03 Februar 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (37. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falke.

LAGERLEBEN (Kapitel 12, Teil 2/3)

Die Familie Mereis kümmert sich weiterhin um die deutschen Gefangenen, auch um die Internierten aus dem damaligen Südwestafrika, die ebenfalls in Südafrika gefangen gehalten werden. Mutter Mereis packt immer noch Pakete und schickt sie in die Lager. Eines Tages beschließt sie, selbst mit ihrem Auto den langen Weg zu den Lagern zu fahren und den Männern persönlich zu bringen, was sie brauchen. „Hildegard, komm mit“, sagt sie zu ihrer ältesten Tochter, „die Männer freuen sich, wenn sie Besuch bekommen.“ Während der Fahrt ist Hildegard in sich gekehrt. Sie ist traurig, fast ein wenig verbittert, dass sie fremde Männer besuchen soll, während Kurt so weit weg ist und keine Möglichkeit besteht, ihn zu sehen, und sei es auch nur für ein paar Minuten. Mutter Mereis spürt die Trauer in ihrer Tochter. Vielleicht muss ich ihr jetzt mal von meiner eigenen Erfahrung erzählen, überlegt sie. Bisher hat sie gezögert, denn zu ähnlich sind sich ihre Liebesgeschichten. Und Hildegards Geschichte hat einen so ungewissen Ausgang. Vielleicht macht es alles nur noch schlimmer?

„Weißt du eigentlich, dass ich auch sehr lange auf deinen Vater gewartet habe? Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, lebte ich mit meinen Eltern in Kapstadt. Ich war gerade vierzehn Jahre alt geworden. Genau wie jetzt wurden auch damals alle in Südafrika lebenden deutschen Männer sofort interniert. Also auch mein Vater. In einem Lager in Natal.“

Als Hildegard weiterhin schweigt, fährt sie fort: „Eines Tages besuchten meine Mutter und ich meinen Vater in diesem Kamp. Zufällig trafen wir dort einen jungen Mann, er lebte ganz in der Nähe auf der Farm seiner Eltern. Du weißt ja, wer das war. Auch bei uns war es Liebe auf den ersten Blick. Und das erste Mal sahen wir uns ja auch nur einige Minuten. Und auch ich war noch viel zu jung für eine feste Beziehung, ich ging noch zur Schule und meine Eltern wollten nicht, dass wir uns allein trafen. Wir haben uns aber geschrieben und auch noch drei- oder viermal gesehen, wenn wir meinen Vater besucht haben.

Vier Jahre lang haben wir uns geschrieben, genauso lange wie der Krieg gedauert hat. Als ich endlich achtzehn wurde, haben wir uns noch in derselben Woche verlobt.“

„Aber geheiratet habt ihr doch erst später?“

„Ach Mucki, der Krieg ... Einen Monat nach unserer Verlobung war er zu Ende und mein Vater wurde aus der Internierung entlassen. Aber er durfte nicht in Südafrika bleiben. Unsere ganze Familie wurde nach Deutschland deportiert, wir waren ja noch deutsche Staatsangehörige. Obwohl wir zu der Zeit schon fast zwanzig Jahre in Südafrika war ja meine Heimat. Weil ich mit meinen achtzehn Jahren aber noch nicht volljährig war, musste ich mit, ob ich wollte oder nicht.“

„Warum ist das bloß so? Deutsche, Südafrikaner – was ist denn der Unterschied!“

„Ja, und so schob sich auch zwischen uns dieser verdammte große Ozean. Zehntausend Kilometer! Wir haben uns viele, viele Briefe geschrieben, drei Jahre lang. Zum Glück dauerte nach dem Krieg die Post nicht mehr ganz so lange wie jetzt zwischen Südafrika und Australien. Aber viele Wochen hat es auch immer gedauert, bis ich wieder eine Antwort bekam. 1921, als ich einundzwanzig wurde, durfte ich endlich nach Südafrika zurück. Harry und ich haben sofort geheiratet, obwohl meine Eltern nicht dabei sein konnten. Wir haben sieben Jahre aufeinander gewartet. Aber wenn ich heute zurückschaue, waren sie gar nicht so lang.“

„Aber vielleicht will ich das gar nicht. Wir sind ja noch mitten in diesem furchtbaren Krieg.“

Am 1. Mai schreibt Hildegard einen Brief, in dem sie Kurt einen kurzen Blick in ihren Seelenzustand gewährt, auch wenn sie ein wenig in Rätseln spricht. Sie hat in Stellenbosch Schwierigkeiten, ihre alten Ideale um Deutschtum und Hitler-Deutschland aufrechtzuerhalten, und spürt, wie sie immer stärker in die „oberflächliche“ afrikaanse Studentengesellschaft hineingezogen wird.

Mein lieber Kurt!

Mit Sehnsucht denke ich an heute ein paar Jahre zurück – da waren wir am 1. Mai bestimmt nicht abends zu Hause wie jetzt! Im Nebenzimmer sitzen mein Vater und seine Skatbrüder, und es wird Skat gespielt. Ein Weilchen herrscht Stille, dann hört man wieder Fäuste auf den Tisch schlagen, ein lautes Aufrufen, bald danach ein eifriges Wortgefecht. In diesem Zimmer, wo die weibliche Welt sich aufhält, herrscht Totenstille. Nur die Uhr tickt tick-tack-tick-tack – so regelmäßig und unaufhörlich, daß ich es bald nicht mehr hören kann. Hier wird geschrieben und gehandarbeitet, und jede geht ihren eigenen Gedanken nach. Unaufhörlich tickt die Uhr, und ich weiß nicht, warum mich das heute so stört. Es ist sicher meine Ungeduld.

Weißt Du, wie in diesem letzten Jahr hat mir das Leben noch nie zu schaffen gemacht. Es ist nichts Äußerliches, meine Arbeit, mein Studium, alles geht ruhig und weiter seinen Weg. Aber innerlich bin ich so zerrissen, werde hin und her geworfen wie noch nie. Es ist, als ob mir alles in den Weg gelegt wird, mir meine Ideale zu zerschmettern. Die Versuchung, oberflächlich zu leben, nur für den Augenblick, und zu nehmen, was mir geboten wird, ist so groß, daß ich manches Mal nicht dagegen an kann. Einzelheiten zu beschreiben hat keinen Zweck, die können später einmal genannt werden, wenn sie dann noch wichtig sind. Denn in diesen Zeiten will ich nicht mit meinem Kummer und meinen kleinen Sorgen zu Dir kommen. Aber ich empfinde es als bitter, daß eine andere Welt und meine Umgebung so stark geworden sind.

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