06 Februar 2009 | Reiseberichte

Mit dem Unimog durch das Kaokoveld

In sicherer Entfernung mustert uns neugierig das Löwenjunge. Langsam wird sein Blick schläfrig, doch sobald das Geräusch des Auslösers einer Kamera von seinem feinen Gehör vernommen wird, blinken die Augen wieder hellwach.
Wir sind unterwegs mit dem alt eingesessenen Windhoeker Reise-Unternehmen Southern Cross Safaris. Unser Tourguide ist Jimmy Zimmer, der die Wege wie seine Westentasche kennt. Diese Tour wurde als Sondertour ausgeschrieben, bei der es gilt, eine neue optimale Reiseroute auszuarbeiten. Wir sind mit einem Unimog und einem Ford als Begleitfahrzeug unterwegs, der von Jimmys Bruder Eduard, kurz Edu, chauffiert wird. Bis auf ein junges Ehepaar und mich kennen sich alle Teilnehmer von früheren Touren, die sie mit Southern Cross Safaris bereits unternommen haben. Dementsprechend gelöst ist die Stimmung unter den Reisenden und die Vorfreude auf Unbekanntes ist ansteckend.

Gleich zu Beginn wird die Teerstraße gemieden und die Fahrt nach Swakopmund, dem ersten Reiseziel, führt über den Kupferberg- und Gamsbergpass. Bei dem Anblick dieser wilden Landschaft geht wohl jedem von uns das Herz auf. Vereinzelte Wolken werfen große dunkle Schattenflecken auf das weite Land. Sieht man anfangs noch weißblühende Trompetenbüsche, den Morgenstern mit seinen kleinen gelben Blüten, lila blühende Daisies und wilden Salbei, nimmt mit jedem Kilometer, den der Unimog zurücklegt, die Vegetation merklich ab. Hinter dem Kuisebpass im kühlen Schatten einer Halbhöhle wird eine Pause eingelegt. Danach führt die Fahrt vorbei am Vogelfederberg und am späten Nachmittag erreichen wir Swakopmund. Hier können wir für die nächsten 24 Stunden selbst bestimmen, wie die Zeit verbracht werden soll. Zur Auswahl stehen unter anderem eine Bootsfahrt zum Pelican Point, bei der Robben und Delfine gesichtet werden können, oder eine Tour mit dem Quadbike durch die Wüste in das Kuiseb-Delta, für die sich letztendlich die Meisten entschieden haben.

Zum Einstimmen auf die Tour sind die Fahrt nach Swakopmund und der anschließende Tag genau richtig. Doch nun geht es endlich los mit der Camping-Safari. Zum Glück ist für Jimmy der direkte Weg niemals das Ziel. Und so verzichten wir gänzlich auf die Teerstraße und kommen in den Genuss von kleinen Wundern. Diese eröffnen sich uns auf der Fahrt in Richtung Henties Bay. Allein schon das Zusammentreffen der heißen Wüste auf der einen Seite und des Atlantiks mit dem kalten Benguela-Strom auf der anderen Seite mutet bizarr an. Bevor wir die Wüste erreichen, wird uns bildlich ein Wunder des Lebens vorgeführt. Teile des Sandes sind mit Flechten bewachsen, die man zuerst nur als Muster wahrnimmt. Nur wenige Tropfen Wasser genügen, um diese flach an den Boden geschmiegten Gewächse sich aufrichten und fast buschig aussehen zu lassen.
Am Nachmittag erreichten wir das so genannte Matterhorn Namibias, die Spitzkoppe. Dieser Monolith, der mit seinem rötlichen Gestein mitten aus der Wüste herausragt, ist einzigartig im südlichen Afrika. Das Campinglager ist nach einer Einführung von Jimmy schnell aufgebaut, handelt es sich bei dieser Reisegruppe doch um durchweg erfahrene Camper. Wo Hilfe nottut, wird von Anderen Hand angelegt. Nachdem alle Zelte unter schattigen Bäumen stehen, machen wir einen kleinen Ausflug in das so genannte "Buschmanns-Paradies". Wenn auch der Weg dorthin alles andere als ein lässiger Spaziergang ist, so lohnt ein Abstecher auf alle Fälle. Sobald man sich zirka 150 Meter an einer Stahlkette über einen Felsen hochgezogen hat, wird man schnell für seine Mühen belohnt. In einer überhängenden Halbhöhle befinden sich zum Teil sehr gut erhaltene Felszeichnungen, die angeblich vor Jahrtausenden von den dort herumziehenden San angefertigt wurden. Die Zeichnungen haben viele Jahrtausende unbeschadet überstanden. Doch leider haben nur wenige Jahre Tourismus ausgereicht, um bleibende Schäden zu verursachen. Viele der Zeichnungen, die die damals dort lebenden Wildtiere darstellten, wurden mit Flüssigkeiten übergossen. Damit sollte die rote Farbe auf den Fotos noch besser zur Geltung kommen. An anderer Stelle machte sich sogar jemand die Mühe, die Zeichnung eines Zebras aus dem Felsen zu schlagen. Ebenfalls weniger schön ist auch der Versuch, unauslöschliche Zeichen zu setzen, indem die eigenen Namen und Abkürzungen in einen anderen Felsen gemeißelt wurden. Zurück von unserer Exkursion erwartet uns im Camp nicht nur ein prasselndes Lagerfeuer, sondern auch ein vorzügliches Abendessen, das in der Zwischenzeit unser Koch Filemon zubereitet hat.

Ein Wecker ist beim Campen kaum notwendig, denn man steht zwar nicht mit den Hühnern, sondern mit den Vögeln auf, die die Morgendämmerung vernehmbar begrüßen.
Auf der Sandpad D 1930 geht die Fahrt weiter durch das mit großen Anabäumen bewachsene Omaruru-Rivier, in Richtung Uis. Dort halten wir uns nicht lange auf, denn schließlich ruft uns die Wildnis und Uis lädt nicht unbedingt dazu ein, länger als notwendig zu verweilen. Hinter dem Dorf biegen wir in Richtung des Brandberges ab und fahren geradewegs ins Damaraland. Der Brandberg besitzt neben dem Königstein (2570m) auch den nächsthöchsten Gipfel Namibias, der mit 2000 m die Ebene überragt. Wolken regnen sich hier häufiger ab als in dem umliegenden Flachland. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass wir im Ugab-Rivier auch tatsächlich auf Wasser stoßen. Dies irritiert weder Jimmy noch seinen Unimog, der, wie sich bald herausstellt, jeder zu bewältigenden Schwierigkeit, seien es Steigungen, Gefälle, Wasser oder weicher Sand, gewachsen ist. Für mich, die zum ersten Mal in einem solchen Gefährt sitzt, ist es unheimlich beeindruckend, aus dem Seitenfenster zu schauen und ohne den Blick zu senken dank der Schieflage auf den Weg zu sehen. Manchmal sieht man auch nur den Himmel und manche meiner Reisebegleiter auf den gegenüberliegenden Sitzbänken werden ein bisschen blass um die Nase. Ebenso atemberaubend ist es, nach hinten zu sehen, um zu beobachten, wie sich der Anhänger in vielen möglichen und unmöglichen Winkel neigt und auf- und abspringt.

Also bleibt nur die Möglichkeit, stur geradeaus zu blicken, um festzustellen, wie Jimmy reagiert. Doch er bleibt wie immer gelassen. Da kann ja keine Gefahr drohen. Er hat Edu mit dem Ford vorausgeschickt, damit das wendigere Fahrzeug einen Weg durch das, teilweise mit buschigen Tamarisken oder mit meterhohem Ried zugewachsene Flussbett findet. Nur einmal vernimmt man ein leises "Wo ist die sch$&"§* Spur". Doch letztendlich wird der Weg immer gefunden, wenn auch manches Mal einige von uns aussteigen müssen, um die stärkeren Zweige der Tamarisken vom Fahrzeug wegzuziehen. Doch trotz allem kann man sich keine reizvollere Landschaft vorstellen, die graugrünen Tamarisken, das kräftig grüne Schilf, zwischen dem klares Wasser hervor blitzt, und der strahlend azurblaue Himmel, der sich über die schroffen, dunklen Felswände des Brandberges spannt. Der Flusslauf scheint kein Ende nehmen zu wollen und kaum meint man, es geschafft zu haben, weil das Flussbett endlich weiter wurde, gilt es bereits wieder, die nächsten Krümmungen zu umrunden und einen geeigneten Weg durch das Schilf zu suchen. An einer erhöhten Stelle am Rande des Ugabs schlagen wir unser Camp auf. Wir denken alle, dass die Fahrt am kommenden Tag leichter werden würde. Doch Tatsache ist, dass wir nach nur wenigen Kilometern erneut von Tamarisken eingeschlossen sind und uns an hohen Felswänden entlang schaben müssen. Endlich wird das Flussbett weit und fantastische Felsformationen bieten sich uns. Jedem Geologen würde bei dem Anblick dieses Faltengebirges das Herz wohl schneller schlagen. Kurz darauf erreichen wir das Rhino Camp.

Dieses Wüsten-Reservat, das zu dem Palmwag-Reservat gehört, hat einige Frischwasser-Quellen. Deshalb finden sich dort viele Tierarten, zu denen auch Elefanten und Spitzmaulnashörner zählen. Letztere haben hier das größte Aufkommen ihrer Spezies außerhalb eines Naturschutzparks. Das Desert Rhino Camp steht in Verbindung mit dem "Save the Rhino Trust", welcher schon seit 20 Jahren besteht. Die Ruhe und Idylle in diesem Camp bzw. dem Reservat trügt allerdings. Vor der Rezeption des Rhino-Camps stapeln sich einige Nashornschädel. Einige davon scheinen ziemlich frisch zu sein. "Das große Problem ist unsachgemäßes Verhalten", so Jimmy. Viele Touristen wollen natürlich gute Fotos mit nach Hause bringen, also muss man näher an die scheuen Tiere heranfahren, da nicht jeder eine lange Brennweite für die Kamera besitzt. Nashörner, die zwar schlecht sehen, dafür jedoch einen ausgezeichneten Hör- und Geruchssinn haben, laufen kilometerweit, um den Fahrzeugen zu entkommen. Dabei überhitzen sich die Dickhäuter und oftmals überleben sie eine derartige "Fotosafari" nicht. Tragischerweise werden auch auf diese Weise immer wieder Kälber von ihren Müttern getrennt und müssen, falls sie nicht vorher das Opfer von den Raubkatzen werden, ebenfalls elendig zu Grunde gehen.
Der Weg führt weiter eine steile Abbruchkante hinauf in eine weite Hochebene mit rotbräunlichen, scharfkantigen Steinen und mit einem spärlichen Bewuchs von gelblichen Grashalmen. Nach einiger Zeit kommen wir an ein paar Steinhaufen vorbei. Aber auch aufgeschichtete Steinringe sind darunter. Bis heute ist es ungeklärt, wer diese primitive Behausung erbaute und was sie darstellen. Auch ist schwer zu sagen, wann diese "Bauten" entstanden sind, denn Zeit scheint in diesen Gegenden keine Rolle zu spielen. Etwas weiter entfernt befindet sich die Quelle Gaias.
Immer wieder begegnen uns Springböcke, Strauße, Zebras und Oryx. Schließlich erreichen wir das Ende des Hochplateaus: das Huab-Rivier. Auf der gegenüberliegenden Seite am Horizont machen sich die dunklen Berge breit, die aus Sedimenten von Sand- und Kalksteinablagerungen bestehen. Das Flussbett des Riviers erstreckt sich in kräftigen Grüntönen mäanderartig unter uns. Die Abfahrt ist steil und spannend, doch stellt sie für beide Fahrzeuge keinerlei Schwierigkeit dar. Wir finden schließlich einen Platz, der zwar sehr windig ist, uns jedoch ein wunderbares Panorama auf die im warmen goldenen Ton erscheinenden Felsen bietet.

Am frühen Abend erreichen wir für eine Übernachtung Palmwag. Es zeichnet sich durch die hohen Makalani-Palmen aus, für deren Verbreitung die Elefanten sorgen. Indem sie die fast tennisballgroßen harten Nüsse fressen und nach dem Verdauen wieder ausscheiden, geben sie die besten Voraussetzungen, die Palmen auszusäen. Mit Palmwag erreichen wir auch das Konzessionsgebiet. Drei Tage wollen wir uns hier aufhalten, bis es nach Puros im Kaokoveld weitergeht. Das Areal umfasst 5500 km", hier lebt eine Vielzahl von Antilopen, Giraffen, Zebras, Löwen, Elefanten und die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner.
Unser Camp liegt im Schutze hoher Büsche. Als Erstes wird der Platz für die Koch-Feuerstelle und die Camp-Küche bestimmt. Da wir hier länger bleiben werden, wird eine große Plane als Sonnen- und Windschutz aufgebaut, unter der wir die Tische und Stühle aufstellen. Zwei Toiletten werden in einigem Abstand zueinander und vom Camp ausgehoben. Es pendelt sich ein, dass wir am frühen Morgen und am Nachmittag für ein paar Stunden auf Pirschfahrt gehen. Dabei können wir in weiter Ferne zum ersten Mal eine braune Hyäne ausmachen. Etwas später stoßen wir auf eine Tüpfelhyäne. Zumeist sind es die Bewegungen, die bemerkt werden, da die Tiere mit ihrem Fell oder der Haut bestmöglich getarnt sind. Oftmals reicht eine Drehung mit dem Kopf, um den Löwen ausfindig zu machen, oder das Wedeln eines Elefantenohres, um den Koloss hinter einem Busch zu entdecken. Doch wir haben einfach kein Glück. Dafür bekommen wir etwas Seltenes zu sehen: Jimmy taufte es Rhino-Stein. Dabei handelt es sich um einen etwa hüfthohen Granitfelsen, an dem sich vornehmlich Nashörner scheuern sollen. Auch andere Tiere scheinen den Stein dafür zu gebrauchen, weshalb er an mehreren Stellen spiegelglatt und wie poliert wirkt. Rund um den Granit ist der Boden völlig flachgetrampelt.
Eine andere Seltenheit ist eine Welwitschia, die in einem Felsen hoch über uns wächst. Diese Pflanzen, die ausschließlich in Namibia vorkommen, können über 1000 Jahre alt werden. Sie bestehen aus nur zwei Blättern und gelten als geschützt.
Endlich, als wir uns durch das Uniab-Rivier pirschen, sehen wir sie: In etwa einem Kilometer Entfernung steht eine Nashornkuh mit ihrem Kalb. Der Abstand, den wir zu den Dickhäutern haben, scheint zwar weit, doch ist er genau richtig, denn so können wir sie in Ruhe beobachten, ohne dass sie sich an uns stören
Wir sind nicht nur mit den Fahrzeugen unterwegs. An einem Nachmittag machen wir uns zu einer kleinen Wanderung zu einem nahegelegenen Hügel auf, von dem man einen fantastischen Blick hat. Wir durchqueren ein Tal und kommen bei einer Quelle an. Es ist einfach faszinierend, in dieser ariden Umgebung auf einmal auf Wasser zu stoßen. Doch woher sollen die Tiere sonst Flüssigkeit aufnehmen können? Tatsächlich stoßen wir an dem Wasser auch auf Hyänenspuren. Die dünne Salzkruste in den Vertiefungen weist darauf hin, dass die Abdrücke bereits vor einiger Zeit hinterlassen wurden. In der ersten Nacht vernehmen wir in weiter Ferne den Ruf einer Hyäne. Dies wiederholt sich immer um die gleiche Zeit, auch in den darauffolgenden Nächten.

Das Farbenspiel der Landschaft ist einmalig. Unter dem azurblauen Himmel erheben sich am Horizont die blaugrauen Berge in bizarren Formen. Das Land davor ist mit getrockneten Grasbüscheln bewachsen und wirkt wie mit hellbraunem Samt überzogen, aus dem in einem kalten graugrün große runde Euphorbien herausragen. Je nach Stand der Sonne strahlen die ausgefransten Spitzen des Grases hell und die Farbe der trockenen Erde wirkt im satten Rotbraun noch tiefer.
Am dritten Tag wird die Fahrt über eine weite, schattenfreie Ebene fortgesetzt. Immer wieder treffen wir auf Herden von Kudus, Zebras und Oryx. Immer wieder entdecken wir Giraffen, die ihre langen Hälse an den Akazien recken, um an die schmackhaften Blätter zu kommen. Immer wieder tauchen Schakale auf, wittern vorsichtig und verschwinden wieder.
Auf einmal scheint die Erde besonders eisenhaltig zu sein, denn leuchtend rote Flecken tauchen mitten auf dem Weg auf. Jimmy hält und fängt an, den Boden abzusuchen und immer wieder etwas aufzuheben. Schließlich zeigt er uns seinen Fund: Granatsplitter! Die rote Färbung stammt von sandkorngroßen Edelsteinen. Der Name Granat bedeutet soviel wie "der Körnige" und stammt aus dem Lateinischen "Granum" für Korn. Dies bezieht sich sowohl auf die typische rundliche Form der Kristalle, als auch auf die Farbe des roten Granats, die oft an die Körner eines reifen Granatapfels erinnert.

Endlich erreichten wir den Hoarusib, in dem sich an manchen Stellen noch Wasser befindet. Schließlich steuern wir auf einen engen, felsigen Durchlass zu, der vor unzähliger Zeit von gewaltigen Wassermassen geschaffen worden war. Wir haben Glück, dass jetzt nur ein kleines Rinnsal seinen Durchlass sucht. In der Regenzeit wäre eine Passage undenkbar. Nach einigen Kilometern bemerken wir, dass der Ford nicht nachgekommen ist. Endlich taucht er mit brennenden Scheinwerfern auf, ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt oder etwas entdeckt wurde. Tatsächlich sind wir an einer Löwenfamilie vorbeigefahren. Ein Kleines hat sich vor dem heranfahrenden Unimog erschreckt und sich wieder im Gebüsch verkrochen. Doch nur wenige Minuten später kommt es wieder hervor und mustert uns neugierig.
Einige Minuten später gesellt sich ein zweites Junges dazu. Dieses scheint jedoch nervöser und schlägt unruhig mit dem Quastenschwanz. Schließlich verzieht es sich wieder träge im Busch, wo mit aller Wahrscheinlichkeit die Mutter wartet. Auffallend sind die dicken Bäuchlein der beiden zirka ¾ Jahre alten Raubkatzen. Der vergangene Riss kann noch nicht allzu lang her sein. Die Gegend scheint wildreich zu sein, denn immer wieder stoßen wir auf Springböcke und etwas später auf Rinder. Nur ein kurzes Stück nach den Löwen sehen wir Elefanten, darunter auch ein nur wenige Monate altes Baby. Es passt gerade mal unter den Bauch der Mutter, die auch nicht gerade groß ist. Immer mehr scheinen aus dem Gebüsch zu kommen. Darunter auch ein alter Elefantenbulle, der sich eines jüngeren, von der Gruppe verstoßenen Jungbullen angenommen hat. Dies ist bei den Dickhäutern so üblich: Junge Bullen zwischen 15 und 18 Jahren werden nicht mehr in der Gruppe zugelassen, da sie anfangen, sich den Kühen gegenüber aufdringlich zu benehmen und Unruhe stiften.
Puros schien immer näher zu kommen, denn immer mehr Rinder tauchten auf. Die Ortschaft selbst besteht aus einigen Hütten, Wellblechbaracken und einer Kirche. Die Bewohner setzen sich aus drei Familien zusammen.

Der Community-Campingplatz befindet sich am Hoarusib-Rivier unter dem Schatten hoher Anabäumen. Die Duschen sind ebenfalls jeweils unter einem Anabaum. Eingefriedet mit einem Holzzaun und mit betoniertem Boden entsprechen sie einem wunderschönen, geräumigen Badezimmer. Es gibt fließend warmes Wasser. Die Toiletten befinden sich jeweils unter einem nebenstehenden Baum.
Nach dem Frühstück fahren wir wieder den Huarusib herunter, bis zu der Stelle, an der wir am Tag zuvor die beiden Löwenjungen gesehen haben. Zuvor begegnen wir jedoch der Elefantengruppe mit dem Baby. Dieses steht mit der Mutter etwas abseits. Natürlich wollen wir die Beiden etwas länger betrachten, zumal keine Büsche den Blick hindern. Doch das ist nicht im Sinne der Elefantenkuh und nachdem sie nervös mit den Ohren gewedelt hat, kommt sie letztendlich zusammen mit dem Kleinen auf uns zugestürmt. Kurz vor dem zurückweichenden Unimog drehen sie jedoch ab und ziehen weiter.

Die Löwen sind tatsächlich noch da. Dieses Mal sehen wir die Löwenmutter, die mit einem Sendehalsband versehen ist. Noch immer sind die Bäuche prall gefüllt, deshalb gibt es wohl keinerlei Veranlassung weiterzuziehen.
Am Nachmittag machen wir uns "stadtfein" für Puros. Ein paar Kleinigkeiten müssen ergänzt werden. So halten wir an dem einzigen Supermarkt, einer geräumigen Wellblechhütte, an der vorne eine Verkaufstheke angebracht ist. Geführt wird der Supermarkt von einer Herero-Frau. Die Auswahl ist für die hiesigen Verhältnisse ausreichend: Neben Waschpulver, Shampoo und Creme gibt es Dosenfleisch, Trocken-Lebensmittel wie Nudeln und natürlich Maismehl als unverzichtbares Nahrungsmittel. Auch wir kommen täglich in den Genuss davon, denn jeden Morgen bereitet Filemon Mieliepap frisch für uns zu. Die Variationen, mit denen wir den Brei zubereiten, können unterschiedlicher nicht sein. Egal ob mit Gorgonzolakäse, Pfeffersoße, die noch vom Vorabend übrig geblieben ist, Marmelade oder - wie die meisten von uns es mögen - einfach mit etwas Butter, Zimt und braunem Zucker, wir alle freuen uns jeden Morgen darauf. Mieliepap ist das Hauptnahrungsmittel in weiten Teilen Afrikas. Dafür wird das Maismehl einfach in Wasser gekocht. Der Pap an sich ist geschmacklos. Das, was man ihm beifügt, vervollständigt erst die Mahlzeit.

Auf der Fahrt weiter den Hoarsusib aufwärts kommen wir an einem scheinbar verlassenen Himbakral an. Die Eingänge der Hütten sind mit Ästen verstellt. Doch müssen wir nicht lange warten, bis aus den Bergen zwei ältere Frauen und zwei junge Mädchen, die traditionell rot angemalt sind, sowie jede Menge Kinder, zusammen mit einer großen Ziegenherde auf uns zukommen. Wie zwei fremde Welten stehen wir uns gegenüber - und Exoten betrachten Exoten. Wir verzichten alle auf das Fotografieren. Das Licht des späten Nachmittags wird immer weicher, wir verlassen die Himbas und fahren auf einen nahe gelegenen Hügel, von dem aus man in das wunderbare Land blicken kann. Dieses Mal sind die Berge mit einem samtigen Gelb überzogen und auf den weiten Ebenen wachsen in einem üppigen Grün verschiedenste Sträucher. Unter ihnen die giftigen Euphorbien, aber auch die, besonders von den Elefanten geschätzten Mopanebäume. Große Anabäume stehen im Flussbett und die Luft ist erfüllt von dem durchdringenden Ruf der Zikaden und dem würzigen Duft des wilden Basilikums.
Zurück im Camp erwartet uns nicht nur ein Gin Tonic mit Zitrone und Eis, sondern auch ein ganz besonderes Essen, das es dort in einem Umkreis von tausenden Kilometern bestimmt noch nie gegeben hat: Ein Schweizer Käsefondue im Originaltopf. Filemon hat wohl nicht allzu großes Vertrauen in das Käsefondue. Deshalb ruft er wie zu jeder Mahlzeit: "Bitte, Essen fassen." Ein weiteres Gericht, von dem allerdings jede Menge übrig bleibt.

Am folgenden Tag kommen wir an zwei Elefantenbullen vorbei. Der jüngere der Beiden, den wir aufgrund eines schiefen Stoßzahnes "Schiefzahn" nennen, will es genau wissen. Er fühlt sich von dem Unimog regelrecht herausgefordert und startet einen Scheinangriff. Jimmy lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken und bleibt einfach stehen. Wäre das Fahrzeug zurückgewichen, hätte sich Schiefzahn in seiner Aktion bestärkt gefühlt und wäre uns gefolgt. Zum Glück ist der graue Unimog ein imposantes Fahrzeug. Mit einem kleineren Wagen sollte man sich vorsichtshalber besser nicht auf solche Spiele einlassen. Doch natürlich gehört auch eine große Portion Erfahrung dazu, um es mit einem, wenn auch jüngeren, Elefanten aufnehmen zu wollen. Endlich gibt Schiefzahn den Weg frei und wir dürfen passieren. Allerdings fängt der inzwischen wütend gewordene Halbstarke an, uns laut trompetend zu folgen, doch wir entkommen ihm gerade noch.

Von Weitem sehen wir an der Stelle, an der sich tags zuvor die Löwen aufgehalten haben, zwei Allradfahrzeuge stehen. Ein sicheres Zeichen, dass sich die Raubkatzen noch immer dort befinden. Und tatsächlich - dieses Mal entdecken wir den Mähnenlöwen unter dem Gebüsch. Er scheint sehr entspannt zu sein und lässt sich von den Fahrzeugen nicht im Geringsten stören. An diesem Morgen fahren wir den Huarusib bis an die Grenze zum Skeleton Park hinunter. Die Fahrt zurück führt über eine weite, namenlose Ebene. Am Nachmittag besichtigen wir das nahe gelegene Himba-Dorf, eine weitere kleine Einnahmequelle für Puros. Natürlich ist es ein zwiespältiges Gefühl, so eine Tourismusattraktion zu besuchen, denn man selbst möchte ja nicht als der Pauschal-Tourist gelten. Doch auf der anderen Seite hat jedes Zusammentreffen fremder Kulturen Auswirkungen. So ist es besser, sich in einem Schau-Dorf aufzuhalten und die Menschen dort zu befragen oder zu fotografieren, als in eine Welt einzubrechen, in der wir nichts zu suchen haben, und dort die Einwohner als Exoten zu behandeln.

Die Himbafrauen in ihrem traditionellen Lendenschurz aus Ziegenleder und der typischen roten Hautfärbung sitzen vor ihren Hütten und unterhalten sich. Kaum betreten wir das Dorf und zahlen unseren Obolus, als Leben in die Frauen kommt und sie sich auf die Hütten verteilen. Sofort fängt eine der Frauen an, den eisenoxydhaltigen Rotstein zu verreiben und ihn sich auf der Haut zu verteilen. Normalerweise wird der feine Staub mit Butterfett vermischt, bevor er aufgetragen wird. Zwei kleine Kinder spielen mit einem Fußball, der wohl mal ein Geschenk war. Vor einer anderen Hütte, die wie die anderen aus Ästen besteht, die mit Lehm und Ziegenleder verkleidet sind, sitzt eine alte Frau, die Glasperlen für Schmuck auffädelt.

Am nächsten Tag ist der Rückweg angesagt. Die Fahrt führt durch eine Landschaft mit wunderbaren Farbspielen: Das sanfte Gelb der Steppe, die vor den rötlich schimmernden Bergen liegt, wird nur unterbrochen durch das satte Grün der Mopanebäume. Eine große Herde Strauße läuft uns über den Weg. Wir zählen an die 40 Jungtiere mit zwei Ausgewachsenen. Ständig ändert sich die Landschaft, der Grasbewuchs wird immer spärlicher und bleibt schließlich ganz weg. Gegen Mittag fahren wir in Sesfontein ein, einem ehemaligen deutschen Militär-Außenposten. Dort machen wir auf dem kommunalen Campingplatz, an den riesigen Brettwurzeln der Wilden Feige, Pause. In einem dort durchlaufenden Bach baden ein paar Kinder.
Auf der weiteren Fahrt rücken die Berge immer mehr in die Weite und werden abgelöst durch die typischen Bergzüge um Palmwag. Allerdings dauert es noch Stunden, bis wir das Camp erreichen. Die Zivilisation hat uns wieder, denn ab Palmwag werden wir am kommenden Tag auf der Teerstraße die Gästefarm Bambatsi erreichen.

Leichte Melancholie macht sich unter uns breit, ist dies doch die letzte Nacht unter freiem Himmel, auch werden keine Fankoline mit ihrem Krakeelen uns mehr zu Morgengrauen wecken und die täglichen Abenteuer, die Ungewissheit über das, was uns begegnet und uns erwartet, enden nun ebenfalls. Vorerst werden wir auch Filemon nicht mehr "Bitte Essen fassen" sagen hören, doch auf jeden Fall wird uns diese Tour mit Southern Cross Safaris noch lange in Erinnerung bleiben und so manche alltäglichen Nichtigkeiten leichter ertragen lassen.

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