02 Januar 2018 | Afrika

Neue Ära für Liberia, Fallstudie für Afrika

Liberia ist für Afrika Ausnahme und Fallstudie zugleich. Als der lange Bürgerkrieg vor 15 Jahren zu Ende ging, befand sich der 1822 von den USA für seine befreiten Sklaven geschaffene Staat in Auflösung: In 14 Kriegsjahren waren rund 250000 der etwa drei Millionen Liberianer ums Leben gekommen, Hunderttausende vertrieben, und die Wirtschaft weitgehend zerstört worden.

Zur Amtsübernahme von Ellen Johnson Sirleaf im Jahr 2005 war Liberia wenig mehr als eine Staatsruine, ähnlich wie Somalia am Ostende Afrikas. Umso ermutigender ist auf den ersten Blick die jüngste Entwicklung. Mit der Wahl des früheren Weltfußballers George Weah dürfte es in Liberia zum ersten friedlichen Machttransfer von einem gewählten Präsidenten zum nächsten in mehr als 70 Jahren kommen. Durch ihren freiwilligen Rückzug nach zwei Amtszeiten widersetzt sich Johnson Sirleaf bewusst dem gegenwärtigen Trend einer Präsidentschaft auf Lebenszeit. Nach Auszählung fast aller Stimmen holte der 51-Jährige in der Stichwahl 61,5% der Stimmen und siegte klar vor seinem Herausforderer, dem bisherigen Vizepräsidenten Joseph Boakai.

Ein Liebling des Westens

Obwohl ihre Amtszeit alles andere als ein strahlender Erfolg war, ist es Johnson Sirleaf zumindest gelungen, den kollabierten Staat wieder auf wacklige Beine zu stellen. Am wichtigsten für ihre insgesamt positive Bilanz war dabei, dass sie sich von Beginn an um eine bessere Regierungsführung mühte. So wurde die oberste Verwaltungsebene mit handverlesenen und größtenteils kompetenten Technokraten besetzt. Auch duldete sie Widerspruch. Als ehemalige Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms für Afrika hatte sie zudem ein tiefes Wissen um die Präferenzen wie auch um den Schuldkomplex des Westens und nutzte dies dazu, Liberia zu einem Liebling der westlichen Geberländer zu machen.

Das Ergebnis sind neue Schulen und ein Ausbau der Infrastruktur. Auch wurden Liberia 2010 massiv Schulden erlassen. In der so bewirkten Ruhepause konnte die Volkswirtschaft zwischen 2006 und 2014 von einer sehr niedrigen Basis um durchschnittlich 7% wachsen - trotz der Ebola-Epidemie und eines Einbruchs der Rohstoffpreise.

Anders als in Liberia ist die Demokratisierung in vielen anderen Teilen des Kontinents inzwischen zum Erliegen gekommen oder hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Vielerorts hat sich stattdessen eine illiberale Pseudodemokratie etabliert, in der die Opposition dämonisiert und der Zugriff auf den Staat allein dazu genutzt wird, die von der Verfassung auferlegten Machtbeschränkungen zu beseitigen. Dies ist kein gutes Omen für einen Kontinent, dessen Institutionen ausgesprochen fragil sind und in dem die Korruption gesellschaftlich noch immer fest verankert ist.

Armut und Korruption

Dennoch bleibt die Lage auch in Liberia kritisch. So gehört das Land selbst 14 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs zu den zehn ärmsten Staaten der Welt. Wie stark die Korruption noch immer blüht, wird daran deutlich, dass die Staatschefin drei ihrer Söhne in wichtige Posten gehievt hat. Auch wurden frühere Kämpfer auch hier zum Teil mit Posten betraut, für die sie keine Qualifikationen haben. Vor allem jedoch haben viel zu wenige einfache Liberianer vom zeitweiligen Aufschwung der Rohstoffpreise profitiert.

Wenn ein Neubeginn in Afrika fruchten soll, muss auch beim Gemeinwohl angesetzt werden. So wird in Studien immer wieder davor gewarnt, dass der Kontinent bei seinem gegenwärtigen Entwicklungstempo noch mindestens weitere 100 Jahre bräuchte, um die ursprünglich bereits für 2015 angestrebten Ziele zum Abbau der Armut zu erreichen. Nichts ist dabei ein größeres Hindernis als die Bevölkerungsexplosion in Afrika: Gegenwärtig wächst seine Bevölkerung alle zehn Tage um mehr als eine Million Menschen - das können seine agrarlastigen Volkswirtschaften nicht annähernd absorbieren. Und es sind genau die damit begründeten trüben Aussichten, die viele junge Afrikaner in die Ferne treiben.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt

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