16 Dezember 2002 | Reiseberichte

Jagdschule erfordert besseren Lehrstoff

Der Berufsstand Jagdführer und Berufsjäger in Namibia wächst Jahr für Jahr mit neuen qualifizierten Kräften aus verschiedenen Sprachgruppen. Die intensivierte und breit gefächerte Ausbildung hat jetzt Mängel an den herkömmlichen Lehrstoffquellen offengelegt, erklärt Volker Grellmann, Leiter und Dozent der Jagdschule Eagle Rock auf der Etango Ranch nahe dem internationalen Windhoeker Flughafen Hosea Kutako. Derweil der Namibische Berufsjagdverband, Napha, etwa 440 Mitglieder zählt, wovon 368 staatlich geprüft sind, hat das Ministerium für Umwelt und Tourismus noch mehr Jäger vom Fach erfasst, die dem privaten jagdlichen Interessenträger nicht als Mitglied angehören. In diesem Jahr allein haben sich 43 Absolventen "aller Sprachgruppen und Hautfarben" in der Jagdschule Eagle Rock erfolgreich qualifiziert. Gleichzeitig wächst somit die Zahl potenzieller Mitglieder der "organisierten Jägerschaft"

Die qualifizierten Jäger werden jährlich sowohl als kundige Waidmänner, aber gleichzeitig als namibische Gastgeber "von Rang" durch eine anspruchsvolle internationale Klientel gefordert. Mit derzeit steigender Tendenz kommen jährlich etwa 4100 internationale Jagdtouristen aus rund 50 Ländern, wovon etwa 2850 aus den deutschsprachigen Ländern Europas stammen. Einen namhaften und umworbenen Anteil bilden US-amerikanische Jäger, Franzosen, Ungarn, Dänen, Italiener, Polen, Tschechen, Südafrikaner und Slowenen. Vereinzelt trifft man auch Jäger aus dem Baltikum, Saudi-Arabien und Schottland an. Diese Stichprobe zeigt, wie international, aber auch wie anspruchsvoll der Jagdtourismus geworden ist, so dass die Jagdbranche ohne fachkundige und konkret landesbezogene Ausbildung neben ihren Konkurrenten in den anderen süd- und osztafrikanischen Ländern gar nicht bestehen kann.


Namenlose Lehrgänge zur Jagd in Namibia wurden schon seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Vorbereitung auf die 1976 eingeführte staatliche Prüfung angeboten. Der namibische Jagdverband selbst übernahm die Ausbildung als Interessenträger während der Jahre 1984 bis 1989. Nach der namibischen Unabhängigkeit 1990 wurde die Ausbildung wieder privatisiert. Im sozialen Berufsbild hatte sich während der ersten zehn Jahre zunächst kaum etwas geändert. Ein erster Anlauf, den Jägerstand sozial durchlässiger zu gestalten, scheiterte vor der staatlichen Unabhängigkeit noch am Widerstand der organisierten Branche. Die staatliche Behörde und Napha lehnten die Neuerung ab, neben dem Jagdführer und Berufsjäger den Rang des Jagdassistenten einzuführen, um den langjährigen Spurenlesern und Abhäutern den Anschluss zu erleichtern.


Kritik an der "ethnischen Exklusivität" der Jagdbranche brachte die alte Initiative vor zwei Jahren in neuer Gestalt wieder in Gang.


Im November 2000 hat das Ministerium für Umwelt und Tourismus zum ersten Mal die mündliche Prüfung für Jagdführer abgenommen, von denen die Mehrzahl aus dem einfachen Grund nicht für ein schriftliches Examen in Frage kam, weil die Kandidaten über keine oder nur geringe formale Schulbildung verfügten. Die Ergebnisse der ersten Kandidaten erstaunten nicht nur das Ministerium sondern auch die Skeptiker. Im Schnitt erzielten sie nach dem theoretisch-praktischen Lehrgang in allen Fächern und Fertigkeiten eine Bewertung von 85 Prozent.


"Die Mitarbeit ist überraschend und die Anforderungen werden von Jahr zu Jahr strenger", erklärte Volker Grellmann, Leiter der Jagdschule Eagle Rock und langjähriger Berufsjäger, nach Abschluss von vier mehrsprachigen Lehrgängen diesen Jahres in einem Gespräch mit der AZ. Die Kandidaten dreier Lehrgänge wurden jeweils auf Afrikaans, Englisch und Deutsch gelehrt und schriftlich geprüft, derweil der Lehrgang zur Vorbereitung auf die mündliche Jagdführerprüfung ebenfalls und hauptsächlich auf Afrikaans abgehalten wurde.


Das Umweltministerium bestätigt dazu, dass während der letzten zwei Jahre 70 Kandidaten ihre mündliche Prüfungen erfolgreich abgelegt haben. Nicht alle Anwärter hätten den Weg über die nachfolgende praktische Prüfung konsequent bis zur vollen Qualifikation zum Jagdführer zu Ende geführt. Zur staatlichen Anerkennung als Jagdführer gehören noch der Abschluss einer Versicherung, der Besitz eines öffentlichen Führerscheins und die erfolgreiche Beteiligung an einem Erste-Hilfe-Kurs. Den Grund für unvollständige Abschlüsse vermutet das Ministerium in den weiteren erforderlichen Voraussetzungen, die vordergründig gesehen, sich leichter überwinden lassen als die Herausforderung des theoretischen Lehrgangs (der übrigens schon viele praktische Aspekte und Übungen einschließt). Dennoch registriert das Ministerium derzeit jährlich insgesamt 40 neu-qualifizierte Jagdführer.


Zur praktischen Prüfung gehören die Anwendung von Veldkenntnissen, das Einschießen und der Umgang mit der Jagdwaffe, Scheibenschießen und eine Pirsch zusammen mit einem Naturschutzbeamten bis zur Erlegung eines Stück Wildes mit anschließender Versorgung des Wildbrets und der Trophäe. Die Prüfungsbeamten achten darauf, dass die Waffe peinlich sicher geführt wird. Der angehende Jagdführer muss die Trophäen schätzen, einstufen und schließlich vermessen. Derweil sich unter den Anwärtern in den Lehrgängen für die schriftliche Prüfung neben Farmern und Hobbyjägern auch "totale" Anfänger einfinden können, handelt es sich bei den Teilnehmern der Kurse für die mündliche Prüfung bisher ohne Ausnahme schon um routinierte Jagdassistenten mit Jahre langer Praxis als Spurenleser und Abhäuter. "Der Dozent selbst lernt aus ihrem Fond langer Erfahrung", so Grellmann, "und stellt fest, dass die Textbücher über Tierverhalten in Südafrika oder Tansania nicht exakt auf Namibia zutreffen. Das Verhalten kann sich bei der gleichen Tierart hierzulande sehr wohl von der Beobachtung und Erfahrung in anderen Ländern unterscheiden." Folglich könnte eine Prüfung, die lediglich auf Textbuchwissen aufgebaut ist, den realen Verhältnissen in Namibia nicht gerecht werden. "Ein erstes Jagdlehrbuch für Namibia ist absolut notwendig geworden." Laut Grellmann sind das Educational Forum der Napha, der Privatsktor und das Umweltministerium hier gefordert.


Der qualifizierte Jagdführer kann sich nach zwei Jahren wieder beim Ministerium bemühen, um die nächste Berufsstufe zu erringen. Dazu hat er in der Zwischenzeit zwölf Jagdgäste tadellos zu führen. Ohne zusätzliche Prüfung avanciert er dann zum Meisterjagdführer. Für den weiteren Schritt zum Berufsjäger sind wieder zwei Jahre Jagdpraxis und zwölf zufriedene Jagdgäste zu verzeichnen, aber dann ist noch eine formale Prüfung erforderlich. Für die Berufsjäger ist noch ein Speziallehrgang für Großwildjagd (Elefant, Büffel, Nashorn, Löwe und Leopard) in Vorbereitung. Namibia hat seinen Namen als Jagdrevier nicht der Trophäenjagd auf die "Großen Fünf" zu verdanken - wie Simbabwe oder Tansania. Dafür steht die Hege der Antilopen vor allem in den kommerziellen Farm- und kommunalen wie privaten Hegegebieten vornan. Aber die "Großen Fünf" spielen bei geringen Zahlen dennoch eine symbolisch prägende Rolle. Das Umweltministerium hat für das Jahr 2001 folgende legal erlegte Großwildtrophäen notiert: Elefant - 39, Büffel - 15, Leopard - 67, Löwe - 2 und Nashorn - 1. Den "Löwenanteil" an den Trophäen und damit gleichzeitig zur lokalen Fleischversorgung nehmen das namibische Wappentier Oryx und der königliche Kudu ein, gefolgt vom Springbock, bei denen das Umweltministerium für das Jahr 2001 folgende Zahlen legaler Nutzung in dieser Branche notiert hat: 3465, 2631 beziehungsweise 2290.


Die namibische Trophäenjagd mit einer Biovielfalt von 36 Arten stellt an die Interessenträger - Farmer, Jagdsafariunternehmen und nicht zuletzt an die Jagdschule - ständige Herausforderungen. Der Gesetzesrahmen, die Hege, nachhaltige Nutzung, Forschung und Lehre verlangen kritischen Einsatz und Aufmerksamkeit.

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