11 September 2019 | Gesellschaft

Heide Baufeldt ist 100 Jahre alt

In einer niedrigen, bäuerlichen Kate in Diensthoop, einem winzigen norddeutschen Bauerndorf, kam Heidrun Kulenkampff am 12. September 1919 als drittes Kind der Eltern Hedwig und Alfred Kulenkampff zur Welt. Das kleine Körbchen, in dem im Laufe der Jahre auch alle ihre sieben weiteren Geschwister als Säuglinge lagen, wurde mit blühendem Heidekraut geschmückt. Seitdem hieß das kleine Mädchen nur noch Heide.
Bald übersiedelte die Familie wieder nach Bremen, wo es viele Kulenkampff-Verwandte gab. Es kamen weitere Geschwister zur Welt, die wirtschaftliche Lage wurde immer schwieriger in den frühen Zwanziger Jahren. So wanderte die Familie 1926 nach Südwestafrika aus. Das war bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie gewesen und viele Deutsche hatten sich dort angesiedelt. Auch Vater Kulenkampff, von Beruf Außenhandelskaufmann, wurde Farmer. Diese Farm grenzte direkt an das Gebiet der Seydlitz-Familie, väterlicher- und mütterlicherseits verwandt. Mit diesen lieben Nachbarn gab es viel Austausch: mit Eselkarre oder zu Pferde, seltener zu Fuß, eher als vergnügte Eselreiter/innen wurde die Farmgrenze überquert, die als „feindliche Grenze“ in die Familiengeschichte einging.
Das erste Grundschuljahr hat Heide in Bremen erlebt. Auf Farm Okongue bekamen sie und die drei jüngeren Geschwister Farmschulunterricht bei verschiedenen jungen Lehrerinnen. Die kamen aus Deutschland, aber bei dem Mangel an heiratsfähigen Frauen blieben sie nicht lange, hinterließen aber doch ihre Spuren, z.B. viele Lieder des „Wandervogel“. Das Singen gehört zu Heides Leben bis heute: in ihrem kleinen Bücherregal stehen sieben handgeschriebene Liederbücher. Die meisten Texte kann sie heute noch auswendig. Ihr Abitur legte sie in Windhoek ab.
Bald nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten deutschstämmigen Männer in Südafrika interniert. Die drei erwachsenen Kulenkampff-Töchter übernahmen die Farmerei: auf Okongue, bei den Seydlitz-Nachbarn und im Otavi-Bezirk bei Familie Freyer, ebenfalls Seydlitz-Verwandte!
Ein tiefer Einschnitt war das Jahr 1944. Dem Antrag von Vater Kulenkampff auf „Repatriierung“ einer Art Gefangenenaustausch zwischen British Commonwealth und Nazideutschland, wurde stattgegeben. Auf der neutralen schwedischen „Drottningholm“ reisten viele Deutsche, so auch Vater Kulenkampff mit fünf seiner Kinder nach Europa. Die beiden ältesten Söhne lebten bereits in Deutschland.
Nun übernahm Heide ganz den Farmerbetrieb auf der Kulenkampff-Farm. Ihre liebsten Mitarbeiter waren nach wie vor die Esel, aber auch mit den Herero und Ovambo war die Zusammenarbeit der jungen Vertreterin von „Omuhonna“ vertrauensvoll und gut. Sie hielten ihr über alle Jahre die Treue. Zäune reparieren, Pads flicken, Schafe dosieren, Rinder sortieren, Kälber kastrieren, Ochsen brennen, der Melkbetrieb, Schafe zählen, Verhandlungen mit Fellchen-Aufkäufern - das war der normale Alltag. Aber Dürren zwangen auch zum Trecken. Hoch zu Pferde begleitete sie 500 Stück Großvieh in den Norden und brachte sie später heil wieder in den Omaruru-Bezirk zurück. Mit der Mutter, die Haus, Garten, Hühner, die jüngeren Geschwister und die Familien-Kontakte pflegte, war die Zusammenarbeit äußerst harmonisch.
„Ich konnte mir damals nichts Schöneres vorstellen, als auf Okongue zu farmen, obwohl Mutter manchmal zu mir sagte: ‚Regiere dich man nicht zu Tode!‘ wenn ich erschöpft auf den einzigen Küchenstuhl sank und Dickmilch trank“.
Auch in die Buchführung an Vaters riesigen alten Schreibtisch musste Heide sich einarbeiten. Und die beiden Frauen schafften das schier Unglaubliche: sie konnten die alten Landbank-Kredit-Schulden, die seit dem Kauf der Farmen bestanden, sogar auch noch zurückzahlen. Es war eine harte, aber bei aller Verantwortung auch höchst befriedigende Zeit für Heide.
In den fünfziger Jahren – sie war als Schneiderin in Windhoek tätig – erfolgte die Heirat mit dem Werkzeugmacher und Feinmechaniker Heinz Baufeldt. Vier Kinder wurden geboren und Heide, die auch die kaufmännische Seite des Handwerkbetriebs, der nur das Nötigste zum Leben abwarf, abdecken musste, bot all ihre Kräfte auf, um möglichst auch noch mit ihrem Kunsthandwerk dazu zu verdienen. Ihre Perlhuhnfeder-Karten erlangten Berühmtheit!
Die erwachsenen Kinder haben schließlich die alten Eltern aus Otjiwarongo nach Windhoek ins Oude Rust geholt. Dafür ist Heide ihnen bis heute dankbar. Als ein Neffe sie kürzlich noch am Abend besuchte, saß sie lesend am Schreibtisch. „Liebe Tante Heide, wie geht es dir?“ - „Mir geht es sehr gut! Das darfst du gar nicht weitersagen, wie gut es mir geht! Sonst wollen alle Leute hierherziehen!“
Ja, ihre Dankbarkeit gilt vielen Menschen, aber in erster Linie Gott, ihrem Schöpfer und ihrer Zuflucht!
Elke Johanna Kulenkampff, Hannover

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