10 November 2019 | Sport

Nach freiwilliger Amputation: Floors schnellster Stelzensprinter

Dubai (dpa) - Johannes Floors riss die Arme hoch, fragte noch kurz nach den Windverhältnissen, dann jubelte er ausgelassen: Schon im Vorlauf der Para-Leichtathletik-WM in Dubai rannte der 24-Jährige am Sonntag zum Weltrekord. Seine 10,54 Sekunden sind die beste Zeit, die je ein Amputierter über 100 Meter gelaufen ist. „Geiler Lauf, geiler Weltrekord“, sagte der Sunnyboy, der von TV-Stationen aus aller Welt vor die Kameras geholt wurde.
Es war der vorläufige Höhepunkt einer besonderen Lebens-Geschichte. Er habe sich „freiwillig“ die Beine amputieren lassen, konnte Floors schon oft über sich lesen. Diese Formulierung stört ihn nicht. „Ich hatte ja wirklich die Wahl“, erklärte er: „Mich ärgert nur, wenn gesagt wird, dass ich es für den Erfolg getan hätte. Ich habe es für mich getan. Weil ich eine Scheiß-Situation hatte.“
Floors kam mit einem Fibula-Gendefekt zur Welt. Er hatte kein Wadenbein und nur drei Zehen, der Fuß war verkümmert. „Ich hatte den ganzen Tag Schmerzen. Ich konnte keine zehn Minuten stehen. Ich hatte deformierte Füße“, erzählt er: „Irgendwann habe ich gefragt: Mama, welche Optionen gibt es denn noch? So geht es einfach nicht mehr.“
Die Amputation war für ihn die logische Folge - und die beste Entscheidung seines Lebens. „Ich habe keine Schmerzen mehr“, sagt er heute: „Okay, irgendwann tut der Stumpf weh. Aber nicht nach zehn Minuten, sondern nach fünf oder sechs Stunden.“ Auch die Leute reagieren anders auf ihn. „Sie schauen bei Fehlbildungen viel öfter seltsam als bei Prothesen“, sagt der Leverkusener: „Die jungen sagen: Die ist schwarz, die ist cool. Keiner fragt, was ich habe. Das Erscheinungsbild ist schon ein ganz anderes. Und das gibt mir ein ganz anderes Selbstbewusstsein.“
All das hat den „immer schon sportverrückten“ Johannes, der als Kind vor der Schule mit dem Fahrrad in Schwimmbad fuhr, „weil Schwimmen und Radfahren gingen“, zu einem internationalen Aushängeschild des Para-Sports gemacht. Und das in den Klassen ist, in denen bis zu seinem tiefen Fall der später inhaftierte „Blade Runner“ Oscar Pistorius dominierte. Weshalb Floors öfter auch als „neuer Blade Runner“ betitelt wird.
„Das ist ein cooler Begriff. Das hat was Futuristisches“, sagte er. Das größte Ziel des dreimaligen Weltmeisters von London 2017 ist es, über 400 Meter die Zeit von Pistorius zu schlagen. 45,07 Sekunden waren das, Floors steht bei 46,65 Sekunden. „Anderthalb Sekunden sind viel“, sagt er: „Aber diese Marke will ich haben.“
Dafür hat er sein Maschinenbaustudium zumindest eingeschränkt, ist aktuell quasi Profi-Sportler und Hobby-Student. „Ich habe gemerkt, dass die Doppelbelastung zu viel wurde“, sagte der gebürtige Niedersachse: „Aber auch, dass ich immer eine Beschäftigung neben dem Sport brauche.“
Das klingt so klar, wie Floors einst die schwerste Entscheidung seines Lebens traf. „Ich möchte, dass alle meine Jungs auch im Beruf ihren Weg gehen“, sagt Teammanager Jörg Frischmann: „Und Johannes ist der, über den ich dabei am wenigsten nachdenke.“
Foto: dpa

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