14 Oktober 2020 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (21. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern.

Geschichte, südliches Afrika, II. Weltkrieg, Internierung, Kurt Falk, Erika von Wietersheim, Gefangenenlager, „nur 24 Zeilen“

HÖLLENSCHIFF DUNERA (Kapitel 8, Teil 2/5)

Im Juni und Juli 1940 verlassen fünf Schiffe mit Gefangenentransporten England; die Duchess of York erreicht mit 2600 Internierten Kanada; die Arandora Star mit über 1400 Internierten, darunter Kurt, ebenfalls auf dem Weg nach Kanada, versinkt am 2. Juli mit über 1000 Mann; die Ettrick mit 3062 Internierten und die Sobieski mit 1838 Internierten landen beide im Juli in Kanada.

Die Dunera unter Oberleutnant William „feindliche Ausländer“ deportieren soll. Unter den Juden befinden sich viele Persönlichkeiten, die als Anti-Nazis bekannt sind und die bereits eine zweite Heimat in England gefunden haben. Doch auf dem Schiff werden alle Passagiere unterschiedslos wie Kriegsgefangene hinter Stacheldraht gehalten und gnadenlos schikaniert – jüdische Verfolgte und kommunistische Emigranten, kriegsgefangene Nazis und gefangene Matrosen, jüdische Rabbis und katholische Priester gleichermaßen.

Die Schlafplätze reichen bei weitem nicht aus, und die hygienischen Bedingungen bleiben katastrophal. Kurt ist weiterhin zusammen mit den Männern, die wie er aus Südafrika nach Mosambik geflohen sind, untergebracht. Aus Westafrika sind Kaufleute hinzugekommen, die sich bei Kriegsausbruch in Afrika aufgehalten haben, interniert und von dort nach England verschifft wurden. Er beschreibt die ersten Tage auf der Dunera: „So waren wir gemeinsam mit zweieinhalbtausend Männern in den dumpfen Räumen des Schiffes zusammengepfercht worden, in entsetzlicher Enge, auf Tischen, Stühlen, Bänken und auf dem Boden; die Glücklicheren lagen in Hängematten im Bauch des Schiffes. Ich konnte zum Glück eine Hängematte erwischen, in der ich auch recht gut schlafen konnte. Decken gab es keine.

„Am Tage mussten alle Stühle und Hängematten beiseite geräumt werden, damit wir an den langen Tischen und Bänken unsere Mahlzeiten einnehmen konnten, die recht gut waren – zunächst jedenfalls –, sodaß wir nicht zu hungern brauchten. Es gab Tee und Brot am Morgen und am Nachmittag sowie eine kalte Suppe zu Mittag.“

Zwei Tage sind vergangen. Es ist der 12. Juli 1940. Die Dunera ist von Liverpool zunächst Richtung Norden gefahren, zwischen Irland und Ozean zu erreichen. Die Seekrankheit hat die meisten der Zwangsreisenden immer noch voll im Griff, schlaff und bleich liegen sie in ihren Hängematten oder auf dem Boden. Um die Mittagszeit befindet sich das Schiff in der Nähe von Barra, einer Insel der Äußeren Hebriden; die Internierten sehen allerdings durch die Bullaugen nur einen winzigen runden Ausschnitt aus Himmel und Meer und haben keine Ahnung, wo sie sind. Auch Kurt liegt um die Mittagszeit in seiner Hängematte. Neben ihm schaukelt sein Kamerad Heini Messerschmidt. Vielleicht überlegen sie gerade zum hundertsten Mal, wo die Reise wohl hingeht und wie lange sie es noch aushalten müssen in dieser entsetzlichen Enge, bei diesem entsetzlichen Gestank. Da hören sie plötzlich einen dumpfen Knall. Im nächsten Augenblick hört das vertrau „Torpedo!“ schreien Hunderte von Stimmen fast gleichzeitig, und in panischer Angst drängen sich alle zum Ausgang, um nach oben zu gelangen. Im Nu sind alle Treppenaufgänge verstopft, niemand kann sich mehr vor- oder rückwärts bewegen.

Kurt und Heini Messerschmidt wechseln einen kurzen Blick, die Situation auf der Arandora Star vor zehn Tagen in bösester Erinnerung. Sie wissen, dass sie schnell handeln, einen anderen Ausgang finden müssen. Ihr Blick fällt auf eine Luke in der Decke, sie schieben einen Tisch darunter, wollen gerade darauf steigen, um die Luke aufzustoßen … Da setzt plötzlich das gleichmäßige, dumpfe Vibrieren des Schiffs wieder ein. Die Motoren laufen wieder! Die unmittelbare Gefahr ist gebannt.

Es war ein Blindgänger, wie sie später erfahren. Das von Oberleutnant Otto Harms kommandierte deutsche U-Boot U 56 attackierte die Dunera zweimal, ebenso wie zehn Tage zuvor Kommandant Prien die Arandora Star attackiert hatte, ahnungslos, dass es sich um einen Gefangenentransport handelte. Der erste Torpedo schlug längsseits auf dem Rumpf der Dunera auf, ohne zu explodieren, das zweite Geschoss flutschte unter dem Transporter hinweg und berührte dabei nur leicht dessen Kiel.

Interessanterweise versagte das U-Boot U 56 nicht zum ersten Mal. Schon im Oktober 1939, damals noch unter Kapitänleutnant Wilhelm Zahn, hatte es ohne Erfolg drei britische Schlachtschiffe angegriffen und nach etlichen Torpedoversagern abdrehen müssen. Nach dem erneut gescheiterten Angriff auf die Dunera schloss man nicht aus, dass Sabotage in der deutschen Rüstungsindustrie im Spiel war. Im Stab von Admiral Karl Dönitz, dem Befehlshaber der deutschen U-Boot-Flotte, sprach man allerdings lieber von „Konstruktionsfehlern“. Wie dem auch sei, Sabotage oder Konstruktionsfehler, ein Fluch oder ein Segen, der auf dem U-Boot lag – die fast 2600 Mann an Bord waren dieses Mal mit dem Schrecken davongekommen und die Dunera mit einer Delle im Rumpf, die man später im Hafen besichtigen konnte.

Als Kurt und einige seiner Kameraden an Deck kommen, herrscht noch große Aufregung: Nach dem ersten Knall hat sich die indische Mannschaft angeblich sofort auf die Rettungsboote gestürzt und es hat wütende Schlägereien zwischen ihnen und den ersten Gefangenen gegeben, die das Deck erreicht und ebenfalls in die Rettungsboote gedrängt haben. Etwas anderes fällt Kurt und den anderen Gefangenen an Deck aber sofort auf: Die Koffer, die dort aufgestapelt waren, liegen nicht mehr an ihrem gewohnten Platz. Sie hören, dass die Mannschaften nach den Torpedoanschlägen alle Gepäckstücke mit Hilfe ihrer Bajonette in kühnen Schwüngen über Bord geworfen haben. Die Empörung, die Wut, ist groß, wenn auch Kurt und seine Kameraden selbst keinen Besitz mehr haben außer den zerfledderten Kleidern, die sie auf dem Leib tragen. Doch die sadistische Haltung der Wachmannschaften ist schwer zu ertragen, vor allem, nachdem die gesamte Schiffsbesatzung gerade einer lebensbedrohlichen Torpedoattacke entkommen ist. Sie ahnen nicht, dass es ein Segen ist, dass die Koffer in hohem Bogen über Bord geflogen sind ... Erst viele Jahre später erfahren sie, was an diesem Tag noch geschieht.

In seinem Roman SOS Rettet unsere Seelen erzählt S. Ch. Clerque folgende Begebenheit, die sich nach dem Abschuss der beiden Torpedos auf die Dunera auf dem deutschen U-Boot ereignete: [Der deutsche] U-Boot-Kapitänleutnant schaut auf seine Uhr. Es ist eine geraume Zeit nach dem Abschuss der Torpedos vergangen, und von dem englischen Schiff dürfte nichts mehr zu sehen sein. Er stellt jedoch durch sein Periskop fest, dass dieses weiterhin schwimmt und fährt. Es waren also wieder zwei Blindgänger. Er beobachtet dabei auch, dass viele Kisten oder ähnliches ins Meer geworfen werden …

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