03 März 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (43. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falk.

ZERSTÖRTE HOFFNUNGEN (Kapitel 14, Teil 3/4)

Im Juli 1946, er hat den Brief noch nicht erhalten, ergibt sich plötzlich für Kurt eine ganz neue Möglichkeit. Er könnte schon bald als Zivilinternierter freigelassen werden, wenn er bereit wäre, zunächst in Australien zu bleiben. Diese Möglichkeit ergreift er mit beiden Händen. Freiheit! Und in dieser Freiheit könnte er doch so schnell wie möglich eine Begegnung mit Hildegard herbeiführen! Am besten, sie käme sofort nach Australien, um ihn zu besuchen! Er schreibt sogleich einen Brief:

Heute kann ich Dir etwas sehr Erfreuliches mitteilen, das für uns beide von weitreichender Bedeutung sein könnte. Wir Internierte und Seeleute aus diesem Lager hatten Gelegenheit, vor einem Vertreter der australischen Regierung die Bitte vorzutragen, freizukommen und hier im Land zu arbeiten. Es ist also möglich, daß ich auch bald durch das Lagertor in die langersehnte Freiheit gelange. Am besten wäre es, wenn Du dann in den großen Ferien eine Reise in dieses Land unternehmen könntest, damit wir uns nach so langer Zeit der Trennung endlich wiedersehen und begegnen. Bei der Finanzierung der Fahrt würde ich mich irgendwie zu beteiligen wissen.

Ich gebe alles daran, um ein Wiedersehen mit Dir herbeizuführen! Wir müssen vielleicht meiner Begeisterung mit nüchternen Zahlen und Tatsachen begegnen, aber was mag noch gegenwärtig unserem Zusammentreffen an Bedeutung gleichkommen? Es scheint mir überhaupt keine andere Möglichkeit zu geben, uns wiederzusehen als auf diese Weise. Eine Reise nach Europa wäre für Dich während der nächsten Jahre wahrscheinlich nicht möglich, und die Ungewissheit des Wartens wird für mich hier auf die Dauer unerträglich. Wir müssen uns erst einmal sehen, ehe wir wichtige Entscheidungen treffen können. Jetzt, da ich mich dem freien Leben wieder nähere, fühle ich wieder, wie stark ich an Dich gebunden bin. In all meinen Gedanken und Plänen bist Du mit eingeschlossen.

Als Kurt Mitte August immer noch keine Antwort auf seinen letzten Brief erhalten hat, ergreift er eine nicht weiter erklärte Gelegenheit, von außerhalb des Lagers einen längeren Brief auf Schreibmaschine zu formulieren.

Liebe Hildegard,

ich muß Dir einmal auf diesem ungewöhnlichen Weg schreiben, da ich in den kurzen Briefen aus dem Lager stets gezwungen bin, knapp zu formulieren. Wegen der Begrenztheit des Papiers sind meine Sätze jedes Mal nur das nüchterne Ergebnis einer langen Gedankenreihe. Außerdem steht zwischen uns immer der Zensor, der alle Briefe kontrolliert und zum Teil abschreibt. Wenn Du zurückschreibst, darfst Du auf diesen Brief keinen Bezug nehmen, Du darfst dem Zensor keine Mittel gegen mich in die Hand spielen.

Auf lange Sicht gibt es für mich heute drei Möglichkeiten: Deutschland, Südafrika oder Australien. In Südafrika würde ich mich auch, wenn nötig, naturalisieren lassen. In Australien würde ich zunächst in die Freiheit gelangen und arbeiten. Wir warten tagtäglich auf unsere Entlassung. Über Deutschland schrieb ich schon.

Es wäre für Dich und mich so viel leichter, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, wenn wir uns begegnen könnten. So verstehe bitte auch die etwas leichtfertig ausgesprochene Aufforderung, mich zu besuchen. Dahinter steht mit großem Ernst die Überzeugung, daß eine Begegnung die einzige Lösung all unserer Schwierigkeiten bedeutet. Mein Verhältnis zu Dir hat sich während der letzten sieben Jahre nicht verändert und wird sich nicht verändern, auch wenn ich das Lager verlassen werde. Zwei Hindernisse jedoch erkenne ich an: Die fast unüberwindliche Entfernung zwischen uns und die erschreckende Aussicht, daß ich nicht genug Geld verdienen könnte, um eine Familie zu unterhalten.

Hildegard, ich verdanke Dir in meinem Leben sehr viel, sowohl in Südafrika als auch in den letzten sieben Jahren. Du bist mir als einziger Mensch über den Draht hinweg erhalten geblieben. Aber eins will ich nicht: Dich in Deiner inneren Freiheit bedrängen. Selbst wenn wir uns jetzt trennen wollen, hätte ich für mich einen reichen Gewinn zu verbuchen, den ich mein Leben lang in mir trage. Vergessen könnte ich Dich nicht.

Der Krieg ist jetzt schon über ein Jahr vorbei, und noch immer ist Kurt in Gefangenschaft, ohne ein Lebenszeichen aus Kapstadt, ohne ein Lebenszeichen aus Deutschland – mit einem rasenden Heimweh im Herzen und sich verbrauchenden Kraftreserven. Ende September schreibt er dennoch wieder einen Brief. In ihm beschreibt er zwei Bilder, die einen Einblick in seinen Seelenzustand geben:

Vor mir hängen drei Bilder an der Barackenwand: eine Photographie mit einer weiten deutschen Hügellandschaft, in die man durch hohe, mächtige Kiefernstämme hineinschaut. Heimweh und Sehnsucht nach dieser Weite und nach der Freiheit greifen mir ans Herz, daß ich manchmal rasend werden möchte. Daneben hängt ein Kinderbildnis von Rubens. Ich, der ich mein ganzes Leben mit Kindern zu tun hatte, sie liebe, sie zu verstehen glaube, ihr Herz gewinne und ihnen meine ganze Kraft widmen sollte, ich bin nun schon durch viele lange Jahre von dem Zusammensein mit Kindern ausgeschlossen.

Das Warten wird immer schwieriger und unerträglicher. Allmählich verbrauchen sich meine Kraftreserven, sie werden ja nicht aufgefüllt, weil der verfluchte Stacheldraht uns von der Welt abschneidet und die eigenen Ansätze im Lagerleben völlig verkümmert sind. Es fehlt die Berührung mit Mensch und Dingen. Sie sind uns nur noch auf Bildern möglich.

Ein drittes Bild, eine Postkarte mit den leuchtenden Sonnenblumen des holländischen Malers van Gogh, das auch viele Jahre an seiner Barackenwand gehangen hat, erwähnt er nicht.

Im Oktober 1946 schreibt Kurt einen letzten Brief aus der Gefangenschaft. Da er inzwischen vom Kriegsgefangenen zum Zivilinternierten umdeklariert worden ist – als Seemann durfte er von diesem Recht Gebrauch machen –, kann er aus dem Lager Murchison entlassen werden. Zuvor muss er mit einem der obersten Richter Australiens ein Gespräch führen, das die australischen Behörden davon überzeugen soll, dass er keine politische Gefahr für Australien bedeutet. Er muss auf die Bibel schwören, to tell the truth and nothing but the truth, und mehrere Fragen beantworten. Auf die erste Frage, ob er NSDAP-Parteimitglied gewesen sei, kann er mit Nein antworten. Die zweite Frage, ob er sich im Falle eines Krieges gegen Australien auf die Seite des Feindes schlagen würde, verneint er selbstverständlich auch. Auf die Frage, ob er die Invasionen Österreichs und des Sudetenlands seitens der Deutschen Wehrmacht begrüßt habe, antwortet er wahrheitsgemäß mit einem Ja. Dennoch ist die Reaktion des Richters positiv. Er könne zunächst für ein Jahr im Land bleiben. Für das Leben jenseits des Stacheldrahts gibt er ihm mit auf den Weg: „You will have a rocky time.“

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