27 Januar 2017 | Lokales

Kleine Kinder ganz

Mit Spiel und Spaß mehr Chancen auf Bildung

Mitten in Windhoek-Katutura liegt das Bernard Nordkamp Center (BNC), das den Kindern des Stadtteils kostenlose Bildung anbietet. Die Verantwortlichen und Volontäre stellen dafür jeden Tag ein buntes Programm aus Spielen und Workshops zusammen.

Die Wände der Gebäude sind außen bunt bemalt. Hier ist die Weltkugel zu sehen, dort ein paar Vögel, da hinten der Mut-Mach-Spruch der Organisation an die Kinder: „Ich bin stolz darauf Schüler beim BNC zu sein. Ich gehe respektvoll mit anderen um, versuche Probleme zu lösen und gute Entscheidungen zu treffen. Meine Lehrer glauben an mich und ich glaube an mich.“ Das Innere der Gebäude ist mit Bildern plakatiert, die das kleine Ein-Mal-Eins, die Parlamentsmitglieder von Namibia und das Alphabet zeigen. Hier soll Lernen Spaß machen und einen Bezug zum wirklichen Leben herstellen.

Gut 80 Kinder der Klassen eins bis sieben toben sich auf dem Gelände des Bernhard Nordkamp Centre (BNC) in Katutura aus. Es wird Basketball und Fußball gespielt, andere malen, flechten sich die Haare oder spielen auf dem Klettergerüst. Hier haben sie die Möglichkeit, nach der Schule eine Mahlzeit und anschließend Unterricht zu bekommen. Es werden Hausaufgaben gemacht und Workshops angeboten.

MaryBeth Gallagher, die Verantwortliche des BNC, ist vor zehn Jahren aus Amerika nach Namibia gekommen und bot den Kindern damals an ihren Nachmittagen kostenloses Essen und Freizeitspaß an. Erst als sie herbe Kritik ihrer Mitarbeiterin einstecken musste, wurde ihr bewusst, dass sie so in Namibia nichts verändern konnte. „So hart diese Kritik damals auch war“, erzählt sie rückblickend, „meine Mitarbeiterin hatte Recht. Ich bin schließlich hier um Namibia zu einem besseren Platz zu machen.“ Sie änderte die Organisationsstruktur des Centers und machte den Kids klar, dass ab sofort im BNC gelernt würde. In den darauffolgenden Wochen sank die Teilnehmerzahl von 380 Kindern auf 60 Kinder. Heute hat sich das System jedoch gefestigt, MaryBeth muss sogar eine Warteliste führen.



Theaterworkshop Creabuntu

Seit sechs Jahren müssen nun die Eltern der Kinder einen Jahresvertrag unterschreiben, in dem sie sich bereit erklären, ihre Kinder nachmittags ins BNC zu schicken. Jedem Kind wird ein Sponsor aus einem Erste-Welt-Land zugeschrieben, dessen Spenden gesammelt und gezielt ausgegeben werden. So bekamen die Kinder zum Schulanfang der Staatsschulen am 11. Januar neue Schultaschen, gefüllt mit Schreibutensilien, Heften, Scheren und was sonst noch in der Schule benötigt wird. Als Dankeschön schreibt jedes Kind einen kurzen Brief an seinen Sponsor und legt ein Bild von sich dazu.

Das BNC lebt jedoch nicht nur von den Sponsoren in Übersee sondern auch von den vielen Volontären aus aller Welt. Manche bleiben für ein Jahr, andere nur für ein paar Monate. Eine von ihnen ist Elke Reinauer, Schauspielerin und Journalistin. Während die Kinder auf ihr Essen warten – es gibt Erdnussbutterbrote und Wassermelone – bestürmen sie die junge Frau aus Deutschland, an ihrem Theater-Workshop Creabuntu teilnehmen zu können. Der Name des Workshops setzt sich aus dem englischen Wort „to create“ und dem Bantu-Wort „Ubuntu“ zusammen. Letzteres hat mehrere Bedeutungen, unter Anderem etwas zu teilen oder Gastfreundlichkeit. Grundsätzlich meint die Wortneuschöpfung Reinauers jedoch, Gemeinschaft zu kreieren und diese nach außen zu tragen.



Der Farmer, die Königin und der Pirat

Gerade die Jüngeren wollen unbedingt zu den Ausgewählten gehören, schließlich wissen alle, dass auch Elke Reinauer nur bedingt Platz für ihren Workshop hat und nur eine begrenzte Anzahl an Kindern aufnehmen kann. Doch diesmal sollen die Älteren, die bereits einen Workshop mitgemacht haben, ausgesucht werden. Ziel des dreiwöchigen Kurses: Eine kleine Theateraufführung vor einem ausgewähltes Publikum aus dem BNC.

Reinauer erzählt, dass sie als Kind ziemlich schüchtern war und das Theaterspielen ihr geholfen hat, über sich hinauszuwachsen. Sie studierte Schauspiel und hat in Deutschland ihre eigene, kleine Zwei-Frauen-Show. Sie ist der Meinung, dass Kinder durch Kreativität viel fürs Leben lernen können; gerade die Kinder aus Katutura, die teilweise auf der Straße leben, deren Eltern kaum Geld besitzen und die außerhalb der Schule keine Bildungsmöglichkeiten haben. Denn im BNC werden Respekt und Höflichkeit groß geschrieben. Wenn einer redet, hören alle zu, es wird „Bitte“ und „Danke“ gesagt, die Kinder antworten mit „Yes, Miss“ und umarmen die Besucher, wenn diese es ihnen erlaubt haben. Das sticht vor allem heraus. Das Bedürfnis nach Liebe. Die Kinder wollen, dass man sich mit ihnen beschäftigt und mit ihnen redet; sie danken es einem mit Gelächter, Umarmungen und Höflichkeit.

Die Kinder bei Reinauers Workshop sind aufgekratzt. Sechs Kinder haben es in die engere Auswahl geschafft, sitzen mit großen Augen um die Schauspielerin herum und hören sich die Regeln des Theaters an. Wer auf der Bühne steht, verbeugt sich am Ende der Aufführung, das Publikum hat zu applaudieren. Während der Vorstellung herrscht natürlich absolute Aufmerksamkeit. Bevor die Kinder jedoch ihre Kreativität ausleben dürfen, wird sich warm gemacht. Theater lebt von den klaren und lauten Stimmen der Schauspieler, sowie ihrer Mimik, demnach müssen gerade die Stimmbänder gut aufgewärmt und die Gesichtsmuskeln gelockert werden. Erst danach wird das Rollenspiel eingeübt.

Ein Farmer gewinnt im Lotto und zieht in die direkte Nachbarschaft einer reichen Königin, die sich ständig über den Geruch und die Lautstärke der Rinder beschwert. Es kommt regelmäßig zum Streit, bis ein hinterlistiger Pirat das Gold der Königin stiehlt und nur Dank des Farmers zu Fall gebracht werden kann. Das Ende der Geschichte ist, dass die Polizei den Piraten in ihre Obhut nimmt und einsperrt. Die Königin und der Farmer versöhnen sich und wohnen seitdem friedlich nebeneinander.

Die jungen Künstler werden jedoch nicht nur mit den Regeln der Schauspielkunst vertraut gemacht, sie erfahren am eigenen Leib, was es heißt eine Aufführung zu haben, zu improvisieren und nervös zu sein. Elke Reinauer hat mittlerweile Unterstützung von Tamsen Wecker bekommen, einem weiterem Volontär im BNC, der ebenfalls Theater spielt. Demnach weiß er selbst sehr gut, was Lampenfieber vor einer Aufführung bedeutet und versucht den Kindern Mut zuzusprechen und zu motivieren. Erneut müssen die Regeln durchgekaut werden. Man wendet sich beim Reden den Zuschauern zu und behält die gesamte Zeit über die Rolle bei, die man sich ausgesucht hat. Reinauer will unbedingt vermeiden, dass die Kinder während der eigentlichen Vorstellung über ihre Rollen diskutieren.



Naturtalente des BNC

Kurz vor der Aufführung entscheiden die jungen Schauspieler, dass das Theaterstück zu langweilig ist. Die typische Disney-Nummer von Bösewicht und Prinzessin zieht nach drei Wochen nicht mehr. Improvisation ist gefragt. „Tanzen und Musik gehen immer“, entscheiden die beiden Volontäre, und in das Theaterstück werden ruckzuck Tänzerinnen und ein Rapper eingegliedert.

Wie es sich vor einer guten Show gehört, verlaufen die Generalproben chaotisch. Doch sobald die Schauspieler den kleinen Klassenraum betreten, in dem die Show stattfindet, schlägt die Stimmung um. Jetzt sind Profis am Werk, die alle Regeln, alle Tipps, alle Motivationsansprachen verinnerlicht haben und eine Show abliefern, die ein sprachloses Publikum zurücklässt. Die Szenen, der Bühnenkampf, die improvisierte Rapper-Akrobatik-Einlage und das Ende funktionieren reibungslos. Elke Reinauer ist begeistert, vor allem von Dieb und Polizist, die sich ohne sich zu berühren einen Bühnenkampf geliefert haben. „Das sind Naturtalente“, wiederholt Reinauer.

Dabei ist der Workshop eigentlich nur eine Testphase, ihre Pläne sind deutlich größer. „Mein Traum ist eine eigene NGO (Nichtregierungsorganisation) hier in Namibia“, gesteht sie und lächelt dabei. „Die Kinder sollen in dieser Jugendkunsthochschule kostenlos die Möglichkeit bekommen Theater, Musik, bildende Kunst und kreatives Schreiben zu lernen.“ Um dieses monströse Projekt auf die Beine zu stellen, ist sie zum zweiten Mal in Namibia. Sie will vorerst nur recherchieren, wie ihre Projekte bei den Kindern ankommen, besucht dafür möglichst viele Organisationen und Theaterschulen in Namibia und baut sich ein Netzwerk von Leuten auf, die ebenfalls Interesse an ihrem Projekt haben. Die größte Hürde wird sein, die finanziellen Mittel zu bekommen. In der vergangenen Woche war sie an der Dr. Franz Aupa-Schule in Okuriangava, bevor sie kommende Woche wieder im BNC arbeiten wird.

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