12 Juli 2019 | Kultur & Unterhaltung

Hauptrolle wider Willen

Max Siedentopf spielt Sigrid in ihrem neuen Musikvideo

Der deutsch-namibische Künstler soll bei Sigrids neuem Musikvideo Regie führen. Dann hat ihr Flug Verspätung und sie schafft es nicht rechtzeitig zum Dreh nach Bulgarien. Kurzerhand übernimmt er selbst den Part der norwegischen Sängerin.

Ein blonder Mann lächelt verträumt in die Kamera. Er singt und tanzt über eine Wiese und einen Hügel hinunter. In einer anderen Szene trägt er einen knallroten Pelzmantel - enthusiastisch reißt er die Arme nach oben und dreht sich im Kreis. Dann spielt er auf einen weißen Flügel, der auf der Wasseroberfläche eines Sees schwimmt. Der junge Mann ist Max Siedentopf. Ganz unerwartet wurde er zum Star im neuen Musik-Video der norwegischen Sängerin Sigrid. Und das nicht etwa in einer Nebenrolle. Der in Namibia aufgewachsene Künstler spielt die Hauptrolle - er spielt Sigrid.

„Es ist lustig, normalerweise habe ich die Ideen, aber ich muss sie nicht selbst umsetzen“, sagt der 28-Jährige. Dieses Mal war alles anders. Der Dreh sollte in den Bergen Bulgariens stattfinden. Rund 40 Leute reisten bereits Tage zuvor an, um das Set aufzubauen. In der Nacht bevor es losgehen sollte, kam es dann zur Katastrophe: „Wir hatten gemerkt, dass Sigrid es wegen einiger verspäteter und stornierter Flüge nicht zum Drehort schaffen wird.“ Was nun? „Wir hätten es gut sein lassen und nach Hause gehen können - stattdessen habe ich Sigrid gespielt, in ihrem ganzen Video“, sagt Siedentopf, den es eigentlich mit großer Angst erfüllt, in der Öffentlichkeit zu singen. „Ich singe nicht einmal Karaoke.“ Mit musikalischen Inszenierungen hat der Künstler aber schon Erfahrung. Anfang des Jahres hat er die Musik in die Wüste gebracht und angeblich nie wieder ausgeschaltet.

Eigentlich ist es still in der Namib-Wüste, aber es gibt einen Ort, da läuft Totos Super-Hit „Africa“ in Dauerschleife, und bis in alle Ewigkeit: TOTO FOREVER. Auch daran ist der deutsch-namibische Künstler Schuld. Aus Sechs Lautsprechern auf weißen Sockeln, kreisförmig angeordnet, schallt es in alle Richtungen. In der Mitte steht ein MP3-Player mit nur einem Song: Totos „Africa“. Angetrieben wird das Ganze von Solar-Batterien, wie Max Siedentopf auf seiner Website schreibt. Mit seinem Werk will er einem der wohl populärsten Songs der letzten vier Jahrzehnte seinen Tribut zollen.

Mit dieser Installation machte der Künstler internationale Schlagzeilen: „Endloses ‚Africa‘“ heißt es auf der Homepage des „Rolling Stones“-Magazins; „Es wartet dort auf dich: Totos ‚Africa‘ spielt in der Wüste im Wiederholungsmodus“, schreibt NPR Music; und auf der Internetseite des „Guardian“ gibt es sogar ein Video, das einen Eindruck von der futuristisch anmutenden Anlage erlaubt. Der Kontrast zwischen der modernen Technik, den glatten weiß-lackierten Oberflächen und dem rauen Wüstensand wirkt surreal. Die Natur, die sie umgibt, wird Teil der Kunst - an keinem anderen Ort wäre diese Installation so beeindruckend, wie in der ältesten Wüste der Welt. TOTO FOREVER passt in kein Museum und in keinen Ausstellungsraum.

Wie sieht die Installation bei Sonnenuntergang aus? Wie ist die Klangqualität in der Wüste? Und woher wissen wir, dass die Fotos nicht ausschließlich auf dem Computer entstanden sind? Kunst-Fans müssen sich mit den Bildern und Videos begnügen, die Max Siedentopf ihnen zeigt. Ob die weißen Quader in echt genauso aussehen wie auf den Fotos, ob es das Werk noch gibt oder ob Totos Hit nach Monaten immer noch spielt - das weiß nur der Künstler selbst. Und vielleicht weiß es nicht einmal er. Bei Max Siedentopfs Projekt geht es nicht um die Musik und auch nicht um schöne Bilder - seine Kunst ist die Idee und der Mythos, der sie umgibt.

Zwar findet sich auf der Website auch eine Karte, auf der die Installation eingezeichnet ist. Doch allen Toto-Fans, die sich auf die Suche nach diesem besonderen Klangerlebnis machen möchten, sei gesagt: Es könnte eine lange Suche werden! Denn die Karte ist mehr als nur vage. Und für alle, die den Song heute, 37 Jahre nach seinem Erscheinen schon nicht mehr hören können, gibt es noch mehr Grund zur Hoffnung: „Für die meisten Bestandteile der Installation wurden möglichst langlebige Bauteile ausgewählt, aber ich bin sicher, dass die raue Umgebung der Wüste die Installation irgendwann verschlingen wird“, erklärte Siedentopf dem britischen Sender BBC.

Doch selbst wenn Max Siedentopf nicht spontan die Hauptrolle eines Musikvideos übernimmt oder menschenleeren Weiten mit Top-Hits aus den Achtzigern musikalisch untermalt, findet der Künstler stets ein neues Projekt, mit dem er seine Zeit vertreiben kann. Da werden dann auch mal herkömmliche Pkws am Straßenrand mit Pappkartons aufgemotzt oder Trophäen überfahrener Tiere zur Kühlerfigur. Mehr dazu finden Sie hier: www.maxsiedentopf.com .

Gleiche Nachricht

 

Lebenswege bis auf eine namibische Farm

vor 1 tag - 18 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Graphisch wirksame, einfache Schwarz-Weiß-Figuren aus dem großen Schatz namibischer Felsmalereien auf dem Buchumschlag des Romans „Afrika - Sonne Mond Sterne“ von Barbara Seelk mögen Exotik...

Indonesische Filmwoche in Windhoek

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Von Eva-Marie BornAlle Interessierten waren eingeladen, sich im Franco-Namibian Cultural Center (FNCC) jeden Tag einen anderen indonesischen Spielfilm anzusehen und die fernöstliche Kultur besser...

Verkanntes Talent

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Die Fine Art Gallery in Swakopmund, Namibias einzige private Galerie, bietet jeden Monat einem anderen Künstler die Plattform. Es soll vor allem auf diejenigen aufmerksam...

„Namibisch – authentisch –Ees“

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Nachdem es 2018 ein wenig ruhiger um Kwaito-Sänger und Multitalent Ees wurde, gewann er Ende Oktober letzten Jahres zusammen mit seiner Yes-Ja! Band das Finale...

Mehr als Mode

vor 2 wochen - 04 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Für manche endet Mode beim morgendlichen Griff in den Kleiderschrank. Andere sehen darin eine Möglichkeit ihrer Persönlichkeit, Kreativität sowie vor allem auch ihrer Kultur und...

Afrikanisches Kulturerbe im Fokus

vor 2 wochen - 04 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Die Museumsgespräche 2019 brachten vom 18-20 September Akademiker, Fachleute und Experten aus der Kunst- und Museumsszene in Windhoek zusammen. Ziel der Veranstaltung war es, sich...

Briefe 1893 - 1904

vor 3 wochen - 27 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 16. Januar 1902 Hamakari, den 2. Dezember 1901 Es hat jetzt schon mit dem Regen hier begonnen. Dies Jahr können wir das...

Briefe 1893 - 1904

vor 4 wochen - 20 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 16. Januar 1902 Hamakari, den 2. Dezember 1901 Lieber Vater! Gestern bin ich von Karibib gekommen. Ich habe die Sachen alle in...

Karneval-Schatz im Turm

vor 1 monat - 13 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Fremde verirren sich wohl nur selten in das Windhoeker Karneval-Museum. Versteckt im Turm der alten Brauerei in der Gartenstraße liegen die gesammelten Schätze aus 67...

Briefe 1893 - 1904

vor 1 monat - 13 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 6. Dezember 1901 Hamakari, den 6. Oktober 1901 Lieber Vater! Ich fahre diese Tage nach Karibib hinunter, um Fracht fürs Handelsfeld...