10 Februar 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (38. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

LAGERLEBEN (Kapitel 12, Teil 3/3)

Sie wartet nun schon mehrere Jahre auf ein Foto von Kurt. Ob ich Dir dann auch das schöne Kompliment machen kann, daß Du älter geworden bist? fragt sie ihn spöttisch. Ich habe Angst, daß ich wieder so etwas Ähnliches zu hören bekomme, sonst würde ich Dir auch mal wieder ein Bild von mir schicken. Oder vielleicht mache ich vorher eine Verjüngungskur?

Kurt antwortet: Du fürchtest, daß mich ein Bild von Dir enttäuschen könnte? Warum denn? Ja, wollen wir denn mit unseren Erinnerungen immer auf dem Tag stehenbleiben, an dem wir uns zueinander bekannt haben? Du hast eine andere Haarfrisur? Nun, mir fallen vielleicht in nächster Zeit die Haare aus! Du wirst älter, aber bei mir (ab dem 30. Lebensjahr) zählen die Jahre doppelt! Du siehst, auf allen Gebieten würde ich wahrscheinlich von unserem gemeinsamen Feind, der Zeit, härter und vernichtender geschlagen als Du. Du mußt mir also bitte ab und zu ein Bild von Dir schicken, damit ich auch Dein äußeres Bild nicht verliere.

Kurt berichtet auch immer wieder von dem Lagerleben, in dem die Schule im Mittelpunkt steht:

Unser Unterrichtswerk blüht und gedeiht, und die Abiturklasse beginnt jetzt ihr 3. Semester. Nach diesem Satz ist der Rest des Briefes mit einer Schere säuberlich abgeschnitten. Irgendetwas Politisches wird dort gestanden haben, vielleicht ein Hinweis auf die inzwischen katastrophalen Zustände in Deutschland? Vielleicht auf die 100000 Soldaten, die in russische Kriegsgefangenschaft geraten sind, vielleicht auf die immer massiver werdenden Bombenangriffe auf die deutschen Städte – amerikanische Flugzeuge am Tag, die britische Royal Air Force in der Nacht? Siegesmeldungen der Alliierten werden sicher auch ins Camp gedrungen sein. Immer noch sind es nur 24 Zeilen, die die Gefangenen schreiben dürfen. Oft stehen Anrede und Gruß ganz gequetscht am Anfang und am Ende, sodass mehr Platz für den Brief bleibt. Am 26. Oktober 1943 schreibt Kurt:

Meine liebe Hildegard!

In ein paar Tagen sind wir schon drei Jahre in Australien, bald vier Jahre gefangen. Du schreibst von der Zukunft! Wie oft habe ich mir ausgemalt, was wir zwei unternehmen werden, wenn wir uns wiedersehen. Wie gern möchte ich der Erste sein, der Dir die deutsche Heimat zeigt! Wir werden viele Fahrten machen müssen, ehe sich uns die deutsche Welt mit Meer und Ozean, Flüssen und Seen, den Wäldern und der Heide in ihrer ganzen Schönheit offenbaren wird.

Gerade in Deinen letzten Briefen hast Du mich Deine eigensten und tiefen Gefühle und Gedanken wissen lassen, und ich spüre in diesen Zeilen, wie unsere gegenseitige Liebe alle Gedanken und Erinnerungen überwindet, weil wir uns immer näherkommen, indem wir uns offenbaren, wie wir es einem anderen gegenüber nicht tun könnten. Wer oder was sollte noch einmal zwischen uns treten können in einer späteren Zeit? Enttäuschung? Entfremdung? Gleichgültigkeit? Andere Menschen? Alle diese Kräfte haben sich schon an uns versucht, an Dir wohl noch glaubhafter als bei mir, da Du im lebendigen Tätigsein und in menschlichen Gemeinschaften wirkst und Dich tagtäglich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen hast.

Und dennoch: Er ist voller Zweifel, wie er die Beziehung lebendig halten kann, auch unsicher, wie er ihrer Liebe eine feste Grundlage in unsicheren Zeiten geben könnte. Er entschließt sich daher zu einer Geste, die er bisher abgelehnt hat, da ihm eine formale gegenseitige Verpflichtung ohne innere Bindung nichts bedeutet. Aber sie sind nun schon über vier Jahre getrennt und ein Ende des Kriegs ist nicht abzusehen.

Meine liebe Hildegard!

Ich glaube, daß wir uns gegenseitig helfen, wenn ich gestehe, daß ich nach diesem Krieg zu keinem anderen Mädchen zurückkehren möchte als zu Dir, und ich bitte Dich heute, auf mich zu warten, daß ich Dich als meine Frau mit nach Hause nehmen darf. Wir gehören zusammen, wir haben es uns schon oft gegenseitig bekannt, und ich will diesem wenig verpflichtenden Zustand ein Ende machen. Du machtest mich mit Deinem vorbehaltlosen Ja unendlich glücklich.

Ich weiß aber auch, daß Du das größte Opfer bringst, daß Du mir ein Geschenk machst, das ich nie vergelten kann, denn wir wissen ja nicht, wie lange wir noch warten müssen. Eigentlich wollte ich mich nie in meinem Leben verloben, sondern gleich heiraten. Das Schicksal hat mir ein Schnippchen geschlagen. So halten wir viel klarer und eindeutiger zusammen, und es wäre gelacht, wenn wir in unserer Gemeinsamkeit mit dem uns auferlegten Geschick nicht fertig werden könnten. Wenn ich Deine Zustimmung habe, werde ich auch Deinen Eltern von unserem Entschluß schreiben. Daß wir uns immer besser verstehen und tiefer und inniger lieben, das soll uns das Jahr 1944 bringen.

Über ein halbes Jahr muss er auf Antwort auf diesen Brief warten.

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