31 März 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (49. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

IN EINER FREMDEN WELT (Kapitel 15, Teil 5/6)

Kurt Falk, c/o Boys Grammar School, Toowoomba

Am 26. April 1947

Meine liebe Hildegard!

In der letzten Woche erreichten mich mehrere Briefe aus Deutschland. Alle, unabhängig voneinander, haben mir geraten, nicht zurückzukehren. Sie sähen meine Heimkehr als Wahnsinn und ihren Grund nur in meiner Unwissenheit über die Dinge, die meiner warten. Sie malen mir ein so trostloses Bild von ihrer Umgebung und ihrer Zukunft, sie beneiden mich, daß ich die Möglichkeit einer Existenz im Britischen Reich habe, und sie warnen mich vor schnellen Entschlüssen, die von Erinnerungen einer vergangenen Zeit getragen sein könnten. Briefe von meinem Onkel aus Deutschland machten mir klar, daß auch von meinem Vermögen dort nichts übriggeblieben ist.

So habe ich mich nach langen Überlegungen entschlossen, entweder hierzubleiben oder nach Südafrika zurückzukehren. Ich glaube, in einem dieser Länder eher und schneller eine Existenzmöglichkeit zu finden. Und ich schrieb Dir ja schon des Öfteren, daß ich hier meine Freiheit und Eigenständigkeit mit einer Frau in einer glücklichen Familie noch einmal verwirklichen könnte. Diese Sehnsucht nach Frau und Kindern ist so groß und tief in mir, daß sie meine persönliche Entscheidung ebenso bestimmt wie die Berichte meiner Freunde. Es wäre alles so viel einfacher, wenn Du bei mir wärst. Denn diese Entscheidung schließt nicht nur mich ein, sie geht auch Dich an und vielleicht Kinder, die ich mir wünsche.

In den ersten Jahren unserer Begegnung habe ich mir oft ausgemalt, wie Du Dich wohl in Deutschland einleben würdest. Ich sah mannigfache Schwierigkeiten, aber mit einem verstehenden und mitfühlenden Herzen hätte ich Dir den entscheidenden Wechsel leicht zu machen versucht. Es wäre aber alles einfacher gewesen, da Du „heim“ gekehrt wärst. Nun aber ruft nicht die Heimat, sondern ich bleibe außerhalb der Grenzen und muß versuchen, in einem neuen Land ohne deutsche Sprache und ohne deutsches Umfeld heimisch zu werden. Hier könntest Du mir helfen, ein neues Leben aufzubauen, ich weiß, daß nur Du mich dieser neuen Welt näherbringen könntest.

Mein Englisch soll nach Äußerungen verschiedener Australier soweit sein, daß ich den Lehrerberuf erfüllen könnte. Ich selbst fühle mich aber noch nicht sicher genug und habe mir deshalb diese Arbeitsstelle ausgesucht, um Land und Leute besser kennenzulernen. So spreche ich fleißig und höre viel zu. Ich könnte mir ja eine australische Freundin anschaffen, man sagt immer, daß man so am besten Sprachkenntnisse erwerbe, aber ich bin Dir treu. Jeder Tag, hoffe ich, bringt uns unser Wiedersehen näher, und das bedeutet für mich gegenwärtig alles.

Schreib mir oft, Deine Briefe machen mir das Leben leichter. Du kannst Dir gar nicht denken, wie tief mich Dein Brief von 1946 berührt hat. Ich habe so oft Sehnsucht nach einem lieben Wort von einem verstehenden und geliebten Menschen, wie Du mir einer bist.

Er grübelt hin und her über seine Zukunft, die unsicher bleibt, abhängig vom Bescheid der Behörden ist und noch viel mehr von einer Antwort Hildegards. Am 7. Juni 1947 schreibt er:

Toowoomba, Boys Grammar School

Meine liebe Hildegard!

Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt richtig ist, Südafrika wieder aufzusuchen. Hier kann ich ganz neu anfangen, und vielleicht wäre ein Leben hier leichter als bei Euch? Ich weiß es nicht: So überlasse ich es den südafrikanischen Behörden, wie entschieden wird. Du kannst Dir sicherlich vorstellen, wie mir zumute ist: dieses Grübeln, diese Unsicherheit, dieses Warten, dieses sich Zurechtfindenmüssen in einer neuen, fremden Welt …

Es wäre sicherlich für Dich und mich viel leichter zu sagen: Wir machen Schluß, das Schicksal ist gegen uns. Laß uns dankbar sein für das gegenseitige Nehmen und Geben und ungebunden neue Entscheidungen treffen. Ich schrieb, es wäre leichter. Aber ich kann und will nicht diesen leichten Weg gehen. Es gibt gerade für mich so wenige Menschen, die ich liebe und verehre wie Dich. Und ich weiß genau, daß alles gut ist, sobald wir uns wieder gegenüberstehen. Ich weiß, daß dann acht Jahre und das große Meereswasser nicht mehr gelten werden. Und solange ich das weiß, kann ich keinen anderen Weg gehen.

Die Sehnsucht nach einem Mutterwort oder den Worten eines geliebten Mädchens wächst immer größer in mir. Die sieben Jahre Kampleben haben uns Männer einseitig werden lassen, jungenhaft, wir sind stehengeblieben in unserer Entwicklung. Ich hatte all die Jahre immer das Gefühl, 28 Jahre alt zu sein, das Alter, in dem ich interniert worden war. Schiffsjungen, die mit 14 gefangen genommen worden waren, benahmen sich selbst noch mit 21 Jahren wie Vierzehnjährige. Es fehlten die Begegnung mit einer Frau und der Einfluß eines weiblichen Wesens auf uns Männer. Und ich war noch einer der wenigen Glücklichen, der all die Jahre Briefe von Dir empfangen konnte, die mich glücklich machten in all dem Elend.

Ende Juni schreibt er einen weiteren Brief:

Meine liebe Hildegard!

Ich könnte mich für glücklich halten, wenn Du nur hier wärst! Noch kann ich Dir nicht schreiben, komm und laß uns gemeinsam beginnen, denn dazu fehlt mir die wirtschaftliche Grundlage. Es muß sich in den nächsten Monaten entscheiden, ob ich entweder hier Lehrer werden oder ob ich nach Südafrika zurückfahren kann und, vor allem, ob Du mich hier besuchen könntest. Denn es muß eine Begegnung zustande kommen!

Ich weiß, daß es immer wieder ein neues Wagnis bedeutet, von diesen Dingen zu schreiben. Aber dann denke ich wieder an Deine klaren, einfachen Sätze in einem Deiner Briefe 1945: „Ich komme zu Dir, wenn Du meinst, daß eine wirtschaftliche Grundlage geboten ist, und es soll dann ganz gleich sein, wohin der Weg geht.“ Du schriebst diese Worte auf meine drängenden Bitten, mir nach Deutschland zu folgen. Sie sollten für Australien genauso lauten, denn wir zwei müßten ja unseren Weg auch hier allein suchen und finden.

Ich habe eine solche Sehnsucht nach Dir!

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