12 März 2021 | Soziales

Kid Care Kollege in Goreangab

„Ohne diese Schule wären die Kinder auf der Straße“

Fährt man tief in das Herz der informellen Siedlung Goreangab, findet man eine Blechhütte, die sich von den anderen abhebt. Hier, etwa zehn Kilometer vom Stadtkern entfernt, steht, beinahe eine Wellblechhütte wie die vielen anderen in dieser Gegend, das Kid Care Kollege, ein Kindergarten mit Grundschule. Bunte, gemalte Mickymäuse und andere Fantasieprodukte zieren die Außenwand, heben das Kollege von der Umgebung ab.

Von Jannik Läkamp

Windhoek

Der Gesellschaft etwas zurückgeben. Das möchte der 42-jährige Mateus Johannes. Deshalb gründete der Staatslehrer das Kid Care Kollege in Goreangab. „Ich habe das Center von meinem eigenen Geld gebaut“, so Johannes, bescheidend lächelnd. „Dort sorge ich für Kinder, die sonst keine Zugang zu Bildung haben. Hier wird auf sie aufgepasst, sie werden unterrichtet und sie bekommen Essen.“

Für die Kombination aus Kindergarten und Grundschule für unterprivilegierte Kinder in Goreangab gibt der Lehrer Johannes jeden Monat etwa 19 000N$ seines Einkommens aus - bei einem Gehalt von etwas über 20.000N$. „Wenn man sich das Finanzielle anschaut, dann bleibt da am Ende wenig von meinem Gehalt übrig“, gibt der Lehrer zu. Wenn er über die Schule und die Kinder spricht, lächelt er. „Aber ich habe wenige Ausgaben. Also kann ich das, was ich bekomme, weggeben.“

„Die Verzierungen und Gemälde an unserer Einrichtung - das haben alles die Kinder gemacht“, so Germana Shaningwa. Die 30-jährige ist Lehrerin der ersten Klasse am Kollege, sie hat ein Diplom in frühkindlicher Entwicklung vom NAMCOL. „Dabei haben sie viel über Kunst und Farben gelernt, zum Beispiel wie man neue Farben erhält, indem man andere mischt.“ Während sie das sagt, gleitet ihr Blick über den Schulhof. Alle Kinder noch da, alle tragen ihre Masken. Sie wirkt beruhigt.

Insgesamt besuchen 95 Kinder die Schule - Tendenz steigend. Das Jüngste sei sechs Monate alt, so der 42-Jährige. Er bekomme regelmäßig Anfragen für Plätze in seiner Einrichtung. „Erst letzen Montag waren es wieder drei. Die konnte ich zum Glück noch mit reinquetschen.“ Doch nicht alle Kinder hätten so viel Glück. Etwa ein Dutzend seien auf der Warteliste für einen Kindergartenplatz. „Mir fehlen einfach die Mittel alle aufzunehmen, so gerne ich das auch tun würde“, so Johannes. „Aber wenn ich mehr Kindern einen Platz verspreche, reicht das Essen nicht mehr für alle. Ich müsste neue Lehrer und Kindergärtner einstellen, das geht momentan einfach nicht.“ Eine Ausnahme macht der Lehrer hingegen. „Bei Erstklässlern verhandle ich nicht. Die muss ich einfach aufnehmen. Die jüngeren Kinder können im Notfall etwas warten, aber die Erstklässler können nicht auf Bildung verzichten - das Schuljahr hat ja schon begonnen.“

Angefangen hat das Projekt Kid Care Kollege laut dem Lehrer bereits mit der Idee im Jahr 2017, konkret wurde es dann allerdings erst zwei Jahre später. „Ich habe das Datum noch genau im Kopf“, so Johannes. „Es war der zweite Januar 2019. Da hat hier alles angefangen.“

Das Grundstück, auf dem das Center steht, hat einem ehemaligen NDF-Soldaten gehört. Der ist in den Norden versetzt worden und hat seinen Besitz in Goreangab verkaufen müssen. „Für 15 000N$ konnte ich das Grundstück hier zusammen mit einer kleinen Hütte kaufen.“ Damals hätte Johannes aber noch andere Pläne mit dem Areal gehabt. „Es war eigentlich für meine Nichte und meinen Neffen gedacht. Die haben damals an der Universität in Windhoek studiert.“

Als diese jedoch ihr Studium beendet und einen Job in einer anderen Region fanden, hat sich der 42-jährige Namibier an seinen Traum von 2017 erinnert - und das Gelände kurzerhand zum Kindergarten umfunktioniert.

Damals bestand die Einrichtung aus nur einem einzigen kleinen Gebäude. „Aber es kamen immer mehr und mehr Eltern, die ihre Kinder hier unterbringen mussten. Also musste ich ausbauen.“ Er hat etwa 50 000N$ Ersparnisse gehabt, die hätten allerdings nicht gereicht. „Das Geld war leider aufgebraucht, als gerade mal das Dach des neuen Gebäudes stand“, erklärt der Staatslehrer und rutscht ein wenig auf seinem Platz herum, als sei ihm dieses Thema unangenehm. „Ich musste dann zur First National Bank, um einen Kredit aufzunehmen.“ 40.000N$ habe sich Bauherr nach eigener Aussage leihen müssen, um das Projekt zu beenden. „Die habe ich aber inzwischen zurückgezahlt. Jetzt schulde ich niemandem mehr etwas“, erzählt Johannes stolz. Er grinst, man kann dabei seine Zähne sehen.

Doch es seien immer mehr Kinder geworden. Waren es 2019 noch zu absoluten Höchstzeiten 68 Kinder und Babys gewesen, die einen Platz im Kid Care Kollege brauchten, wurden es Anfang 2020, noch vor dem Lockdown, bereits 74. Jetzt, im März 2021, bräuchten 95 Kinder einen Platz.

Außerdem hat Johannes sein Konzept ändern müssen. Einfach nur eine Kindertagesstätte anzubieten, hätte nicht gereicht, immer mehr Eltern klagten ihm ihr Leid über Grundschulen, die viel zu weit entfernt seien oder keine Plätze mehr frei hätten. „Die Kinder sind sechs oder sieben Jahre alt, sie sind viel zu klein, eine so weite Strecken zu laufen. Und ein Taxi jeden am Morgen - wer kann sich das hier schon leisten. Also musste ich das Center ausbauen - wir haben jetzt hier nicht nur eine Kindertagesstätte, sondern auch eine Grundschule. Zwei Erste Klassen werden hier unterrichtet.“ Inzwischen ist die Schule sogar vom Ministerium für Geschlechtergleichheit anerkannt, der entsprechende Antrag beim Bildungsministerium sei eingereicht. „Die Mühlen mahlen hier nun mal langsam. Aber trotzdem sind wir jetzt schon eine offiziell anerkannte Schule, wir folgen auch dem Lehrplan des Ministeriums.“

Insgesamt sind dieses Jahr sieben Lehrer und Kindergärtner an dem Kollege beschäftigt. Manche von ihnen übernachten in dem Center. „Morgens um fünf, wenn manche Eltern schon ihre Kinder hier abgeben und sich auf Jobsuche begeben, muss ja jemand da sein.“ Außerdem bezahlt er einen Arbeiter, der regelmäßig Wasser in die Schule pumpt.

Einen Anschluss für fließendes Wasser gibt es nicht.

Dieser Umstand war besonders zu Corona-Höchstzeiten fatal.

Es musste improvisiert werden, selbgebaute Desinfekitonsstationen, sogenannte „Tippy-Taps“ halfen. Als der Lockdown kam, wurde es besonders schwierig. Präsenzunterricht war nicht möglich, eine adäquate Onlinealternative gab es nicht. „Die Eltern von ein paar Kindern konnten wir auf WhatsApp erreichen. Denen konnten unsere Lehrer dann Videos und Lehrmaterial schicken. Das waren aber nur sehr, sehr wenige“, so Johannes. Außerdem bekamen die Schüler auf diesem Weg nicht die besonders in der Lockdown-Krise dringend benötigten Mahlzeiten im Kollege. „Also haben wir die Kinder ins Homeschooling geschickt. Aber sie mussten herkommen und sich die Arbeitsblätter und Anleitungen abholen. Da haben sie dann auch gleich was zu Essen bekommen.“ Deshalb habe das Center auch im Lockdown nicht komplett schließen müssen. „Anders als so manch andere Einrichtungen“, wie Mateus Johannes stolz betont.

Dennoch sei die COVID-19 Pandemie noch immer eine Herausforderung für sie, sagt Germanan Shaningwa. „Es ist wirklich hart den Kindern begreiflich zu machen, dass sie sie sich überall hier an die Corona-Regeln halten müssen. Manchmal ziehen sie einfach ihre Masken herunter. Aber wir tun unser Bestes, ihnen zu helfen mit der Situation zurechtzukommen. Wir ermahnen sie, ihre Masken ordentlich zu tragen, wir üben mit ihnen das gründliche Händewaschen.“

Germana Shaningwa ist eine von zwei Lehrerinnen der ersten Klassen. Sie unterrichte im Moment elf Kinder, so die Dreißigjährige. Bildung ist für sie das Wichtigste. „Diese Kinder brauchen das einfach. Nur so können sie sich eine ordentliche Zukunft aufbauen. Bildung ist der Schlüssel zu ihrer Zukunft.“ Eines der Kinder der ersten Klasse ist Ueriva Tjisemo. „Hier ist ein guter Ort.“ Wenn die Sechsjährige erwachsen ist, möchte sie auch Lehrerin werden - so wie Germana.

Und das Projekt sei wirklich wichtig, so Shaningwa. „Ohne das Center wären diese Kinder auf der Straße. Sie würden keinerlei Chance auf Bildung bekommen.“

Was in der Zukunft kommen wird, weiß Johannes nicht. Er hätte gerne einen größeren Wassertank, damit nicht jeden Tag jemand kommen und Wasser in die Schule pumpen muss. Ansonsten „wird man sehen. Vielleicht kommen bald Eltern und wünschen sich auch eine zweite und dritte Klasse.“ Dann wird Matheus Johannes eben weiter anbauen.

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