30 September 2020 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (19. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Geschichte, südliches Afrika, II. Weltkrieg, Internierung, Kurt Falk, Erika von Wietersheim, Gefangenenlager, „nur 24 Zeilen“

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern.

EIN TRAURIGES HÄUFLEIN (Kapitel 7, Teil 3/3)

Auch Hans Daniels war unter den Geretteten. Als er an Bord des Zerstörers kam, hatte er noch immer den Mantel an, den ihm freundlicherweise ein englischer Marineoffizier auf dem Rettungsboot gegeben hatte. Er wurde deshalb ohne weitere Fragen in den Offiziersraum geschickt. Auf eine herzliche Begrüßung: ‚Oh, you’re an English officer!‘, erwiderte er: ‚Oh no, I’m a German internee!‘ Er durfte den Mantel behalten, doch die kanadischen Soldaten schnitten ihm einer nach dem anderen die Mantelknöpfe ab, um sie als Souvenirs mitzunehmen.

Es dauerte lange, bis auch der letzte Schiffbrüchige geborgen war. Ehe der Zerstörer seine Fahrt fortsetzte, ließ der Kapitän seine Mannschaft antreten und die Toten der Arandora Star, unter denen ja auch viele ihrer eigenen Landsleute waren, ehren. Dann drehte die St. Laurent und nahm Kurs auf die schottische Küste. So ging der 2. Juli 1940 zu Ende.

Später erfährt man aus verschiedenen Quellen wie zum Beispiel Alistair MacLeans Geschichte „The Arandora Star“ in seinem Buch „The Lonely Sea“ von dem ehrenhaften – heute würde man vielleicht sagen „anständigen“ – Verhalten der britischen Mannschaft und einiger Internierter. Zum Beispiel befand sich unter den deutschen Kriegsgefangenen ein Kapitän Burfend von der Adolph Woermann. Gemeinsam mit einer Gruppe von Männern seiner ehemaligen Mannschaft, alles erfahrene Seeleute und vermutlich überzeugte Nazis, fiel er beim Untergang des Schiffs durch sein Verhalten auf: Als die Arandora Star zu sinken begann, ließ er seine alte Mannschaft in Zweierreihen auf dem Bootsdeck aufmarschieren und organisierte gemeinsam mit der britischen Mannschaft das Zuwasserlassen von Rettungsbooten. Nazis oder nicht, schrieb man, ihr Verhalten „entsprach den Erfordernissen der Stunde“. Nachdem Kapitän Burfend dafür gesorgt hatte, dass so viele Menschen wie möglich, ungeachtet ihrer Nationalität, in den Rettungsbooten untergebracht waren, verzichtete er selbst auf einen Platz und trat zurück, um mit der Arandora Star unterzugehen. Auch der Kapitän der Arandora Star, Kapitän Moulton, blieb an Bord des Schiffs, um von dort aus zu überwachen, dass alle Passagiere nach bestem Vermögen in Sicherheit gebracht wurden, wie auch ein großer Teil der Wachmannschaft. Alle Überlebenden äußerten sich ohne Ausnahme mit Worten der höchsten Anerkennung über die Selbstlosigkeit, mit der sich die Besatzung verhalten hatte, und sowohl der britische als auch der deutsche Kapitän wurden posthum geehrt.

Am folgenden Morgen erreicht die St. Laurent den Hafen Greenock an der schottischen Küste. Die Geretteten bekommen ein gutes Frühstück, dann gehen sie an Land, wo englische Soldaten sie wieder in Empfang nehmen. „Mit Betreten des englischen Bodens waren wir wieder englische Internierte“, berichtet Kurt. „Wir waren ein trauriges übriggebliebenes Häuflein.“

An Land gekommen, müssen sie eine weitere bittere Erfahrung machen. Am Kai werden sie von einer wütenden Menge empfangen, hauptsächlich von italienischen Frauen, die sie beschuldigen, rücksichtslos ihr eigenes Leben gerettet zu haben und verantwortlich dafür zu sein, dass so viele Italiener in den Fluten untergegangen sind. Sie bewerfen die Männer mit Gegenständen und schreien sie an. Die Männer verstehen diese Reaktion nicht, wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen.

Später hören sie, dass nach der Schiffskatastrophe in der britischen Presse sofort Schmutzkampagnen gegen deutsche Internierte verbreitet worden sind. Der ungewöhnlich hohe Verlust an Menschenleben wurde der Feigheit und Rücksichtslosigkeit der deutschen Gefangenen zugeschrieben, die angeblich erbittert um den Vortritt in die Rettungsboote gekämpft und dabei den Ablauf der Rettungsmaßnahmen behindert hätten. Die Falschmeldungen waren Folge einer Zensur der britischen Behörden, die die wahren und peinlichen Gründe für die erheblichen Verluste an Menschenleben nicht veröffentlicht sehen wollten: die totale Überbelegung des Schiffes und den Mangel an Rettungsbooten und Rettungsmaßnahmen.

Im Lager im schottischen Greenock, in der Nähe von Glasgow, angekommen, dürfen die überlebenden Internierten ihren nächsten Verwandten eine Postkarte mit der kurzen Mitteilung ‚I am safe‘ schicken. Kurt schickt eine Karte nach Deutschland zu seiner Mutter und eine Karte nach Kapstadt. Die Schiffbrüchigen werden aus rot gefärbten Restbeständen des britischen Heers neu eingekleidet. Kurt bekommt eine Jacke, eine Hose und ein Hemd, ein paar Fußlappen und ein Paar Sandalen. Vom Schweizer Konsulat erhalten sie eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Zigaretten sowie ein Pfund Sterling. Dies ist jetzt sein gesamter Besitz.

Hans Daniels berichtet, wie es ihm in seinem Offiziersmantel weiter ergangen ist: „Am nächsten Tag kamen wir in Greenock ins Lager, wo ich dem Offizier wieder begegnete, der mir seinen Mantel gegeben hatte. Inzwischen waren alle Schiffbrüchigen notdürftig mit Kleidungsstücken ausgerüstet worden, sodaß ich ihm den Mantel zurückgeben konnte. Auf sein erstauntes Gesicht wegen der fehlenden Knöpfe konnte ich ihm nur mitteilen: ‚Well, your Canadian allies pinched them all, because they wanted to keep them as souvenirs.‘ Er lachte und gab sich wohl oder übel damit zufrieden.“

Am 2. Juli, dem Tag, an dem die Arandora Star untergeht, setzt Hildegard sich in ihrem kleinen Jungmädchenzimmer an den Schreibtisch und schreibt Kurt einen Brief. Es ist Winter, und der Regen klatscht gegen das Fenster, von dem der Blick auf den Kapstädter Hafen geht. Sie hat keine Ahnung, wie es Kurt seit seiner Ankunft in England ergangen ist, denn sein Brief vom 5. Juni 1940, in dem er ihr von der bevorstehenden Verschiffung nach Kanada auf der Arandora Star berichtet hat, ist nie angekommen. Während Kurt im kalten Ozean treibt, seine Kameraden und Hunderte andere Männer überleben wird, berichtet sie ihm von ihren Schülern, vom anhaltenden Regenwetter, dass sie an ihn denkt und dass sie, auch wenn sie keine Antwort auf ihre letzten Briefe bekommen hat, sich vorgenommen hat, ihm weiterhin regelmäßig zu schreiben.

Kurz danach erfährt man durch Radio und Zeitung auch in Kapstadt von dem dramatischen Untergang der Arandora Star. Tagelang ist das Schiffsunglück Gesprächsstoff in der Schule, in der Stadt und zu Hause. Hildegard kann an nichts anderes mehr denken, hofft Tag und Nacht, dass Kurt nicht auf diesem Schiff war, kann nicht mehr schlafen, denn sie weiß: Die Anzahl der Überlebenden ist minimal. Erst sieben Wochen später, am 20. August, kommt die erlösende Nachricht: Kurt war auf dem Schiff, ist aber einer der wenigen Geretteten.

Der Untergang der Arandora Star war für die wenigen Überlebenden ein zutiefst prägendes, für viele ein traumatisches Erlebnis. Wie hat es Kurt geschafft, in diesen dramatischen Stunden im kalten Wasser nicht aufzugeben, nicht unterzugehen, wie so viele andere neben ihm? In einem späteren Brief schreibt er einen versteckten Dank an seine junge Freundin in Kapstadt, von der er weiß, dass sie ihn geliebt und in ihren Gedanken getragen hat:

Wenn man im Wasser um sein Leben kämpft, kommt man recht bald in die Versuchung, aufzugeben und unterzugehen, und viele sind untergegangen. Ein mir sehr lieb gewordener Kamerad ist auch ertrunken, allein, weil er hoffnungslos in die Zukunft schaute, viel Unglück im Leben gehabt hatte und keinen Menschen besaß, der mit ihm ging und ihn trug und betreute.

Nach diesem Erlebnis nennt er Hildegard nicht mehr Mucki, sondern schreibt sie nur noch mit ihrem richtigen Namen Hildegard an.

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