21 April 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (53. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

DIE KETTE REISST (Kapitel 16, Teil 3/4)

Kurt ahnt, dass es seiner Freundin nicht gut geht, dass sich etwas verändert hat. Als er im September immer noch keine Antwort auf seine Briefe erhalten hat, schreibt er voller Besorgnis einen ersten Brief an Mutter Mereis, da er sich keinen anderen Rat weiß. Er bittet sie, falls er nicht innerhalb der nächsten Monate nach Südafrika auswandern könne, Hildegard zu ermutigen, eine Reise nach Australien zu machen, um sich endlich auszusprechen:

Ich verkenne hierbei nicht, daß diese Reise eine Fahrt ins Fremde und Ungewisse sein würde. Mit dieser Reise wäre auch noch nicht über unsere Zukunft entschieden, sondern sie diente nur zur Klärung unserer Beziehung. Ich kann immer nur wieder schreiben, wie groß und bedeutungsvoll ein solches Ereignis für uns beide sein könnte. Und Sie allein können Hildegard die eine oder andere Entscheidung leichter machen und überhaupt ermöglichen.

Bisher habe ich jedoch immer unter der Voraussetzung geschrieben, daß Hildegard genauso fühlt und denkt wie ich. Ich weiß nur, daß sie unter den jetzigen Umständen genauso leidet. Aber in meiner Liebe zu Hildegard frage ich Sie in meinem ganzen Vertrauen, das ich immer zu Ihnen gehabt habe: Ist es richtig, daß ich noch immer eine Begegnung mit ihr erstrebe? Vielleicht bin ich zu egoistisch und egozentrisch in meiner Absicht und habe den Maßstab verloren. Auf der anderen Seite aber sollen Sie als die Eltern Hildegards wissen, daß ich seit unserer Trennung bis jetzt unbedingt und eindeutig zu Hildegard gestanden habe und auch weiterhin stehen werde.

Im November kommt eine Antwort von Mutter Mereis. Sie habe mit ihrer Tochter über die Australienreise gesprochen, schreibt sie, doch es sei eine klare Absage gekommen. Hildegard habe kein Verlangen, nach Australien zu reisen, das Land interessiere sie nicht, auch wolle sie ihren Posten an der Schule nicht aufgeben. Mutter Mereis macht sich dabei große Sorgen um ihre älteste Tochter. Sie habe sich so verändert, sei so verschlossen.

Es tut mir so leid, daß meine Zeilen Ihnen keine freudigen Mitteilungen bringen. Ich selbst bin auch sehr in Sorge um Hildegard und begreife nicht, weswegen sie sich so verändert hat und uns hier zu Hause so fremd geworden ist. Wollen Sie nicht einmal an Hildegard schreiben und sie bitten, sie möchte Ihnen klaren Wein einschenken, d. h., ob Sie nach Südafrika kommen sollen und sie überhaupt noch gewillt ist, die Freundschaft mit Ihnen weiter zu halten. Ich wage schon gar nicht mehr vorzuschlagen, ob sie noch an Heirat denkt.

Kurze Zeit später erhält er von Hildegard endlich einen Brief:

Kapstadt, 23. September 1947

Lieber Kurt!

Es fällt mir unendlich schwer, Dir diesen Brief zu schreiben, aber ich weiß, daß es so nicht weitergehen kann. In all den vergangenen Jahren ist vieles in mir vorgegangen, vieles, das ich Dir niemals geschrieben habe, einmal weil ich Dir nicht wehtun wollte, aber, viel mehr noch, weil es in mir selber nicht klar und deutlich war.

Wie anders ist mein Leben seit 1939 geworden, meine Interessen, meine Freunde und mein Bekanntenkreis, meine Ansicht in so vielen Dingen, die Du nicht verstehen wirst. Ich liebe noch meine Muttersprache, ich wahre noch meine deutsche Kultur, und dennoch weiß ich es jetzt, wie ich es vorher nicht gewußt habe oder nicht wissen wollte, dass ich hierher gehöre, daß ich unter den Menschen hier, unter diesen Umständen allein glücklich und zufrieden sein kann.

Den Streit, den ich all die Jahre im Stillen mit mir selbst gestritten habe, wirst Du als Deutscher sicher nicht verstehen. Du weißt, wie es früher war: Alle Gedanken liefen in eine Richtung, nach Deutschland. Aber von der Tatsache, daß ich hierher gehöre, kann ich nicht loskommen. Ich habe den Halt, den Glauben an vieles verloren und muß ein Neues suchen. Und ich glaube, daß ich es gefunden habe. Deshalb kann ich mich von so manchem Früheren losreißen.

Ich werde Dich nicht glücklich machen können, wie ich es einst gedacht habe, und so möchte ich Dich bitten, laß uns ein jeder seinen eigenen Weg gehen. Laß uns das, was so unendlich schön und beglückend war, in unserer steten Erinnerung behalten und nicht durch die heutige Wirklichkeit zerstört werden. Irgendwie sind wir alle in unserer Generation betrogen worden, und das Leben scheint keinen großen Sinn mehr zu haben.

Lebe wohl!

Hildegard

Als ich Dir damals diesen Brief schrieb, glaubte ich, alles würde besser werden, wenn ich mich ganz von Dir losmachte, schreibt Hildegard später. Heute würde man sagen: schlimme Depressionen. Kein Wunder, nach der tiefen Trauer um Freunde und verlorene Werte nach dem Krieg, nach Jahren der Unsicherheit und des Wartens, nach Schuldgefühlen, Einsamkeit – und jetzt unter dem Druck, sich für ein Leben zu entscheiden mit einem im Grunde fremden Mann in einem noch fremderen Land. Sie befindet sich in einem tiefen schwarzen Loch, aus dem sie allein nicht mehr herausfindet.

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