles ist mir sehr verständlich, nur Deine Folgerungen sind mir unbegreiflich. Wenn Dich Südafrika mit seinen großen Aufgaben und Zielen hält und Du in der Arbeit Dein Glück zu finden vermagst, dann möchte ich Dich daran erinnern, wie wir alle einmal dies in viel größerem und tieferem Maße gedacht haben und bitter enttäuscht worden sind. Es macht daher meiner Einsicht gar nichts aus, für was man sich einsetzt, denn Wirken kannst Du überall auf dieser Welt. Aber durch Arbeit und Wirken allein kommt man niemals zu sich selbst, sondern nur durch den anderen, durch den Geliebten oder die Geliebte. Eins ist sicher: daß das Erlebnis der Liebe und das vollkommene Verstehen und intuitive Einfühlen in eines anderen Menschen Herz letzte Erfüllung gibt.

Du schreibst, Du hast zu Dir selbst gefunden. Ich dagegen meine, wir können nur zu uns selbst finden durch den Geliebten oder die Geliebte. Meine Worte machen daher nur Sinn, wenn kein anderer Mann neben mir steht und Dir seine Liebe gestanden hat, die Du ihm erwiderst. Wenn ein anderer zwischen uns getreten ist, dann brauchst Du diesen Brief nicht weiterlesen, denn was können verstandesmäßige Erwägungen gegen das Erlebnis der Liebe bewirken? Doch wenn dies nicht der Fall ist, dann bitte ich Dich, noch einmal zu überlegen, was Dich und mich bindet.

Warum hast Du den Mut verloren, in Deinen jungen Jahren ein Wagnis einzugehen, diese Reise nach Australien zu machen oder mich zu ermutigen, nach Südafrika zu kommen? Warum willst Du mir nicht wieder begegnen? Dein so genannter Wechsel und Deine Enttäuschungen in Bezug auf Deutschland spielen für mich nicht die geringste Rolle. Und es schert mich auch den Teufel, wie Du Dein Haar trägst, ob Du Dich schminkst und welche Eigenheiten mir noch fremd sein könnten.

Und nun noch etwas zu meiner deutschen Haltung: Ja, ich bin Deutscher, aber wenn ich von Deutsch sprach, dann meinte ich nie eine politische Haltung, sondern die Sprache, die Musik. In keiner Sprache vermag ein Mensch für mich schönere und tiefere Liebesworte zu finden als in der Sprache Goethes, Hölderlins, Novalis’ – und denke an unsere vielen schönen Lieder und Choräle von Luther bis zur Gegenwart. Dieses Erbe ist in Dir und mir und schwingt mit, wenn wir zusammen sind.

Hildegard, ich habe in diesem meinem kurzen Leben schon zwei Mal alles verloren. Glaube mir, wenn Du daran die Entscheidungen Deines Lebens hängst, dann wirst Du es eines Tages bereuen. Aber Du stehst ja nicht allein in dieser Entscheidung. Ich gehöre ja dazu und durch sieben Jahre unserer Gemeinsamkeit kannst Du mich doch nicht einfach so abschütteln. Herr Gott, wenn ich doch ein wenig Geld hätte, mit einem Flugzeug zu Dir zu kommen und mit Dir zu sprechen! Es ist doch Wahnsinn, so leichtfertig Lebewohl zu sagen, ohne daß wir uns noch einmal begegnet sind.

Hildegard, ich bitte Dich inständig, wage die Fahrt! Komme zu mir! Wir werden bald erkennen, wenn wir nicht zueinander gehören. Aber wir können beide später aufrechter durchs Leben gehen, wenn wir uns erst nach unserer Begegnung entscheiden. Und Du kämest in ein wunderschönes Stück Erde. Es würde Dir hier gefallen, da bin ich ganz sicher. Auch am College hier könnten wir zwei, die wir erfahrene Pädagogen sind, ungeheuer viel bewirken. Mit Dir könnte ich stundenlang Pläne machen über die mächtige Zukunft, die uns hier offenstünde. Uns zweien traue ich alles zu.

Die Schule liegt in einem wunderschönen Park, sie ist erst zwei Jahre alt und im Aufbau begriffen. Für die Lehrer stehen moderne Häuser bereit, Tennisplätze, und ein großes Stück Land gehört zum Eigentum der Schule. Sie ist nicht weit von Toowoomba entfernt und in einem reichen Farmdistrikt gelegen, ähnlich wie Paarl. In der weiteren Umgebung sind wunderschöne Ausflugsorte in den Bergen, liegt doch Toowoomba direkt am Rand des großen Inland-Plateaus, das nicht weit von der Stadt steil in den Küstengürtel abfällt. Wunderbare Pässe führen zur Stadt selbst. Das Klima ist ein trockenes Bergklima in 2200 Fuß Höhe mit milden Wintern und kühlen Sommern. Brisbane liegt 85 Meilen entfernt, sodaß man am Wochenende auch ans Meer fahren kann.

Und selbst wenn es uns hier nicht gefallen sollte in der gemeinsamen Arbeit, was könnte uns hindern, wieder nach Südafrika zurückzukehren? In ein paar Jahren sollte das auch für mich in jedem Fall möglich sein. Und nun bitte ich Dich am Ende des Briefes noch um eins: Bleib nicht still, schreibe wieder, in jedem Falle. Willst Du mir dies bitte versprechen?

Dann gibt es noch einen letzten Brief, mit der Hand geschrieben, am Neujahrstag 1948, also vier Tage später. In diesem Schreiben zitiert Kurt einen Satz von Charles Morgan, einem englischen zeitgenössischen Schriftsteller, vielleicht um zu zeigen, wie ernst er es meint, auch „einen Weg in die englische Welt“ zu finden:

„There is no surprise more magical than the surprise of being loved. It is God’s finger on man’s shoulder.“ (Keinem Erstaunen wohnt ein größerer Zauber inne als dem Erstaunen, geliebt zu werden. Es ist Gottes Finger auf des Menschen Schulter.)

Für Morgan standen letzten Endes persönliche Beziehungen über allen anderen Dingen in der Welt, vor allem die wahre Liebe, die bedingungslos „alles verzeiht und alles erlöst“. Mit dem Satz Ich liebe Dich, weil Du mir dies alles wirklich und wahrhaftig vermittelt hast, beendet er den Brief.

Auf beide Briefe bekommt er keine Antwort.

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