09 April 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (51. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

DIE KETTE REISST (Kapitel 16, Teil 1/4)

Was jetzt geschieht, habe ich als Kind nicht gewusst. Die Märchenliebe hatte Brüche. Hildegards nächster Brief ist so schockierend, dass ich lange nach Anhaltspunkten gesucht habe, um zu verstehen, was mit ihr damals geschehen ist. Ihre Erzählungen nach Kurts Tod gaben in Bruchstücken, in wenigen Andeutungen einen ersten Einblick, aber wie es ihr wirklich ging, erfahre ich vorwiegend aus den Briefen, die sie viel später an ihn geschrieben hat.

Auch wenn Kurt im Jahr 1947 endlich frei ist – die acht langen Jahre der Trennung stehen auf einmal wie eine tiefe Kluft zwischen den Liebenden. Als Kurt Hildegard verlassen hat, war sie ein Mädchen von siebzehn Jahren und hatte gerade ihre Schule beendet. Jetzt ist sie eine junge Frau von fünfundzwanzig. Sie hat ein Studium absolviert, hat eine Arbeit aufgenommen und hat die Jahre des Zweiten Weltkriegs in einer zunehmend antideutschen Umgebung verbracht. Kurt ist sechsunddreißig, war acht Jahre in Gefangenschaft nur unter Männern, hat die meisten Entwicklungen in Deutschland und Südafrika nicht mitbekommen.

Schon während des Kriegs und besonders seit sie nach dem Studium zu arbeiten begonnen hat, bedeuten ihr das Deutschsein und vor allem Deutschland immer weniger. Sie sieht Deutschland nicht mehr als ihre eigentliche Heimat an, sondern als ein fremdes, fernes Land, das sich während des Kriegs als eine Nation entpuppt hat, die nichts mit ihren Vorstellungen vor dem Krieg zu tun hat. Sie sieht die Deutschen nicht mehr als ein vorbildliches Volk mit hohen Zielen, sondern als Menschen, die unter Adolf Hitler eine grausame Politik verfolgt, grausame Unmenschlichkeit gezeigt und einen grausamen Krieg geführt und verloren haben. Die Werte, die Lehrer, Eltern und auch Kurt mit Deutschland verknüpft und ihr in ihrer Jugend nahegebracht haben, sind ihr abhanden gekommen, sind zum Teil in ihr Gegenteil verkehrt worden.

Schon auf der englischen Schule ist sie in einen neuen Kulturkreis getreten, und während ihres Studiums an einer afrikaansen Universität hat sie Freundschaften mit Afrikaans sprechenden Südafrikanern geschlossen, hat ihre Sprache und Kultur kennen und lieben gelernt, auch wenn ihr einiges fremd geblieben ist, wie die strenge kalvinistische Religiosität. Das Land ihrer Geburt, Südafrika, wird mit der Zeit auch die Heimat ihres Herzens, hier fühlt sie ihre echten Wurzeln, hier will sie bleiben, leben und etwas aufbauen – und nicht mehr in dem fernen Land ihrer Großmutter, das sie nie kennengelernt hat und auch nicht mehr kennenlernen will.

Dazu kommt, dass nach dem Krieg viele deutsche Familien deportiert worden sind, die deutsche Gemeinschaft am Kap immer kleiner wird, während die jungen englisch- und afrikaanssprachigen Männer aus dem Krieg zurückkehren und ein lebendiges gesellschaftliches Leben mit Tänzen, Spieleabenden und Ausflügen ins Leben rufen. Hildegards jüngere Schwester Barbara heiratet 1946 einen Engländer, ihr Bruder verlobt sich mit einer Afrikaanerin, es ist gesellschaftlich nicht mehr wichtig, einen deutschen Ehepartner zu wählen, auch wenn Hildgards Eltern es nach wie vor gern gesehen hätten. Nach seiner Hochzeit spricht ihr Bruder fortan nur noch Afrikaans zu Hause und Englisch im Geschäft und wird ein schnurrbärtiger südafrikanischer Gentleman. Barbaras Mann hat im Krieg als Engländer gegen die Deutschen gekämpft, aber all das spielt nach dem Krieg unter den jungen Südafrikanern aus deutschem Haus keine Rolle mehr. Mutters jüngste Schwester Uschi heiratet später ebenfalls einen Afrikaaner. Man trifft sich als Familie zwar immer noch bei den Eltern Mereis, spricht aber wegen der Schwiegerkinder auch dort vermehrt Englisch.

Selbst die Eltern Mereis wirken zunehmend wie ein vornehmes englisches Ehepaar und haben englische Freunde und Bekannte. Und doch wird in Briefen deutlich, wie sehr sie unter der Entfremdung ihrer Kinder von der deutschen Sprache und Kultur leiden, wie schwer es ihnen fällt, die englischen und afrikaansen Schwiegerkinder zu akzeptieren, wie gern sie es gesehen hätten, wenn ihre Kinder ihnen deutschsprachige Enkelkinder geschenkt hätten. Mutter Mereis schreibt 1947 einmal an Kurt:

Lieber Herr Falk,

Sie ahnen gar nicht, wie groß mein Kummer ist um meine Kinder. Alle haben sich so sehr verändert, ich weiß nicht, ob nur der Krieg daran Schuld hat oder ob sie sich sowieso verändert hätten. Einst waren sie alle gute deutsche Kinder – heute kommen sie mir fast fremd vor. Der gesellschaftliche Verkehr besteht nur noch aus Afrikaanern und Engländern, und alles, was sie früher so schätzten und achteten, ist vorbei. Unsere Barbara hat im August einen Mr. Thomson geheiratet, und obwohl der junge Mann sehr nett und gut zu Barbara ist, kann ich es noch immer nicht fassen, daß er mein Schwiegersohn ist. Kurt hat sich kürzlich mit einer Afrikaanerin verlobt – auch hier stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie ist es möglich? Doch ich schweige, denn jeder Mensch sucht seinen eigenen Lebenspartner, und ich hoffe, daß die Kinder glücklich werden. Mein Mann und ich sind aber trotz des Kriegsverlustes deutsch geblieben und empfinden es daher doppelt, daß unsere Kinder ihre eigene Sprache so wenig achten und schätzen.

Gleiche Nachricht

 

Vor 50 Jahren

vor 16 stunden | Geschichte

EIN „COUP DE MAIN“Lourenço Marques — Portugiesische Behörden bezeichneten das spurlose Verschwinden der 23-köpfigen Besatzung des portugiesischen Munitionsfrachters „Angoche“, der während der vergangenen Woche brennend...

Vor 50 Jahren

vor 3 tagen - 07 Mai 2021 | Geschichte

SWAKOPMUNDER UNTERSUCHUNG VERTRAGTSwakopmund - Die Untersuchung der Amtsführung des Swakopmunder Stadtrates ist heute Mittag auf den 17. Mai vertagt worden, da der Kommissionsvorsitzende H. S....

Vor 50 Jahren

vor 4 tagen - 06 Mai 2021 | Geschichte

DIE VERNEHMUNG DES BÜRGERMEISTERS DEETLEFSSwakopmund — Die Untersuchung der Amtsführung des Swakopmunder Stadtrates wurde am Mittwoch fortgesetzt. Unter Vorsitz des Windhoeker Hauptmagistrats H. S. van...

NUR 24 ZEILEN (57. Folge)

vor 5 tagen - 05 Mai 2021 | Geschichte

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr...

Vor 50 Jahren

vor 5 tagen - 05 Mai 2021 | Geschichte

1971-05-05 DIE ERSTEN ZEUGENAUSSAGENSwakopmund — Bei der Untersuchung der Indienstnahme, Suspendierung und Entlassung des Swakopmunder Stadtsekretärs J. H. Steyn, die am Montag in Swakopmund...

Vor 50 Jahren

1 woche her - 03 Mai 2021 | Geschichte

NATO-MANÖVER IM MITTELMEERNeapel — 60 Kriegsschiffe und 300 Flugzeuge der NATO-Mitglieder USA, Großbritannien, Italien, Griechenland und Türkei nehmen gegenwärtig an Manövern im Mittelmeer teil, die...

NUR 24 ZEILEN (54. Folge)

1 woche her - 30 April 2021 | Geschichte

NEUE PERSPEKTIVEN (Kapitel 17, Teil 1/3)Nach Kurts langem, verzweifelten Brief im Dezember 1947 reißt der Kontakt zwischen ihm und Hildegard ab. Das Jahr 1948 muss...

Vor 50 Jahren

1 woche her - 30 April 2021 | Geschichte

„LA CAVE“ GESCHLOSSENWindhoek — Des fully lizenzierte Restaurant im Carl-List-Gebäude, dass auch den Terminus von SAL beherbergt, wird ab 3. Mai für etwa zwei Monate...

Vor 50 Jahren

1 woche her - 29 April 2021 | Geschichte

PRINZENBALL VERKÜRZTWindhoek — Der Magistrat von Windhoek hat dem Antrag des Sportklub Windhoeks auf Erteilung einer Schanklizenz bis 4 Uhr morgens für den Prinzenball am...

NUR 24 ZEILEN (54. Folge)

1 woche her - 28 April 2021 | Geschichte

DIE KETTE REISST (Kapitel 16, Teil 4/4)Mutter Mereis schreibt in dieser Zeit noch einmal an Kurt:Mein Kummer ist groß um Hildegard. Sie ist so ruhig...