26 November 2020 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (27. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Geschichte, südliches Afrika, II. Weltkrieg, Internierung, Kurt Falk, Erika von Wietersheim, Gefangenenlager, „nur 24 Zeilen“

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falk.

IN AUSTRALIEN (Kapitel 9, Teil 3/4)

Schon einige Wochen nach ihrer Ankunft im Kamp erhalten die Lagerinsassen Nachricht, dass die englische Regierung sie nicht mehr als „gefährliche Nazis“ ansieht, sie könnten sich ab sofort als freie Menschen betrachten. Doch Tausende von Kilometern von zu Hause nützt ihnen diese Zusage zunächst nichts. Australien per Schiff als freie Menschen zu verlassen ist auf Grund des Kriegsgeschehens gefährlich und praktisch unmöglich; auch können sie keinen Antrag auf Einwanderung nach Australien stellen, da die australische Regierung für die Kriegsdauer jegliche Einwanderung gesperrt hat. Wie die Kriegsinternierten müssen sie also warten und weitere Monate im Lager ausharren.

Die Lagerschule findet von Woche zu Woche größeren Zuspruch und nimmt immer mehr Zeit der Lehrer und Dozenten in Anspruch. Jeder, der etwas weiß, stellt sein spezielles Wissen zur Verfügung. Die oft noch sehr jungen Mitarbeiter leiten ihre Kurse mit Originalität und Schwung, auch der Besuch der Abendveranstaltungen ist überraschend gut. Die zahlreichen Vorträge des Professors Georg Erler, der sich auf der Dunera so selbstlos für die Gefangenen eingesetzt hat, sind besonders beliebt, da er auf populärwissenschaftliche Art und mit einem phänomenalen Gedächtnis juristische Probleme auf so humorvolle Weise schildert, dass er die ganze Halle zum Lachen und damit fröhliche Stunden in das Lagerleben bringt. Am 5. November 1940 ist es genau ein Jahr her, dass die Uhenfels beschlagnahmt und Kurt interniert worden ist. Genau an diesem Tag bekommt er – nach fünf Monaten ohne Lebenszeichen – endlich Post aus Südafrika. Gleich vier Briefe auf einmal! Vor lauter Freude schreibt er sofort einen Antwortbrief.

Meine liebe Hildegard!

Heute vor einem Jahr wurden wir auf unserem ersten Dampfer entdeckt und interniert, und es ist, als wenn das Schicksal diesen Jahrestag besonders fröhlich gestalten will, denn heute erhielt ich nach fünf Monaten vier Briefe von Dir vom Mai, Juni und dem 2. Juli, dem Tage, an dem wir unser Schiffsunglück hatten. Deine Gedanken und Wünsche haben mir an jenem Tage besonders viel geholfen, und ich bin Dir dankbar dafür. Dieser Tag wird ewig in meiner Erinnerung bleiben.

Trotz der engagierten Arbeit in der Schule gibt es im Lager wenig Ablenkung und viel Zeit zum Nachdenken und Grübeln. So sind die Gefangenen gezwungen, sich mit ihren Todes- und Grenzerfahrungen auseinanderzusetzen, die sie hinter sich haben. Leider sind die Briefe zu kurz, als dass man viel über die Ergebnisse dieses Grübelns erfahren würde, aber es gibt ein paar Andeutungen. Nach dem Erlebnis auf der Arandora Star, bei dem er so viele Kameraden vor seinen Augen hat untergehen sehen und sein eigenes Leben nur mit großem Glück gerettet worden ist, seien er und viele seiner Leidensgenossen ehrlicher gegenüber sich selbst geworden, schreibt Kurt. So gesteht sich zum Beispiel die Mehrheit der Männer ein, dass ihnen der traditionelle Kirchenglaube, den sie als Kinder und Jugendliche vermittelt bekommen haben, keine echte Hilfe in den Stunden der Todesangst gewesen ist – eine Erkenntnis, die Kurt nachdenklich macht, Fragen aufwirft, ihn zwingt, noch einmal ganz von vorn nach Antworten zu suchen.

Er berichtet Hildegard bewusst von seinen grüblerischen Gedankengängen, denn er möchte, dass sie an seiner inneren Entwicklung teilhat:

Der Glaube unserer Eltern ist nicht mehr der unsrige. Wir leben in einer Zeit des Suchens. Man muß ehrlich sein und neue Antworten auf brennende Fragen finden. Unsere Vorfahren haben es leichter gehabt. Sie sahen das Leben auf dieser unvollkommenen Erde als eine Prüfungs- und Bewährungszeit, und je mehr Prüfungen ihnen auferlegt wurden, desto mehr und sicherer glaubten sie an Gottes Planung. Wir als junge Generation müssen jedoch diese Dinge mit uns selbst ausmachen.

In dem Nachdenken und Grübeln in den Briefen kommt die politische Situation in Deutschland allerdings nicht vor. In keinem Brief findet sich eine Äußerung über die dramatische Entwicklung des Kriegs in Europa. Ein Grund dafür ist vermutlich das strenge Verbot der australischen Zensur – jede politische Bemerkung, die sich in einen Brief schleicht, wird fein säuberlich vom Zensor herausgeschnitten. Auch erfahren die Gefangenen wenig aus Zeitung oder Radio über die aktuelle politische Lage, da auch diese Kommunikationsmittel im Lager verboten sind. Ob sie eventuell von Lageraufsehern etwas hören?

Die Ereignisse in Europa sind in der Tat dramatisch. Im September 1939 überrollt Hitlers Wehrmacht in achtzehn Tagen Polen, im April 1940 dringt er in das neutrale Dänemark und Norwegen ein, und schon im Mai 1940 folgt der „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Zuvor sind schon Holland und Belgien zur Übergabe gezwungen worden, Goebbels spricht vom „größten Sieg aller Zeiten“. Der nächste Schlag soll England gelten, dort ist inzwischen Churchill Premierminister geworden. Doch die berühmte Luftschlacht um England von Juli bis Ende Oktober 1940 endet in der ersten großen Niederlage Deutschlands, und Hitler gibt seine größenwahnsinnigen Invasionspläne zunächst auf. Die SS errichtet inzwischen im besetzten Polen das erste Konzentrationslager, in Auschwitz. Dort werden im Jahr 1940 etwa 70000 Menschen, zumeist polnische Intellektuelle und sowjetische Kriegsgefangene, ermordet oder kommen infolge der unerträglichen Haftbedingungen zu Tode. Wahrscheinlich hat man weder in Südafrika noch im Lager in Australien um diese Zeit davon gehört.

Auch im australischen Lager werden die Gefangenen mit dem Tod konfrontiert, aber es ist ein Tod, der weit entfernt ist. Schmerzhaft ist er trotzdem. Immer wieder denkt Kurt an seinen gefallenen Bruder Heinz und versucht zu begreifen, dass er ihn nie wieder sehen wird. Jeden Monat erreichen weitere Todesnachrichten das Lager, von ehemaligen Klassenkameraden, von Freunden der Familie. Ein Lagerkamerad erfährt in einem Brief vom Tod seiner kleinen Tochter und Kurt ist hilflos – wie soll er ihn trösten? Allmählich kommen alle Briefe, die Hildegard noch nach England in die verschiedenen Lager geschickt hat, in Australien an. Für Kurt sind ihre Zeilen eine Kraftquelle, die ihn zutiefst beglückt und dankbar macht. Am 23. November 1940 schreibt er zurück: Deine Grüße sind mir ein derartiges inneres Kräftigungsmittel, daß ich gar nicht weiß, wie ich Dir diese Treue einmal vergelten kann. Du bist es ganz allein, die mir regelmäßig Grüße und Briefe geschickt hat. Du allein läßt mir immer wieder durch Dein treues Gedenken alles leichter erscheinen.

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