24 Mai 2013 | Kultur & Unterhaltung

Hier wummert Afrikas beat

Als das Archiv für die Musik Afrikas in Mainz entstand, da war die Republik Namibia gerade mal ein Jahr alt. Wolfgang Bender hatte es 1991 gegründet. Der deutsche Anglist und Ethnologe hatte eine Weile in Nigeria gelebt und war dort dem Highlife verfallen. Nach und nach haben sich immer mehr Platten und Kassetten angesammelt, die aus allen möglichen Ländern von Marokko bis Südafrika stammen. „Er war ein großer Sammler, aber leider kein großer Systematiker“, berichtet Dorsch und man meint, einen ganz leisen Seufzer zu hören. Mit seinem wilden Sammelsurium war Bender erst an der Uni in Bayreuth und ist später damit nach Mainz gewechselt, wo extra eine Stelle für ihn geschaffen wurde. 2010 hat dann Dorsch das Archiv „geerbt“ und ist derzeit vor allem mit der Katalogisierung beschäftigt. Die Sammlung dreht sich um populäre Musik, die für ein eher urbanes Publikum aufgenommen wurde. Traditionelle Gesänge afrikanischer Ethnien wird man nicht finden. Die ältesten Aufnahmen sind ghanaische und tansanische Schellackplatten aus den 40er Jahren, besonders viel Musik gibt es von den 60ern bis zu den 80ern. Die Sammlung zeigt vor allem eines: Die Musik des Kontinents ist ungeheuer vielfältig und bietet viel mehr als das wilde Getrommel, das viele Europäer klischeehaft mit Afrika verbinden. Angola war zeitweise ein echter Hotspot und hat mit dem Kuduru einen energiegeladenen, schnellen Musikstil entwickelt. DJs in Portugal und London haben den Trend aufgegriffen und in Europa bekannt gemacht. Und seit etwa zehn Jahren gibt es wieder ein großes Interesse an kubanisch beeinflusster Musik. Das hat Tradition, denn die kongolesische Variante der Rumba ist Dorsch zufolge die prägendste Tanzmusik des ganzen Kontinents gewesen. In Ost- und Nordafrika sind dagegen Einflüsse aus Indien und arabischen Ländern prominent. Die Erklärung für diese Vermischungen liegt auf der Hand: Kolonialbeamte haben einst ihre Lieblingsmusik auf Schellack zu ihren jeweiligen Dienstorten mitgenommen und nach und nach haben sich Rhythmen und Melodien aus vielen Ecken der Welt in die Ohren der Afrikaner geschlichen. Dorsch hat zwar eine Weile in Gambia gelebt und viele weitere Länder bereist – er betont aber dennoch, dass er mit europäischem Blick das Musikgeschehen der Länder beobachtet. Er hat ein ganz persönliches Faible für den Westen: „Westafrika bietet rhythmisch sehr komplexe Musik, zu der sich gut tanzen lässt“, erklärt er und nennt den Desert Blues und Ali Farka Touré. Dort, wie im Senegal, in Südafrika und Mosambik, hat er selber geforscht und kann auf viele Kontaktpersonen zugreifen. Sie halten ihn in Sachen zeitgenössische Musik auf dem Laufenden, genauso wie Doktoranden, die immer mal wieder Neues vom schwarzen Kontinent nach Mainz bringen. Der regionale Schwerpunkt der Sammlung liegt auf West- und Zentralafrika, der Senegal ist beispielsweise stark vertreten, aber auch Südafrika. „Namibia ist leider drastisch unterrepräsentiert. Wir haben im Grunde nur eine Handvoll Stücke, etwa von Obenda And The Sunshine Kids oder dem Cantare Audire Choir“, berichtet Dorsch, der seinen Forschungsschwerpunkt auf Westafrika und Afrikanern in der Diaspora hat. „Und ich habe hier eine Platte von der SWAPO: One Namibia, One Nation. Die wurde übrigens in Amsterdam verlegt.“ Namibia wird demnächst in der Arbeit Dorschs trotzdem eine herausragende Rolle spielen. Die Kulturstiftung des Bundes hat ihm ein Forschungsprojekt bewilligt, das auf dem Projekt „Stolen Moments“ aufbaut. Dieses war eine Art nationale Schatzsuche. Der Filmemacher Thorsten Schütte, die Kommunikationswissenschaftlerin Aino Moongo sowie der Radiomitarbeiter Baby Doeseb wollten die Musikkultur des Landes, die zu Zeiten der Apartheid unterdrückt wurde, vor dem Vergessen retten. Also haben sie unter Mithilfe der Bevölkerung und auch der Allgemeinen Zeitung Tonträger, Zeitungsartikel, Magazine, Filme, Fotos und mündliche Berichte von den 50ern bis zu den 80ern gesammelt. Wer waren die Königinnen der Clubs, wo haben Mama und Papa das Tanzbein geschwungen, wer waren die Meister des Kwela, Jazz und Jive? Es ist eine Menge Material zusammengekommen, das sich nun im Nationalarchiv in Windhoek befindet. Dieses Material bildet die Grundlage für die Fortführung von „Stolen Moments“, die aus einer Ausstellung und einer Konzertreihe bestehen wird. Ein ganz konkretes Konzept gibt es derzeit noch nicht, da das Projekt gerade erst an den Start geht. Geplant ist, die Musik aus der Zeit vor der Unabhängigkeit wieder lebendig werden zu lassen. Es soll eine Band mit namibischen Musikern zusammengestellt werden. Die Proben sind in Namibia geplant, eine Konzerttournee soll dann aber auch durch Deutschland führen. Wie man sich den alten Musikstücken annähert, ob man sie eher mit einem Retroblick neu auflegt oder originalgetreu spielt, das ist noch offen. Nur eines ist klar: In Vergessenheit sollen sie nie wieder geraten.-           5200 Vinylplatten, -           1900 Singles, -           1500 Kassetten, -           1000 CDs, -           800 Schellackplatten, -           100 Acetatplatten (das sind dünne Schallplatten aus Aluminium, beschichtet mit Acetat, in die Musik mitgeschnitten wird), -           diverse VHS-Kassetten, DVDs und Video-CDs (eine afrikanische Spezialität: CDs, auf die Videoclips von Musikern gebrannt wurden) sowie -           zahlreiche Zeitungsartikel nennt das Mainzer Archiv sein eigen. Es ist offen für alle, wird aber speziell von Studenten und für die Lehre genutzt. Wenn die Katalogisierung gut vorankommt, möchte sich Dorsch gern an die Digitalisierung machen, allerdings sieht er hier noch Probleme in Sachen Urheberrecht und Zeitaufwand. Ob und wann Inhalte des Archivs weltweit übers Netz abrufbar sind, ist also ungewiss. Wer sich für afrikanische Musik interessiert, der sollte sich folgende Seiten mal angucken: -     www.ama.ifeas.uni-mainz.de (die Homepage des Mainzer Musikarchivs bietet Texte rund um das Thema afrikanische Musik, Konzertkritiken sowie Presseartikel über das Archiv) -     https://www.facebook.com/pages/Stolen-Moments-Namibia/193689374012214?fref=ts (hier kann man mit den Machern des Projekts „Stolen Moments“ in Kontakt treten, außerdem gibt es Hörbeispiele und viele Fotos) -     www.analogafrica.blogspot.com (der Deutschtunesier Samy Ben Redjeb aus Frankfurt versucht mit seinem Label Analog Africa musikalische Schätze zu retten) -     www.insight-worldmusic.com (das noch recht neue Magazin des Frankfurter Journalisten Andreas Nöthen versammelt Musikkritiken, Konzerttipps, Lexika zu Biografien und Musikstilen sowie Infos rund ums Thema) -     www.kisomba.de (der deutsch-afrikanische Verein aus Lüneburg bietet unter anderem auch zu Musikern viele Infos samt Hörbeispielen) -     www.realworldrecords.com (das vom Musiker Peter Gabriel gegründete Label verlegt Musik, in der westliche und nicht-westliche Elemente verschmelzen) -     www.welt-musik.net (eine Sammlung von CD-Kritiken des Regensburgers Norbert Jäger) -     www.worldcircuit.com.uk (das von Anne Hunt und Mary Farquarshon in London gegründete Label gibt es schon seit den 80ern und bringt vor allem Musik aus Kuba und Westafrika heraus) -     Es gibt einige namibische Labels wie Welwitschia Music Production, Gazza Music Productions oder Omalaiti Music. Infos über sie per Internet zu bekommen, ist jedoch schwierig.

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