25 Mai 2020 | Sport

Im Morgengrauen im Baur au Lac: Das System Blatter ist am Ende

Joseph Blatter verglich sich gerne mit einer Schweizer Bergziege, die jede Lawinengefahr rechtzeitig erkennt. Sein Instinkt nutzte dem FIFA-Chef letztlich nichts mehr. Nach der spektakulären Festnahme enger Vertrauter stürzte das System vor fünf Jahren in sich zusammen.

Zürich (dpa) - Die Ermittler kamen im Morgengrauen. Das weiße Luxus-Hotel in den engen Gassen von Zürich war umstellt. Manche Funktionäre wurden im Schlaf überrascht und kurze Zeit später aus dem Baur au Lac abgeführt. Bilder wie aus einem Agenten-Krimi. Zu den Festgenommenen der Aktion der Schweizer Sicherheitsbehörden im Auftrag der US-Justiz gehörten am 27. Mai 2015 die Vizepräsidenten des Fußball-Weltverbandes Jeffrey Webb von den Kaymaninseln und Eugenio Figueredo aus Uruguay. Zwei Hochkaräter im Fußball-Orbit von Joseph Blatter.
Der FIFA-Chef bereitete sich gerade auf seine Wiederwahl für eine fünfte Amtszeit zwei Tage später beim Kongress des Weltverbandes vor. Die Zeiten waren für die Funktionärskaste schon schlecht, aber nun war klar: Das System Blatter hatte nicht nur Risse, es wankte. Festnahmen hatte es im FIFA-Hotel auch schon während der WM 2014 in Brasilien gegeben. Damals waren die Delinquenten aber Mitarbeiter von Marketingpartnern. Jetzt hatte es dicke Fische aus Blatters Gewässern erwischt.
Parallel zu den Festnahmen wurde auch die FIFA-Zentrale von Schweizer Ermittlern durchsucht. Die seit Jahren im Zwielicht stehende WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022 wurde weiter untersucht. Der Vorwurf der Schweizer Bundesanwaltschaft: Geldwäscherei.
Wie sehr die Person Blatter, obwohl noch nicht selber als Beschuldigter notiert, schon unter Generalverdacht stand, wurde durch den plakativen Begriff „FIFA-Skandal“ der US-Justiz deutlich. Streng genommen hatten zumindest die Verfehlungen der insgesamt sieben festgenommenen Funktionäre aus Süd- und Mittelamerika mehr mit Gepflogenheiten in deren Heimat als mit den direkten Geschäften des von Blatter seit Jahren geführten Weltverbandes zu tun. Der langjährige FIFA-Vize und Blatter-Kumpane Jack Warner blieb in seiner Heimat Trinidad und Tobago nur per Millionen-Kaution auf freiem Fuß.
Die dunkle Seite der Fußball-Macht war vom damals 79 Jahre alten Blatter in den Konföderationen toleriert worden. Treue Vasallen bedeuteten sichere Wählerstimmen, wie sich nur 48 Stunden später letztmals beweisen sollte.
Die US-Justiz duldete keinen Klüngel und die Anschuldigungen wogen schwer. Korruption, Betrug, Bestechung in dreistelliger Millionenhöhe auch zum Schaden der Vereinigten Staaten. Zur Gegenspielerin der FIFA und somit zur Gegenspielerin Blatters wurde die damalige US-Justizministerin Loretta Lynch. „Sie haben das weltweite Fußballgeschäft korrumpiert, um sich selbst zu bereichern“, sagte sie kurz nach der Festnahme über die Beschuldigten. „Sie haben es immer und immer wieder gemacht. Jahr um Jahr, Turnier um Turnier.“
Die Funktionärswelt reagierte erschüttert und gleichzeitig hilflos. Die noch vom später ebenfalls gestürzten Michel Platini geführte UEFA konnte sich nicht zu einem Boykott der Blatter-Wahl durchringen. „Ich werde die FIFA zurückbringen, gemeinsam schaffen wir das“, rief Blatter nach seiner Wiederwahl. 133 von 206 Verbänden folgten ihm noch. Der damalige DFB-Chef Wolfgang Niersbach konstatierte: „Wie der Kongress gezeigt hat, war der Gegenwind nicht stark genug, um den Wechsel herbeizuführen.“
Monate später wurde bekannt, dass Niersbach während oder kurz nach den turbulenten Tagen in Zürich erstmals erfahren haben soll, dass auch die deutsche WM-Bewerbung 2006 im Skandal-Fokus stehen würde. Doch der erste Domino-Stein, der fiel, war Blatter selbst. Nach einem Wochenende mit wüsten Anschuldigungen gegen seine Kontrahenten von Platini bis zu den Regierungen der USA und von Jordanien machte der Schweizer am 2. Juni einen überraschenden Rückzieher.
„Ich habe ernsthaft über meine Präsidentschaft nachgedacht und über die vierzig Jahre, in denen mein Leben untrennbar mit der FIFA und diesem großartigen Sport verbunden gewesen ist“, sagte Blatter. Er habe „das Gefühl, dass ich nicht das Mandat der gesamten Fußball-Welt“ habe. „Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlichen Kongress niederzulegen.“
Schnell kursierten Berichte aus den USA, dass das FBI nun auch gegen Blatter ermittle, der Rückzug also nur Selbstschutz sei. Blatter selbst sagte, mit dem Instinkt einer Schweizer Bergziege für Lawinen habe er in den vielen Jahren jede Gefahr umgangen. Möglicherweise setzte er diesen Instinkt noch einmal ein.
Zur Ruhe kam die FIFA durch die Abtrittsankündigung nicht. Im Gegenteil. Die Funktionäre wurden noch vor der überraschenden Wahl von Gianni Infantino zum neuen FIFA-Boss im Februar 2016 durch Enthüllungen reihenweise zu Fall gebracht. Offenbar wussten zu viele von Schwachstellen der anderen Fußball-Mächtigen. Alte Seilschaften rissen schnell.
Blatter und Platini wurden wegen einer Zahlung von zwei Millionen Franken an den Franzosen, die heute noch die Gerichte beschäftigt, mehrere Jahre für alle Fußball-Geschäfte gesperrt. Auch FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke wurden ausreichend Verfehlungen angelastet. Und im Herbst rollte schließlich die Skandal-Welle auch über den Deutschen Fußball-Bund und sein Sommermärchen 2006 hinweg. (Foto: dpa)

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