31 Januar 2012 | Politik

Kaura erinnert an Rechtsschutz für Deutsch

Verschiedene Quellen haben einen Diskussionsbeitrag des Politikers Katuutire Kaura am Abend des 28. September 2011 im Haus der Kulturen in Berlin mehrfach vermittelt. Er habe die Tatsache verurteilt, dass Deutsch in Namibia nach wie vor als Sprache gelehrt werde, obwohl die deutsche Kolonialverwaltung schon vor nahezu 100 Jahren zu Ende ging. Die Allgemeine Zeitung hat diese Berichte im Kontext der Reportagen über die Rückführung von 20 Totenschädeln nach Namibia veröffentlicht und wollte von Kaura wissen, ob sein Beitrag korrekt wiedergegeben wurde. Das Interview mit Katuutire Kaura führte Eberhard Hofmann

Kaura: Deutsch ist eine einheimische Sprache wie all die anderen Sprachen, die von der Verfassung geschützt werden. Die Sprache kann also wie alle anderen gelehrt werden. Ich habe (bei der Diskussion) folgendes gesagt: Als der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (1995) nach Namibia kam, weigerte er sich, eine Herero-Delegation zu empfangen, die ihm eine Petition überreichen wollte. Aber dann hat er eine deutsche Schule besucht und erklärt, dass Deutsch an namibischen Schulen unterrichtet werden müsse. Ich habe das als arrogant erfahren, dass er nach Namibia gekommen ist und der unabhängigen Regierung vorschreiben wollte, eine bestimmte Sprache lehren zu lassen, derweil dies ohnehin Regierungspolitik und schon in der Verfassung festgelegt war.
AZ: Etliche deutschsprachige Namibier und gestandene Freunde Namibias haben Befürchtungen geäußert, dass die herzlichen und versöhnlichen Beziehungen zwischen Deutsch- und Ojiherero-sprachigen Namibiern, die über etliche Jahrzehnte den gesellschaftlichen und politischen Austausch ungeachtet ihrer politischen Zugehörigkeit gekennzeichnet haben, gefährdet sein könnten. Mehrere agitatorische Statements kamen von Mitgliedern der Schädel-Delegation, die nach Berlin gereist ist, sowie von einigen Namibiern aus dem Lande selbst. Halten Sie solche Befürchtungen für begründet? Erleben wir einen Wandel der Gesinnung und der Haltung?
Kaura: Nein. Die Haltung hat sich nicht geändert. Ich wiederhole aber, was ich schon 1991 (D. Red.: bei der Landkonferenz) gesagt habe: "Obwohl die jetzigen Eigentümer kommerzieller Farmen ihren Boden legal erworben haben, haben diese Ländereien einheimischen Menschen gehört, bis sie ihnen durch Kriege und sogar noch danach verloren gegangen sind. Die DTA von Namibia ist sich der Agonie und des Zorns derer zutiefst bewusst, die nicht nur Menschen sondern auch Boden der Ahnen verloren haben. Es besteht die Frage, wie die direkt betroffenen Leute (Nachfahren) zumindest einen Teil des Bodens erwerben können, den sie verloren haben. Es scheint nur eine Lösung zu geben, dass die Regierung angehenden Käufern der betroffenen Gruppen
finanziell zu Farmen in jenen Gebieten verhilft, wo ihre Vorväter lebten. Es besteht die Möglichkeit, dass bestimmte Gruppen an Regierungen (d. Red.: Deutschland und Südafrika) herantreten, die für den Verlust von Boden verantwortlich waren, um sich um finanzielle Unterstützung zum Erwerb solcher Farmen zu bemühen." Diese Position haben wir seinerzeit unter Anderem mit Hans-Erik Staby formuliert. Die Kinder derjenigen, die das Land mit Gewalt genommen haben, haben es nach wie vor im Besitz. Die deutsche Regierung sollte den Ovaherero und Nama daher helfen, verfügbares Land zurückzukaufen. Ich habe diesen Standpunkt wiederholt, dass die deutsche Regierung diese Hilfe leisten muss.
AZ: Das individuelle und kollektive historische Gedenken unter Namibiern verschiedener Sprachen kann sich infolge ihrer Erziehung, mündlicher Überlieferung und des Umfelds in ihrer Jugend voneinander unterscheiden. Welchen Stellenwert messen Sie nachweisbarer Kenntnis und historischen Fakten bei?
Kaura: Fakten sind extrem wichtig. Aus psychologischer Sicht ist jedoch zu beachten, dass fünf Personen, die Zeugen eines Autounfalls sind, fünf verschiedenen Aussagen liefern werden. Umso mehr trifft das bei der Kriegsgeschichte zu. Da wird hinzugefügt und weggelassen. Der Löwe und der Jäger werden jeweils einen anderen Hergang über die Jagd erzählen. Und so ist es bei Besiegten und beim Sieger zu erwarten. Einmal verlassen wir uns auf die Tagebücher, die von denen aus dem Krieg überliefert sind, die fähig waren zu schreiben. Das ist die einzige schriftliche Version. Die andere ist die mündliche Überlieferung, die sich sehr schwer belegen lässt. Prof Katjavivi und Dr. Ngavirue haben darauf zurückgegriffen. Das einzige historisch zuverlässige Werk, eine "historische Bibel", ist Dr. Heinrich Vedders "Das Alte Südwestafrika".
AZ: Angesichts bleibender Unterschiede in der Interpretation der historischen Fakten oder der Beurteilung der Zuverlässigkeit historischer Quellen, meinen Sie, dass ein bedeutungsvoller Dialog unter Namibiern möglich ist?
Kaura: Unbedingt! Die Wissenschaftler/Intellektuellen müssen sich treffen und die Fakten zusammenstellen, kondensieren und zur Verfügung stellen. Das ist eine Verpflichtung. Dr. Kuno Budack hat zuverlässige historische Beiträge geleistet. Andere sollten ihm folgen.
AZ: Müssen Namibier sich in der Interpretation der Geschichte der Konformität unterordnen? Oder gibt es Raum für gegenseitigen Respekt und für die Grundlage, dass sie als freie und befreite Bürger und als Erben der kolonialen Vergangenheit einen Auftrag haben, eine bessere Zukunft für jedermann zu gestalten?
Kaura: Es gibt diesen Raum. Wir können den menschlichen Geist nicht in einen Käfig sperren. Er muss weit ausschweifen können, aber dennoch so nahe wie möglich bei den Tatsachen bleiben und er darf sich dabei nicht in Fantasien verlieren.
AZ: Am vergangenen Freitag hat eine Feier zum Gedenken an die Enthüllung des Reiterstandbilds vor 100 Jahren in Windhoek stattgefunden. Im Parlament haben Sie sich einmal für die Erhaltung des Standbilds ausgesprochen.
Kaura: Wir können die Geschichte nicht auslöschen, ob gut oder schlecht. Der Deutsch-Herero-Krieg war insofern nicht sonderbar, als es davor schon Kriege zwischen Herero und Nama und sogar unter den Herero gegeben hat. Es ist wichtig, das nicht aus dem Auge zu verlieren. Das Standbild soll dazu mahnen, dass niemand mehr Krieg betreiben soll, das sollen alle namibischen Kinder sehen und daher darf es nicht entfernt werden.
AZ: Wir danken für das Gespräch

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