12 Februar 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (39. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

EINE ENTSCHEIDENDE ANTWORT (Kapitel 13, Teil 1/2)

Nach seinem letzten Brief im Dezember mit dem Vorschlag, sich zu verloben und sich somit zu verpflichten, aufeinander zu warten, fällt es Kurt besonders schwer, Monat für Monat ohne eine Antwort verstreichen zu sehen. Er weiß, dass ihm ein Versprechen helfen würde, die nächste Zeit durchzustehen, aber wie sieht es in Hildegard aus? Wird sie sich durch solch ein Versprechen eingeschränkt fühlen? Erwartet er ein zu großes Opfer?

Er weiß, dass sie noch ein weiteres Jahr studieren muss und auch dass es im Leben der Familie Mereis inzwischen eine wichtige Veränderung gegeben hat. Ende 1943 haben Harry und Erna Mereis die Farm Belmont gekauft, eine etwa 30 Morgen große Weinfarm, drei Kilometer von Somerset West entfernt auf dem Weg nach Stellenbosch. Sie sind aus dem schönen Haus in der Belmont Avenue am Tafelberg ausgezogen, und anstatt des Blicks auf den Kapstädter Hafen haben sie nun eine wunderschöne Aussicht auf weite, grüne Täler und den mächtigen Helderberg. Harry Mereis wird mit fünfzig Jahren noch einmal zum Weinfarmer, macht allerdings selbst keinen Wein, sondern verkauft die Trauben an eine Kooperative. Er ist eher ein Kleinbauer mit ein paar Hühnern, Mauleseln und Obstbäumen und kümmert sich auch weiterhin um sein Geschäft in Kapstadt.

Durch das Leben auf der Farm entkommt die Familie Mereis einigen Alltagssorgen, die der Krieg zunehmend mit sich bringt. Von Jahr zu Jahr wird alles knapper: Garn, Stoffe, Seidenstrümpfe, Bettwäsche, Wolle, weißer Zucker, Butter und Weißmehl. Schwester Ursula berichtet von den relativ kleinen Unannehmlichkeiten zu der Zeit, zum Beispiel, dass es verboten ist, Weißmehl zu verkaufen. Um dennoch weißes Brot zu backen, sieben die Hausfrauen heimlich das braune Mehl. Die Zahnpasta sieht aus wie Vim in Schnupftabakdosen und schmeckt wie Seife, und wenn man gar keine Zahnpasta bekommt, nimmt man Zigarettenasche und putzt sich die Zähne mit dem Zeigefinger. Papier wird knapp, Fotos werden in winzigem Format gedruckt, selbst die Briefmarken werden zu Minimarken. Benzin wird rationiert, man bekommt Coupons, einige Autos fahren mit Paraffin und rauchen wie eine Dampflok.

In Australien hat Kurt in dieser Zeit nur einen Gedanken: Wie wird seine Freundin auf seinen letzten Brief reagieren? Er wartet und wartet. Als er Ende Januar endlich einen Brief bekommt, hat sie seinen Brief vom Dezember offensichtlich noch nicht erhalten. Immer ungeduldiger sehnt er sich nach ihrer Antwort. Im Februar schreibt er: Es ist schwierig, Dir nach meinem letzten Brief zu schreiben, alles empfinde ich als belanglos, obwohl ich weiß, daß mich eine Antwort erst in einigen Monaten erreichen wird. Bei diesen Entfernungen, in dieser Zeit, gestaltet sich unser Gespräch so langwierig. Ständen wir uns gegenüber, könnten wir es in wenigen Minuten beenden, und nichts hätte ich mir sehnlicher gewünscht, als alles mit Dir persönlich zu besprechen. Es hätte ein schönes Fest gegeben!

An seinem Geburtstag im März ahnt Kurt nicht, dass er im Mai die schmerzlichste Nachricht seines Lebens erhalten wird. Ein dunkler Monat muss das gewesen sein: noch immer keine Antwort aus Südafrika und dann die unfassliche Todesnachricht. Am 28. Mai 1944 schreibt er:

Meine liebe Hildegard!

Weiterhin erwarte ich Tag um Tag eine Nachricht von Dir, und leider werde ich weiterhin enttäuscht. Heute muß ich Dir die schmerzlichste Nachricht weitergeben, die mir je in meinem Leben mitgeteilt worden ist: Meine Mutter ist ganz plötzlich an einem Herzschlag am 26. Januar 1944 gestorben. Mit ihr habe ich verloren, was mir in meinem bisherigen Leben an Erinnerung von Kindheit und Jugend wert und lieb war, mit ihr habe ich mein Heim, mein Zuhause verloren, mit ihr ist etwas von dem gegangen, was man Heimat, Geborgenheit, Familie nannte.

Ich hätte sie gerne wiedergesehen, neun Jahre Trennung waren eine lange Zeit! Wie gern hätte ich ihr noch ein klein wenig von dem vergolten, was sie mir und meinen Brüdern getan hat. Wie gern hätte ich sie auch mit Dir gemeinsam aufgesucht nach meiner langen Irrfahrt durch die Welt. Heute, am 28. Mai, ist ihr 64. Geburtstag. Sie hatte sicher viel zu ertragen in ihrem arbeitsreichen Leben und der Tod meiner beiden Brüder, meine Verbannung in Australien und der aktive Kriegsdienst meines Bruders Fritz, das ständige Alleinsein, die Sorgen und die ständige Bereitschaft, Schlimmeres ertragen zu müssen, mag ihren allzu frühen Tod herbeigeführt haben.

Über einen Monat schreibt Kurt jetzt keinen Brief mehr nach Südafrika, denn ohne eine Antwort auf seinen Brief vor über einem halben Jahr kann er einfach nicht mehr über belanglose Dinge seines Alltags schreiben. Ende Juli, nach einem halben Jahr, kommt endlich der so lang ersehnte Brief an, den Hildegard schon Anfang Februar geschrieben hat.

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