23 Dezember 2009 | Natur & Umwelt

Klima-Interview

AZ: Politiker und andere Amtsträger sprechen den Klimawandel wiederholt an und sprechen Warnungen aus. Welche konkreten Indizien gibt es, dass Namibia auch betroffen ist?

Dr. Peter Stoermer : - Es gibt die messbare Erwärmung und "Versäurung" der Benguela-Strömung , das heißt es kommt zur CO2-Aufnahme plus Phosphor und Stickstoff. Diese Stoffe gelangen durch Kunstdünger über Flüsse ins Meer. Die Phosphor- und Stickstoff Kreisläufe werden dadurch gestört .
- Es kommt zu höherem mittlerem Hochwasser, teilweise mit Sturmflut; daher Küstenerosion, reduzierte Artenvielfalt im Meer und es gibt Probleme im Fischereibereich.
- Dazu kurzfristige starke Lufttemperaturschwankungen und Stürme. Sie werden durch Sonnenfleckstürme und Sonneruptionen verursacht.
- Die Frequenz von Hautkrebs hat seit 1995 in Namibia um 400% zugenommen. Auch das Wild und Rinder sind jetzt mehr betroffen.

AZ: Viele Namibier sind skeptisch, wenn die Überschwemmungen während der vergangenen Jahre und die periodischen wie sporadischen Dürren dem Klimawandel zugerechnet werden. In der aufgezeichneten meteorologischen Geschichte seit rund 120 Jahren, aber auch davor wurden wiederholt Dürre- und nasse Zyklen mit beachtlichen Extremen notiert. Das war zu Zeiten, als von Klimawandel noch keine Rede war. Gibt es hier belegbare Anhaltspunkte?

Dr. St.: So genannte paläoklimatologisch bedingte Veränderungen sind naturgegeben. Die Ursachen dafür sind astronomisch, geologisch etc. bedingt, können aber durch menschliche, vor allem industrielle Einflüsse beschleunigt , beziehungsweise vergrößert werden. Das bedeutet auch, dass z.B. Dürre- und Flut-Situationen in ihrer Frequenz und Größenordnung zu noch größeren Extremen aufgeschaukelt werden. Die natürliche Dynamik läuft aus dem Ruder.
AZ: Welchen Beitrag zum Klimaschutz kann ein Entwicklungs- oder
Schwellenland wie Namibia aus eigenen Kräften leisten?
- Alternative Energien fördern, z.B. solare Wassererhitzer verbreiten, Gesetz zur Solarstromeinspeisung ins Netz verabschieden. Solar erzeugter Wasserstoff als mobile Antriebsenergie - die gefahrlose Speicherung ist technisch verfügbar - kann zum großen Exportprodukt werden.
- Das Van-Eck-Kohlekraftwerk sanieren und auf neuesten Stand der Verbrennungs- und Filtertechnik bringen.
- Im persönlichen Bereich ist auf Vieles zu achten: Licht aus, wenn es nicht benötigt wird.
Das trifft auch im Stadtbereich (Stadtverwaltung) auf die riesigen, beleuchteten Reklameschilder mit zweifelhaftem Nutzen und auf die nachts beleuchteten Bürohäuser zu.
- Türen bei Läden und Malls sollten geschlossen bleiben. Die Kühlung verpufft nutzlos in gigantischen Mengen nach draußen. Energieeinsparung sollte über Werbung den eventuellen Negativ-Effekt der geschlossenen Eingangstüren kompensieren. (Es folgt der "Win-Win-Effekt" zur Einsparung von Energiekosten)
- Der Konsum von Plastiktüten kann auf ein Minimum gebracht werden, ersatzweise Stofftaschen und Körbe verwenden und unnötige Verpackung vermeiden. Der Treibstoffverbrauch lässt sich einschränken, indem unnötiger Fahrten vermieden werden. Bei Neukauf eines Fahrzeugs sollte der Käufer auf geringsten Spritverbrauch, und auf geringsten CO2-Ausstoß achten und nicht das Prestige und die PS in den Vordergrund stellen. Die Regierung sollte da beispielhaft werden.
Das alles hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Umdenken und Klugheit. Dabei müssen sicher auch kulturelle Barrieren überwunden werden. Die Win-Win-Situation ist auf jedem Fall gegeben.

AZ: An welcher Stelle schaden wir Namibier dem Klima - im Mikro- und/oder im Makrokontext?
Dr. St.: Darauf haben wir bei der vorigen Frage gerade hingewiesen. Wir hinterfragen unter Anderem die Holzkohleherstellung bei der "Entbuschung" .

AZ: Die EU hat in Kopenhagen einen Startfonds zur Linderung, bzw. Vorbeuge von Klimaschäden in Höhe von 2,4 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Mit weiteren internationalen Beiträgen rechnet die EU mit einer jährlichen/globalen Gesamtsumme von 7 bis 10 Milliarden Euro bis zum Jahr 2012. Wo und wozu müssen solche Gelder eingesetzt werden?
Dr. St.: - Zu kontrollierten, klimaschützenden Maßnahmen, sei es zur entsprechenden Sanierung von bestehenden Energieerzeugern, Unterstützung energiesparender Architektur oder moderner, klimafreundlicher Energieerzeugung.
- Zu klimabewusster Erziehung an allen Erziehungs- und Bildungsinstitutionen

AZ: Was sollte die Regierung von Namibia mit den Mitteln tun, die in diesem Rahmen ausdrücklich für Entwicklungsländer/Dritt-Welt-Länder vorgesehen sind, bzw. welche Auflagen sind dabei zu erwarten?

Dr. St.: Ein Teil der Antwort wurde unter der vorigen Frage schon notiert. Beschlossene Auflagen sind, dass die Mittel nicht als Budget-Hilfen zur Verfügung gestellt werden, sondern nach strenger, vorheriger Prüfung und entsprechender Zulassung von klimafreundlichen Projekten je nach Fortschritt in Schritten gewährt werden.


AZ: Was wäre ein machbares und reelles Ergebnis für den Kopenhagener Klimagipfel? Was sollte die Welt realistisch erwarten?
Dr. St.: Leider ist die Klimakonferenz inzwischen "geplatzt" und weiter vertagt auf Bonn und Mexiko 2010, wie ich schon Anfang November befürchtet habe. Ein realistisches Ziel wäre gewesen, sich auf eine maximale Temperatursteigerung von zwei Grad Celsius (Mittelwert) zu einigen, und dazu, bezogen auf die derzeitige, mittlere Welttemperatur, die verbindliche Reduzierungen von Kohlendioxid und Methan (CO2, CH4) etc. für die nächsten zehn Jahre zu vereinbaren. Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien konnten sich mit dem Hinweis auf ihre wirtschaftlichen Entwicklungsziele (wie auch Ernährungssicherungsprogramme) und der Maßgabe dazu nicht entschließen, dass die größten Industrieländer wie z.B. die USA und große Teile der EU ein Mehrfaches an entsprechenden Emissionen pro Kopf in die Atmosphäre blasen wie sie selbst. Also ihre Forderung: Kehrt erst mal vor Eurer eigenen Tür.

AZ: Mitte der siebziger Jahre hat der "Klub von Rom" schon vor den Grenzen des zügellosen Wirtschaftswachstums gewarnt. Hat sich jemand an den damaligen Warnungen gestört?
Dr. St.: Die Erkenntnisse und Empfehlungen des Club of Rome sind heute noch aktuell und die Basis. Leider war die "Zeit noch nicht reif" für weltumfassende Maßnahmen.


AZ: Sollte eine Politik gegen den Klimawandel auch Sozialbereiche wie Familienplanung einschließen?
Dr. St.: Das ist eigentlich das Kernthema. Unser Planet kann nur eine begrenzte Zahl von Menschen "ertragen" und ganz sicher nicht 6,5 Milliarden mit dem Lebensstandard der Industrieländer. Das ist auch eine Frage der Ressourcen und der atmosphärischen Toleranz. Die Frage der Verteilung wird in Kürze zur sozialen Brisanz.
AZ_ In welcher Gestalt (Fach) sollte das Thema Klimawandel (oder überhaupt) in der Schule eingeführt werden?
Dr. St.: Als ein Überlebensfach mit dem Titel "Be climate mart" oder "Unser Raumschiff Erde/blauer Planet"
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Info - Grundbegriffe

Klima - Wetter über längere Zeit an einem bestimmten Ort beobachtet

Wetter - atmosphärische Phänomene ortsbezogen: Temperatur, Niederschlag, Windstärke und -richtung, Dauer des Sonnenscheins


Kohlendioxid - CO" - schwach säuerlich schmeckendes, nicht brennbares Gas

Kohlensäure - H"CO" - durch Lösen von Kohlensäure in Wasser entstehende schwache Säure

Methan - CH4 - stinkendes Gas, ein Metabolismusprodukt der Wiederkäuer, zu viel ist auch schädlich für die Atmosphäre

Phosphor - P - ein Mineral, kommt natürlich vor, wurde in Bomben verwendet

Paläoklimatologie - geologische Erdgeschichte, z.B. Vulkanismus, Plattenverschiebung

Atmosphäre - besteht aus 78% Stickstoff, 21% Sauerstoff und 1% Spurengasen, darunter CO"


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