17 Februar 2017 |

Ich bin nackt – Ich bin ich

Aus Liebe zur Schönheit des menschlichen Körpers wurde Julia Hango zur Aktfotografin

Weder Schüchternheit noch Ignoranz oder Ablehnung hindern die junge Swakopmunderin an ihrer Arbeit. Julia Hango setzt ihre Models mal schlicht, mal provokativ in Szene. Ihr Wunsch ist es, dass die Menschen sich daran erinnern, dass wir unter unserer Kleidung alle gleich sind.

Von Jessica Bürger, Windhoek

Jeder zeichnet unterschiedlich. Die einen mit schnellen, ausholenden Bewegungen, die anderen eher zögerlich. Kohle wechselt sich mit Bleistift ab, die Staffelei mit dem Skizzenblock. Immer wieder huscht der Blick zu den beiden Models in der Mitte des Stuhlkreises. Ein Mann und eine Frau liegen dort, sie hat den Kopf auf seinen Bauch gebettet, seine Hand liegt an ihrem Rücken. Eine ganz normale Pose für eine Zeichenstunde. Bis auf ein winziges Detail. Die beiden sind nackt.

Kunst mit dem nackten Körper

Die Pose ist eine von vielen, die die beiden Models Lorna und Paul Spass bei Julia Hangos Aktmalereistunde im Cellar of Rock des Warehouse Theaters vorführen. Die junge Mutter, die besser unter ihrem Künstlernamen JuliART bekannt ist, bietet den Kurs bereits zum zweiten Mal an. Mit der Sicherheitsnadel in der Augenbraue, den Springerstiefeln und den hüftlangen Kordeln, die sie in ihr Haar geflochten hat, wirkt sie selbst wie ein Kunstwerk. Ihre Models traf Julia Hango vergangene Woche bei einer Akt-Hochzeit in den Dünen der namibischen Wüste und lud sie spontan zu ihrem Projekt ein. Die Inspiration für den Kurs selbst bekam sie jedoch von den Universitäten in Namibia, wo das Zeichnen des menschlichen Körpers verboten wurde, nachdem angeblich eines der Models während des Seminars eine Erektion bekam. Dabei ist es in Hangos Augen wichtig, dass die Menschen „durch die Aktmalerei ein Bewusstsein und für ihren eigenen Körper und Selbstachtung entwickeln“.

Schüchternheit und Unsicherheit gegenüber diesem Thema sind ganz natürlich. In den meisten Familien ist es unüblich, sich vollständig nackt zu zeigen. Das hat nichts mit Verklemmtheit zu tun, die, psychologisch gesehen, gar nicht existiert, sondern vielmehr etwas mit Erziehung. „Ich bekomme oft Anrufe kurz vor der Malstunde, in denen sich die Besucher entschuldigen, weil sie noch nicht bereit für den Kurs sind“, erklärt Hango. Jeder sei am Anfang etwas schüchtern. Davon abgesehen, sind trotz Säkularisierung die Einstellungen gegenüber Nudismus sehr mittelalterlich-religiös geprägt. Damals durften Menschen nur für die Kirche nackt gezeichnet werden und auch nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ: Adam und Eva im Garten Eden zum Beispiel oder Jesu Geburt in Bethlehem. Ehemann und Ehefrau sahen sich manchmal das ganze Leben über nicht nackt – sie schliefen getrennt, Sex gab es nur im Nachtgewand und im Dunkeln. Nacktheit wurde mit Sünde und Unzucht verbunden.

Michelangelos David, der kein Detail des männlichen Körpers scheut und in fünf Metern Größe in Florenz vor dem Palazzo Vecchio steht, ist eine der wenigen Ausnahmen, die während des Übergangs vom Mittelalter zur Frührenaissance relativ stillschweigend hingenommen wurde. Die ersten Pläne fallen noch ins Jahr 1378, nach dem erfolgreichen Weberaufstand in Italien. Die Statue soll die Bürger (David) im Kampf gegen den Adel (Goliath) darstellen – die Freiheit und Unabhängigkeit Florenz‘ stand also definitiv über dem delikaten Thema Sexualität.

Aktmalerei hat jedoch nichts mit Erotik zu tun. Laut Duden bedeutet „Akt“ nichts anderes als die Darstellung „nackter, menschlicher Körper“. Nicht nur das, in der Antike waren es Kulturen wie die der Ägypter, Griechen, Inder und Sumer, die als erstes Skulpturen und Plastiken von nackten Menschen gestalteten. Der Akt als Kunst ist also ein Produkt vergangener Hochkulturen, das Dank Renaissance und Aufklärung den Weg bis in die Moderne gefunden hat. Heute kann man das sogar an der namibischen Verfassung festmachen. In Artikel 21 steht, dass jeder „das Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit“, sowie auf „Gedanken-, Gewissens- und Glaubensfreiheit“ hat, solang diese Rechte nicht die „Souveränität, die Unversehrtheit Namibias, die Staatssicherheit oder die öffentliche Ordnung“ missachten. Demnach fällt die Aktmalerei- und Fotografie unter den Kulturbegriff der Verfassung.

Jeder ist schön

Um ihren 18 Malern deren Schüchternheit zu nehmen, plant Hango zu Beginn der Malstunden eine Frequenz ein, in der die Models mehrmals die Pose wechseln. Die meisten beginnen mit den Konturen des Körpers und kommen in den zwei Minuten, die eine Pose dauert, nicht dazu, die Körper näher zu betrachten. Erst als das Ehepaar Spass 20 Minuten in ihrer Haltung einfriert, werden die Zeichnungen konkreter. Jeder zieht sich die Eindrücke heraus, die er für sein Gemälde braucht, in den wenigsten Fällen handelt es sich dabei um die Geschlechtsteile oder die Brüste. Viel eher werden die Hände, das Gesicht und die Beine gemalt.

„Mein Kurs ist an kein spezielles Schönheitsideal gebunden“, betont Hango immer wieder. Während in der Renaissance fülligere Menschen abgebildet wurden, die für Reichtum und Fruchtbarkeit standen, und heute Heidi Klum Frauen in Kleidergröße 34 und kleiner über den Laufsteg jagt, lautet Hangos Devise: Jeder ist schön. „Wir verstecken uns hinter unserer Kleidung. Dabei sind wir darunter alle gleich.“ Jeder könne ihr Model werden, egal wie alt, egal woher derjenige kommt, welcher Religion oder Partei er angehört, egal welche Sexualität er hat.

Um diese Ansicht zu verteidigen, schießt Hango auch provokative Bilder. Unter dem Motto „Binden und Schnüren“ hat sie nackte Frauenkörper mit Seilen zusammengeschnürt. Die Ausstellung „VagiNam“ setzt sich mit dem so genannten Vagina-Fetisch auseinander. Und „NatureOrgasm“ versucht Spiritualität und Sexualität miteinander zu verbinden. Ignoranz, Ablehnung und Ekel gegenüber ihrer Arbeit animieren sie nur zum Weitermachen.

Wie bei Kunst im Allgemeinen ist es wichtig, jede Fotografie Hangos an ihre Absicht zu knüpfen. Sobald ein Bild eine rein stimulierende Wirkung erzielen soll, gilt es nämlich als Pornografie, was gerade das Abbilden der Geschlechtsteile problematisch macht. Zwar gibt es kein Gesetz, was Pornografie verbietet, es gibt aber auch kein Gesetz, das sie legitimiert. Hier hängt viel von dem allgemeinen Konsens der Gesellschaft ab. Hango nennt ihre Kunst daher „positiv-provokativ“, sie soll aufrütteln, zum Nachdenken anregen und die Menschen daran erinnern, dass „wir alle gleich gemacht sind und auf diese Weise geboren wurden“.

Auch für eine Nudistin, die oft nackt am Strand spazieren geht und das Gefühl der Nacktheit genießt, keine normale Einstellung. Gerade von Seiten ihrer Eltern erfuhr Hango Zurückweisung, was ihren Nudismus angeht. Heute haben sie nicht mehr viel in ihrem Leben zu sagen, trotzdem wünscht sich die studierte Radioproduzentin manchmal ihre Eltern als ihre Musen ansehen zu können.

In den nächsten Wochen wird sie sich jedoch auf ihre Ausbildung zur Yoga-Lehrerin vorbereiten, die sie ausnahmsweise in angezogenem Zustand besuchen wird. Außerdem hat sie zwei eigene Ausstellungen in Windhoek und Kapstadt zu begleiten und wird auch weiterhin ihrer Arbeit als Aktfotografin nachgehen: „Ich freue mich darauf, noch mehr schöne, einzigartige Körper jeglicher Farbe, Größe und Aussehen fotografieren zu können.“

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