02 Mai 2019 | Politik

Marschallplan für Namibia

Wiedergutmachung des deutschen Kolonialerbes durch Aufbau

In einem Exklusivinterview mit Hans Jessen, der sich im Namen des Deutschen Kulturrates mit Andreas Guibeb, dem namibischen Botschafter in Deutschland, traf, unterhielten sich die beiden Gesprächspartner über die „versäumte Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit“ in Namibia. Guibeb verlangt einen Marschallplan zum Wiederaufbau Namibias.

Von Frank Steffen

Windhoek

Laut Guibeb wartet Namibia auf Antworten und Lösungsvorschläge sowie die amtliche Anerkennung der mit dem Genozid verbundenen Kolonialgeschichte, welchem seiner Meinung nach eine formelle Entschuldigung folgen müsse. Insbesondere fehlt dem Botschafter ein „Marschallplan für Afrika“, der nicht nur auf den Beschlüssen und Wahrnehmungen deutscher oder europäischer Politiker beruht, sondern an dem hiesige, bzw. afrikanische Politiker mitwirken könnten. Eine Kombination aus Entschuldigung für den Genozid und einem deutschen Marshallplan für Namibia, würde Namibier sowie Deutsche davon überzeugen, dass beide Nationen ein Blatt im Buch der Geschichte wenden würden. Ihm fehlt die Wechselwirkung zwischen Politik und Wirtschaft – Lüderitz sei immerhin auch nicht als Politiker in Angra Pequena an Land gegangen, sondern als Geschäftsmann, dessen Interessen zu weitreichenden politischen Entwicklungen geführt hätten. So müsse eine Entschuldigung von nachhaltigem Aufbau begleitet werden.

Indessen sei es an der Zeit, dass Deutschland, das sich jahrelang mit der eigenen Geschichte befasst habe, den Problemen Afrikas zuwende. Afrikas Herausforderungen reichen laut Guibeb weiter als die Migrationsfrage. So habe der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck bereits 1884 die „Westafrika-Konferenz“ in Berlin anberaumt: „Hier wurden die Grundlinien der kolonialen Aufteilung beschlossen. Viele aktuelle Schwierigkeiten Afrikas resultieren aus diesem historischen Erbe.“

Die Kongokonferenz 1884 (auch als Westafrika-Konferenz oder Berliner Konferenz bekannt) zeichnete sich darin aus, dass es König Leopold II. von Belgien gelang, Frankreich sowie das Deutsche Reich davon zu überzeugen, dass ein gemeinsames Handeln in Afrika in ihrem Interesse sei. Als Reichskanzler hatte Otto von Bismarck Vertreter der USA, des Osmanischen Reiches und der europäischen Mächte Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen am 15. November 1884 eingeladen, um über Kolonialgebiete sowie den Handel mit Afrika zu verhandeln. Henry Stanley, vorher als Kongo-Forscher im Dienste Leopolds, wohnte der Konferenz als technischer Berater der USA bei.

Unter anderem wurden die Grundlinien der erschlossenen Kolonialgebiete erstmals anerkannt und als Freihandelszone freigegeben sowie das internationale Verbot des Sklavenhandels, auch als für Afrika zutreffend, beschlossen. Als großer Gewinner galt letztendlich Leopold II., der das riesige Kongo-Gebiet – der rohstoffreichste Teil Afrikas – als Privatbesitz zugesprochen bekam.

Guibeb äußerte indessen Verständnis für die deutsche Sorge vor der rechtlichen Dimension des Genozids, „aber es gibt eine historische und moralische Verantwortung“. Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert habe den Genozid der damaligen Zeit gegen die Norme und das aktuelle Verständnis des Wortes Genozid gemessen und dabei den Genozid als solchen anerkannt. „Ich sehe die deutsche Bereitschaft, das zu akzeptieren – aber es muss offiziell werden. Namibia hat eine lange Tradition der Versöhnung. Wir haben lange gegen die deutsche Kolonialherrschaft gekämpft und dann gegen die südafrikanische Besatzung. Versöhnung auf der Grundlage von Respekt – das vermissen wir von Deutschland“, kommentiert Guibeb die ausstehende Entschuldigung in dem Interview.

Auf der Internetseite des Deutschen Kulturrates (DKR) beschreibt dieser seine Funktion wie folgt: „Der Deutsche Kulturrat e.V. ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände.“ Er sei der Ansprechpartner der Politik und Verwaltung des Bundes, der Länder und der Europäischen Union in allen einzelnen Sparten, inklusive der den DKR übergreifenden kulturpolitischen Angelegenheiten. Der DKR wolle „kulturpolitische Diskussion auf allen politischen Ebenen anregen und für Kunst-, Publikations- und Informationsfreiheit eintreten“.

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