16 März 2020 | Tourismus

„In die Knie gezwungen“

Tourismusbranche muss Ruhe bewahren - Jobverluste befürchtet

Schon am heutigen Morgen werden Interessenträger aus der Tourismusindustrie Verhandlungen mit der Regierung über befristete Steuererlässe führen sowie mit Banken über einen Zinserlass. Dabei geht es um den Tourismussektor, dessen gesamte Branche sich durch den Coronavirus COVID-19 mit einer beispielslosen Krise konfrontiert sieht.

Von Erwin Leuschner, Swakopmund

„Der Tourismus wurde jetzt endgültig in die Knie gezwungen“, sagte Annett Kötting, Vorsitzende des namibischen Gastgewerbeverbandes (HAN) an der Küste, gestern im Gespräch mit der AZ. Damit verwies sie auf die Ankündigung von Präsident Hage Geingob am Samstag zuvor, wonach angesichts der COVID-19-Pandemie vorerst sämtliche Flüge von und nach Qatar, Äthiopien und Deutschland verboten wurden. Inzwischen wurden nahezu alle Namibia-Reisen für das Jahr storniert.

„Das wichtigste ist, das wir positiv bleiben“, ergänzte HAN-Geschäftsführerin Gitta Paetzold. „Wir müssen die Ruhe bewahren und zusammenarbeiten und gerade jetzt Werbung für den lokalen und regionalen Tourismusmarkt machen“, fügte sie hinzu.

Einige kleine Reiseunternehmen in Namibia haben bereits am Wochenende die Türen geschlossen, andere haben drastische Gehaltskürzungen angekündigt. „Wir hatten in der vergangenen Woche nicht Mal eine Nachfrage für eine Namibia-Tour, stattdessen nur Stornierungen. Im Grunde wurden fast alle gebuchten Reisen für die bevorstehende Saison gestrichen“, sagte eine Reiseleiterin der AZ. Bei dem Unternehmen seien Entlassungen in absehbarer Zukunft vorprogrammiert.

Unter die Arme greifen

Laut Paetzold sind im namibischen Tourismussektor mehr als 110000 Personen direkt und indirekt angestellt. „Das entspricht etwa 15 Prozent der Berufstätigen. Um ein Desaster zu vermeiden, muss die Regierung dem Tourismussektor jetzt unter die Arme greifen. Es gibt keine Alternative“, sagte sie. Aus diesem Grund wolle sich der Tourismusausschuss (High Level Panel on Tourism) heute mit Vertretern verschiedener Ministerien treffen. „Wir haben auch schon Kontakt mit Banken aufgenommen und hoffen, dass Zinsen vorübergehend gelockert oder gestrichen werden. Der Tourismus steuert gewaltigen Geldflussproblemen entgegen“, sagte sie.

Paetzold beschrieb es als bedauerlich, dass weder die Tourismusbranche noch die Fluglinien vorher über diese Maßnahme informiert worden waren: „Zum Glück ist das Ausreisen nach Europa noch über Südafrika möglich - die Frage ist nur, wie lange noch.“ Indessen sind sich Paetzold und Kötting einig, dass die Branche keine voreiligen Entschlüsse nehmen sollte. Entlassungen sollten als letzter Ausweg gelten, nachdem Zwangsurlaube oder mögliche Gehaltskürzungen in Betracht gezogen worden seien. „Hoffentlich wird demnächst ein Gegenmittel entwickelt, damit wir zumindest noch einen Teil der bevorstehenden Saison retten können“, so Kötting. Namibias Hauptferiensaison fällt in den Zeitraum Mai bis November.

Währenddessen scheint es Gastbetriebe zu geben, die das Reiseverbot zumindest teilweise nicht benachteiligt. „Meine ‚alten‘ Gäste dürfen nicht raus und die ‚neuen‘ dürfen nicht rein. Bleibt also abzuwarten, wie sich das Reiseverbot auf uns als einzelne auswirkt“, verriet ein Gastronom aus Windhoek der AZ.

Kreuzfahrtreisen gestrichen

Inzwischen haben sämtliche, internationale Reedereien ihre Kreuzfahrtreisen hierher gestrichen. Am Donnerstag hatte das vorerst letzte Passagierschiff dieser Saison - die „AIDAmira“ - im Walvis Bayer Hafen angelegt. Die Ankunft des Schiffes führte zu panikartigen Reaktionen, da die Passagiere angeblich nicht auf CORONA-19 getestet worden waren. „An Bord gab es weder ein Verdachtsfall noch eine bestätigte Erkrankung“, sagte Kavin Harry, der amtierende Geschäftsführer der Hafenbehörde NamPort am Freitag. Die Passagiere aller Schiffe, die hierzulande eintreffen würden, seien zuvor getestet worden.

Das Ministerium für Umwelt und Tourismus hatte sich trotz wiederholter Nachfragen bis Redaktionsschluss nicht über die Auswirkungen des COVID-19 auf den Tourismus geäußert. Pressesprecher Romeo Muyunda stellte eine Erklärung am heutigen Tag in Aussicht.

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