26 Februar 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (42. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falk.

ZERSTÖRTE HOFFNUNGEN (Kapitel 14, Teil 2/4)

Lieber Kurt,

lange, lange habe ich keine Nachricht von Dir erhalten, und fast habe ich die Hoffnung aufgegeben, von Dir zu hören. Meine Briefe, muß ich gestehen, sind auch seltener geworden. Ich weiß nicht, wohin meine Gedanken sich richten und drehen sollen. Deshalb habe ich mich an das Rote Kreuz in Australien gewendet und hoffe, daß ich von dort eine Mitteilung irgendwelcher Art bekommen kann.

Uns geht es hier gut, aber tief in unserem Herzen ist eine große Trauer um alles, was geschehen ist. Noch drei Monate, und auch meine Zeit an der Universität ist abgelaufen. Um eine Stellung habe ich mich schon bemüht. Einerseits möchte ich gerne weit weg nach Pretoria oder gar nach Windhoek, um auch Südwest einmal kennenzulernen. Andererseits hält es mich auch hier. Im Hintergrund sind immer der Gedanke und die Hoffnung, Du könntest hier vorbeikommen. Es sind nun schon sechs furchtbar lange Jahre her, seit wir einander zuletzt gesehen haben. Und doch weiß ich, daß ich Dich wiedersehen will.

Im Dezember schließt Hildegard ihr Studium erfolgreich ab, die Eltern Mereis helfen weiterhin Menschen in Not, schicken warme Kleidung nach Deutschland.

Die Internierten in Südafrika sind auch noch nicht freigelassen. Die jungen Südafrikaner, die in der British Army gekämpft haben, kehren jedoch einer nach dem anderen zurück, und in Kapstadt und Somerset West wird viel und ausgiebig gefeiert, die vier Mereis-Geschwister werden häufig zu Partys und Festlichkeiten eingeladen, auf denen vorwiegend Afrikaaner und Engländer verkehren. Es gibt weiterhin Verlobungen und Hochzeiten. Überhaupt haben alle Leute Hochzeitsfieber, schreibt Hildegard, es wird links und rechts geheiratet.

Tatsächlich wird die Entfremdung zwischen Kurt und Hildegard trotz aller guten Vorsätze immer größer. Weihnachten vergeht, ein neues Jahr beginnt, und noch immer sind die Männer in Australien hinter Stacheldraht. Im Jahr 1946 schreibt Kurt über diese Zeit: Gerade im letzten Jahr sind wir uns ferner gerückt. Unsere Leben sind so verschieden geworden. Und unsere Zukunft trennt uns heute tiefer, als Du und ich vielleicht zugeben möchten. Die Dinge, die auch einmal mein Leben ausgemacht haben und die heute Dein Leben bestimmen, sind mir immer fremder geworden, so daß ich manchmal nur schwer die innere Anteilnahme für Dich und Deine Erlebnisse finden kann.

Auch Hildegard geht innerlich durch eine tiefe Krise. Die langen Briefpausen und die durch die Jahre des Getrenntseins entstandene Fremdheit lösen in ihr eine zermürbende, fast immer gegenwärtige Niedergeschlagenheit aus. Später wird sie über diese Zeit schreiben:

Das Gefühl des Einsamseins, vor allem, wenn man es unter vielen Menschen empfindet, ist das Schlimmste, was einem passieren kann, so ging es mir in Stellenbosch, wenn ich andere froh und glücklich sah. Es hat mich so bedrückt, besonders wenn länger keine Nachricht von Dir eingetroffen ist, daß ich nicht aus und ein wußte. Ich suchte Gesellschaft und Ablenkung bei anderen und kam dann auch manchmal getröstet zurück. Wie oft aber auch nicht! Dann war es noch schlimmer. Wenn dann ein Brief eintraf, war es wieder gut, wenigstens für eine kurze Zeit. Und dann fing es wieder an. Ich fühlte mich oft wie in einer tiefen, engen Schlucht, in der ich kein Licht sah.

Dennoch ist sie am Ende des Jahres noch fest entschlossen, Kurt wiederzusehen.

Wenn man will, schreibt sie, kann man vieles. Die Umstände und Zustände, die in Deutschland herrschen, sollen mich nicht abschrecken. Ich habe einen gesunden Verstand und einen gesunden Körper und werde mich durchkämpfen können. Darauf kannst Du Dich verlassen.

Doch dieser Brief erreicht Kurt erst nach sechs Monaten.

Anfang des Jahres 1946 fängt Hildegard an der angesehenen Jan-van-Riebeeck-Schule in Kapstadt an zu arbeiten. Dort setzen sich die Lehrer für ein neues Südafrika ein, in dem Afrikaans neben Englisch seinen rechtmäßigen Platz erhalten soll. Im April sitzt Kurt immer noch im Lager. Er hat das Unterrichten aufgegeben, hält sich beschäftigt mit Bäumefällen und Holzhacken, geht täglich in den nahegelegenen Wald und schwingt die Axt, fällt abends todmüde ins Bett. Eine Rückkehr nach Deutschland kann jeden Tag erfolgen oder sich noch monatelang hinziehen. Von dort hat er schon seit über einem Jahr keinen Brief mehr erhalten.

In Südafrika werden schließlich die meisten Internierten freigelassen und nach Deutschland deportiert. Hildegard hat keine Ahnung, wo sich Kurt befindet. Ist er noch in Australien oder schon in Deutschland? Die Arbeit an der afrikaansen Highschool macht ihr Spaß, die Kollegen sind freundlich und haben ähnliche Vorstellungen vom Unterrichten und von Pädagogik wie sie. In Kapstadt sind inzwischen fast alle Soldaten zurückgekehrt, fangen wieder an zu arbeiten, äußerlich geht das Leben weiter, als sei nicht viel geschehen.

Erst im Juni, nach sechs Monaten Pause, bekommt Hildegard endlich wieder Post aus Australien. In der langen Zeit der Briefpause hat sich etwas in ihr verändert, sie ist zögerlicher geworden, weniger kämpferisch, deutet erste Zweifel an, ob sie wirklich noch bedingungslos zueinander gehören, und will keine Versprechungen mehr machen. Sie schreibt zurück:

Nach Deinem letzten Brief habe ich lange mit meiner Antwort gezögert. Augenblicklich scheint es mir, als läge unsere Zukunft noch dunkler vor uns als vor sechs oder mehr Jahren, als Du damals von hier wegfuhrst. Wenn ich ganz offen sein will, dann weiß ich nicht, ob es unter den jetzigen Umständen Sinn hat, gegenseitige Versprechungen zu machen ... Wir haben uns so lange, lange nicht gesehen. Werden wir uns nicht erst nach einem Wiedersehen zu Weiterem entschließen müssen?

Du hast mich gebeten, offen zu sein. Glaub’ mir, in diesem Jahr hat dieses Problem in stets wachsender Größe vor mir gestanden. Vielleicht tu ich Dir mit diesen Worten sehr weh, aber bitte schreibe mir erst wieder, wenn Du wieder in Deutschland bist, und sage mir dann, was Du denkst und fühlst. Dann werden wir entweder den Weg zueinander finden oder unsere Wege werden sich nie mehr kreuzen. Solange Du noch im Lager bist, können wir mit Versprechungen nicht weiterkommen.

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