27 Januar 2017 | Kultur & Unterhaltung

Missionarin ohne Heiligenschein

Autobiografie eines außergewöhnlichen Lebens in Namibia (Teil 20)

Die gebürtige Westfälin Kerstin van Wyk wurde von der evangelischen Missionsgesellschaft nach Namibia entsandt, wo sie von 1996 bis 2012 lebte und wirkte.

Mittwoch

Ein Kollege vom MLRR ruft an. Er bittet mich um meine Unterstützung und erzählt Folgendes - Er hätte gerade von einem querschnittsgelähmten Mann Besuch gehabt. Der Mann benötige einen Rollstuhl. Ob ich einen hätte? Auf Rollstühle vom MoHSS müssen die Betroffenen um die drei Jahre lang warten. Der Mann hat Glück – wir haben noch einen, den sie sich solange ausleihen können, bis sie einen vom Ministerium erhalten. Beim anschließenden Hausbesuch finde ich heraus, dass der Mann Isaak heißt und unheilbar an Prostata- und Hodenkrebs erkrankt ist. Krebs im Endstadium! Davon weiß Isaak aber nichts. Unter Einbeziehung seines Hausarztes erfolgt leider nur ein telefonisches Aufklärungsgepräch. Erschwerend kommt hinzu, dass Isaak vom Liegen riesige, tiefe Druckgeschwüre hat. Seine Ehefrau kann das leider nicht sehen – sie ist blind. Ein längerfristiger Krankenhausaufenthalt wäre hier das Beste. Im Krankenhaus macht man mir nach stundenlangem Verhandeln deutlich, dass für solche Fälle keine freien Betten zur Verfügung ständen. Diese Aussage ist ehrlich, wenn auch sehr deprimierend und schwer zu akzeptieren. Zumindest kann ich einen kurzfristigen Krankenhausaufenthalt arrangieren, damit die Druckgeschwüre erst einmal versorgt werden.

Am Nachmittag halte ich einen Diavortrag über unsere Arbeit vor einer Gruppe deutschsprachiger Konfirmanden der lutherischen Kirche. Es ist fast unglaublich, wie wenig diese jungen Menschen mit der schwarzen Bevölkerung in Berührung kommen und wie gering ihr Wissen um deren Lebensumstände ist. Und das es behinderte Menschen gibt, ist bisher fast völlig an ihnen vorbeigegangen. Dass es sogar weiße behinderte Kinder geben soll, quittieren sie mit ungläubigem Staunen.

Eigentlich wäre nun Feierabend, aber ich muss noch nach Swakopmund fahren, wo ich am Morgen an dem Workshop in Arandis teilnehmen soll. Um 21 Uhr komme ich endlich im Hotel mit Meerblick an. Ich bin jedoch so müde, dass ich mich nur noch nach Schlaf und Ausruhen sehne. Todmüde falle ich ins Bett. Aber was ist denn das? Wie aus heiterem Himmel macht sich ein wahnsinnig juckender Ausschlag auf meinem gesamten Körper breit. Das macht mir nun echt Sorgen, aber ich bin so erledigt, dass ich versuche, den Ausschlag zu ignorieren. Morgen ist auch noch ein Tag, um sich darum zu kümmern. Eine Fehlentscheidung, die mir fast zum Verhängnis wird, wie sich am nächsten Morgen herausstellt.

Donnerstag

Ich wache mit einem blasigen Ausschlag am ganzen Körper auf. Die Blasen scheinen auch noch zu wandern. Ich muss sofort zum Arzt. Nachdem man mich endlos warten lässt, bekomme ich endlich die lebensrettende Kortison-Spritze verabreicht. „Das war knapp', meint der Doktor. „Wären Sie nur etwas später gekommen, wären Sie wahrscheinlich an einem allergischen Schock gestorben.”

Was den Ausschlag ausgelöst hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Heidi hat eine Woche später die gleichen mysteriösen Symptome. In Arandis hat man sich bereits Sorgen gemacht. Ich fühle mich körperlich nicht besonders gut und nehme eher etwas apathisch am Workshop teil.

Freitag

Nachdem ich auch den zweiten Workshop-Tag hinter mich gebracht habe, wartet ein freies Wochenende am Meer auf mich. In Swakopmund wache ich bei herrlichstem Sonnenschein auf. Heute ziehen ausnahmsweise mal keine dicken Nebelschwaden über die Landschaft hinweg. Ausspannen. Herrlich!

Am Sonntagmorgen stelle ich fest, dass ein Reifen am Auto platt ist. Jemand hat versucht, in mein Auto einzubrechen. Puh. Reifenwechsel. Wie gut, dass ich das in meiner Vorbereitung für Namibia gelernt habe. Fast bin ich froh, nach all den Erlebnissen am Sonntagabend wieder in Windhoek einzutreffen.

Am darauf folgenden Donnerstag geht es schon wieder auf die nächste Reise.

Der stellvertretende Minister für Rehabilitation lädt mich als Gastsprecherin nach Mariental ein, wo er vor seiner Inhaftierung als Lehrer gearbeitet hat. Neun lange Jahre musste er als politischer Gefangener auf Robben Island verbringen. Ich soll einen Vortrag über meine Arbeit halten. Es freut mich, dass sich die Menschen in dem kleinen Dorf im Süden Namibias für Community Based Rehabilitation (CBR) interessieren. Statt wie angekündigt 20 Teilnehmer kommen um die 100. So viele Arbeitsmaterialien habe ich nicht dabei. Die Kopiermaschine ist leider auch gerade kaputt. Mich schockt jedoch inzwischen nichts mehr. Irgendwie beschafft man mir die nötigen Kopien dann doch noch und auch noch ganz spontan einen erstklassigen Übersetzer. Mein Freund, der Reha-Minister, fragt mich, ob ich das freie Wochenende nicht noch dableiben und ihm Gesellschaft leisten möchte. Er hat tagsüber einige Meetings, aber er würde mir seinen Chauffeur zur Verfügung stellen. Wir könnten uns dann zum Abendessen treffen. Wow! Das sage ich nicht nein. Netterweise stellt mir der Stadtrat ein Zimmer in seinem Haus zur Verfügung. Der Chauffeur bringt mich zum Schloss Duwisib. Abends treffen wir uns zum romantischen Abendessen und gehen nachts händchenhaltend, als Mariental bereits in tiefem Schlaf liegt, spazieren. Noch Jahre später erinnern der Reha-Minister und ich uns an die Zeit, die wir gemeinsam in Mariental verbringen konnten. Sie gehört zu unseren schönsten gemeinsamen Erinnerungen. Ich stelle erfreut fest, dass nicht jedes Wochenende zwangsläufig im Chaos enden muss.

Am Montag habe ich mich mit Simon, dem Kameramann, verabredet. Er taucht erst auf meinen Rückruf hin mit drei Stunden Verspätung in meinem Büro auf. Ich bin stinksauer, weil ich mir den Vormittag extra für unsere Besprechung freigehalten habe. Kein guter Start für eine eventuelle Geschäftsbeziehung. In Simons Gesicht spiegelt sich das schlechte Gewissen. Ich finde ihn von der ersten Sekunde an hinreißend, so dass ich meine bereits abgeklungene Verärgerung spielen muss. Simon hat rote Haare, eine Zebrabrille auf der Nase und läuft mit einer Jutetasche herum. Ein echter Künstlertyp. Nachdem er sich mehrfach entschuldigt hat, kommen wir ins Gespräch. Es fühlt sich an, als würden wir uns bereits seit Jahren kennen. Simon ist so begeistert von unserer Arbeit, dass er gerne einen Dokumentarfilm über das CBR-Programm drehen möchte. Das kommt mir gerade recht, da wir so einen Film gut für das neue Augenprogramm als Aufklärungsfilm nutzen könnten. Ich bin sofort Feuer und Flamme. Das einzige Hindernis – so ein Film kostet um die 37000 DM Produktionskosten. Die müssen wir erst noch auftreiben. Wir sind uns jedoch einig – so ein Film muss sein!

Der darauffolgende Dienstag und Mittwoch sind angefüllt mit einer Internationalen Impfkampagne gegen Poliomyelitis (Kinderlähmung) und Vitamin A-Mangel. Alle Onyose-CBR-Mitarbeiter sind daran beteiligt. In zwei Tagen sehe ich 1200 Kinder. Eine wunderbare Möglichkeit, gleichzeitig nach behinderten Kindern „Ausschau“ zu halten, Mütter zu beraten und Gesundheitshinweise zu geben. Den meisten Kindern läuft der Rotz aus der Nase. Sie sind dauererkältet. Kein Wunder, wenn sie barfuß und leicht bekleidet im Winter herumlaufen.

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