02 Januar 2019 | Geschichte

Kontroverse um Kolonialgeschichte

Museumsverband fordert Ende von angeblicher Verherrlichung der Vergangenheit

Das afrikanisch-orientierte Sentiment aus einem Protokoll des Namibischen Museumsverbands dürfte auf Verständnis stoßen, denn es stellt in Frage, warum namibische Museen nur die Kolonialgeschichte ausstellen. Nun wurde erstmals gefordert, diese Geschichte gänzlich zu verdrängen und nur noch vorzeitliche Geschichte zu exponieren.

Von Frank Steffen

Windhoek

In einem der AZ zugespielten Protokoll des Namibischen Museumverbandes (MAN) ist die Sprache von Museen, die sogar verbrannt werden sollen, ob ihrer angeblichen Tendenz, die Kolonialzeiten zu verherrlichen, und der teilweise absichtlichen Auslassung von hiesigen Exponaten und lokaler Geschichte aus der Zeit vor der deutschen und südafrikanischen Kolonialbesetzung.

Aus dem Protokoll mit der Überschrift „Vergangenes, gegenwärtiges und künftiges Erbe Namibias - eine Botschaft von afrikanisch-ikonischen Museumskuratoren: Dekolonisiert Namibia und entfernt die vergangene Kolonisationskultur der Deutschen, Engländer und Südafrikaner“, ist nicht immer ersichtlich, wer genau welche Aussagen gemacht haben soll. Bei dem Kurator muss es sich um Professor Ciraj Rassool (im Protokoll als Rassoul angegeben) handeln, zuständiger Direktor der Afrikanischen Studienlehrgänge für Museen und anthropologisches Erbe an der südafrikanischen Universität des West-Kaps. Welche Historiker mit seinen geäußerten Ansichten über die Art der Aufhebung der namibischen Geschichte übereinstimmen, ist nicht ersichtlich.



„Museen dekolonisieren“

So heißt es unter anderem in dem Bericht: „Während der Museumskonferenz wurde gegen die Allgegenwärtigkeit der deutschen Geschichte, vor allem in den privaten Museen protestiert. Dadurch wird die indigene Kultur Namibias ignoriert und ausgelassen.“ Da sei es ganz normal, wenn die Museen hauptsächlich von Europäern besucht würden. Die Geschichte von hunderten Herero-Kriegsgefangenen, die durch Zwangsarbeit mit am Schienenbau und dergleichen Entwicklungen mitgewirkt hätten, würde gänzlich im Hintergrund verblassen – deswegen sei beispielsweise das Swakopmunder Museum (MAN-Gründungsmitglied) bereits verwarnt worden.

Rassool soll vorgeschlagen haben, alle Museen zu „dekolonisieren“ und sich im restlichen Afrika umzusehen, damit die namibischen Kurator das afrikanische Erbe und „Afrika“ als solches in den Vordergrund stellen. In dieser Hinsicht wurde die „Alte Feste“ als „erstes Kolonial-Gebäude der deutschen Zeit“ als denkbar ungeeignet verurteilt: „Nur weil es unter Denkmalschutz steht, ist es längst nicht für den Zweck eines Museums geeignet, zumal hier hauptsächlich Exponate aus der deutschen Kolonialgeschichte vorgeführt werden.“

Eine der Anwesenden soll die Hoffnung ausgesprochen haben, dass „bald ein neues, modernes Museumsgebäude auf dem Areal der Alten Feste entsteht“. Das Reiter-Denkmal sei immerhin bereits von Nordkoreanern entfernt worden.



Protokollierte „inoffizielle

Diskussion“

Das Protokoll hält ferner eine „inoffizielle Diskussion“ fest, bei der die privaten Museen eins nach dem anderen verurteilt wird, weil sie entweder „zu viel deutsche Geschichte“ beinhalten oder „von der Buren-Kultur überherrscht sind“. Wenngleich das Geschriebene teilweise unzusammenhängend erscheint, werden sämtliche Einzelpersonen, die sich für die Geschichtserhaltung einsetzen, namentlich erwähnt (oft fehlerhaft buchstabiert und auch im verkehrten Zusammenhang). So werden deutsche Mitglieder der Kriegsgräberfürsorge mit den Commonwealth-Kriegsgräbern in einen Topf geworfen und werden ferner die Namibische Wissenschaftliche Gesellschaft (NWG) sowie der Deutsche Kulturrat (DKR) im selben Satz mit Kriegsgräbern und der englischen Altsoldaten-Vereinigung MOTH aufgeführt.



Europäische Museen abbrennen

Ein „lokaler Künstler“ schlug indessen vor, ein Treffen zwischen schwarzen, braunen und weißen Namibiern zu organisieren, die einen gemeinsamen Weg für die Zukunft beschließen sollen. Dann könne man entscheiden „welche der Europäischen Museen abgebrannt werden sollen und welche in Afrikanische Museen umfunktioniert werden sollen“. Somit könne eine einheitliche Struktur gemäß des regenbogenartigen Charakters der Nation geschaffen werden. Alle deutschsprachigen Organisationen könnten an dem Treffen teilhaben und britische sowie das Frankfurter Museum könnten um wissenschaftliche und finanzielle Hilfe gebeten werden.

Auf der Internetseite „www.museums.com.na“ zählt der Verband die finnischen und deutschen Botschaften sowie das britische Hochkommissariat und das Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur als Partner des Verbands auf. Auf der Internetseite sind keine Protokolle veröffentlicht, aber ein Jahresbericht für 2018, der von MAN-Direktor Dr. Jeremy Silvester und seinen Kollegen Nehoa Hilma Kautondokwa, Museums-Entwicklungsdirektorin, sowie Ndapewoshali Ndahafa Ashipala, MAN-Büroleiterin, erstellt wurde.

In den MAN-Zielen steht die Entwicklungsarbeit an Museen auf lokaler und regionaler sowie nationaler und kontinentaler Ebene im Vordergrund. Insbesondere die Aufdeckung anthropologischer Geschichte wird angestrebt. Inwiefern sich eine gesamte Geschichtsverfolgung auf eine Zerstörung des Einen zu Gunsten des Anderen begründen lässt, bleibt indessen unersichtlich. Diesbezügliche Anrufe beim MAN blieben bisher unbeantwortet.

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