26 April 2012 | Wirtschaft

Hat Namibia seine Chancen genutzt? Eine Bilanz (Teil 5/5)

Wie würde es in Deutschland aussehen, wenn 40 Mill. Menschen unterhalb der Armutsgrenze lebten, es 17 bis 20 Mill. Arbeitslose gäbe und jährlich 260000 Aids-Tote? Rechnet man die Daten für Namibia (s. Tabelle 1) auf die Bevölkerungszahl von Deutschland hoch, dann ergibt sich dieses Schreckensszenario. In Deutschland (und wohl jeder anderen Demokratie) würde dies zu heftigsten Protesten, wenn nicht gar Aufständen führen, wie sie (ansatzweise) Griechenland zurzeit erlebt. Kaum zu glauben und rational kaum nachvollziehbar, dass es in Namibia nicht nur kaum Proteste gibt, sondern die Regierung in freien Wahlen alle fünf Jahre mit einer Dreiviertelmehrheit im Amt bestätigt wird!

Extreme Sozialindikatoren
Tabelle 1 zeigt eine Auswahl sozialer Kenndaten für Namibia, seine Nachbarländer und - als Vergleichsmaßstab - für Deutschland. Die erschreckenden Zahlen sprechen für sich! Namibia steht mit einer Lebenserwartung von 52,2 Jahren an 210. (!) Stelle von 221 im World Factbook erfassten Staaten. Namibia hat noch immer den höchsten Gini-Index und damit auch 22 Jahre nach der Unabhängigkeit die ungerechteste Einkommensverteilung weltweit. Die Arbeitslosenquote ist, unabhängig davon, ob sie tatsächlich bei über 50% oder (wie manche Experten schätzen) bei "nur" 40% liegt, eine Katastrophe. Die Säuglingssterblichkeit liegt viermal höher als im Nachbarland Botswana. Mit ca. 500 Selbstmorden pro Jahr ist die Selbstmordrate doppelt so hoch wie in Deutschland. Fast 56% der Bevölkerung Namibias lebt unterhalb der Armutsgrenze von US$ 2 (ca. N$ 16) pro Tag. (Anmerkung: Die Angabe für Deutschland bezieht sich auf eine andere Definition von "Armut" und ist nicht direkt vergleichbar!)
Das Problem ist aber nicht nur, dass die Sozialindikatoren so schlecht sind. Das wirklich Deprimierende ist, dass sich die meisten Kenndaten kaum verbessert haben. Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des Human-Development-Index (HDI) für Namibia, Angola, Simbabwe und zum internationalen Vergleich auch für Deutschland, den Weltdurchschnitt und den Durchschnitt aller Länder südlich der Sahara. Der HDI ist ein aggregierter Index, der Indikatoren für die Lebenserwartung, den Bildungsstand und den Lebensstandard eines Landes zusammenfasst. Die Abbildung zeigt, dass der HDI in Deutschland, aber auch weltweit und im Durchschnitt aller afrikanischen Länder südlich der Sahara seit 1990 konstant steigt. Namibias HDI ist hingegen zeitweilig sogar gesunken, erst 2005 wurde der Wert von 1995 wieder erreicht. Diese ,Delle' reflektiert die Auswirkungen von HIV/Aids, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zu einer drastischen Verringerung der Lebenserwartung führten, die dann ihrerseits den HDI-Wert verschlechterte.

Hohes Einkommen für Wenige
Insgesamt hat sich der HDI-Wert für Namibia signifikant schlechter entwickelt als die Vergleichswerte. Während der HDI zwischen 1990 und 2011 im Weltmittel um knapp 15% stieg und im Durchschnitt der Länder südlich der Sahara sogar um fast 21%, nahm er in Namibia nur um knapp 11% zu. Namibias HDI-Wert für 2011 (0.625) liegt zwar (noch) etwas höher als der Südafrikas (0.619) und deutlich höher als die Werte für Sambia (0.43), Angola (0.486) und Simbabwe (0.376), aber mit Ausnahme von Südafrika und Botswana wächst der HDI der Nachbarländer deutlich schneller als der Namibias. Der (relativ) hohe absolute HDI-Wert Namibias wird zudem vor allem durch das vergleichsweise hohe Pro-Kopf-Einkommen verursacht, an dem aber ein Großteil der namibischen Bevölkerung auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit keinen Anteil hat.
Diese deprimierenden Kennwerte decken sich mit subjektiven Eindrücken und Presseberichten. Da wird von Kindern berichtet, die auf der Kupferbergdeponie weggeworfene Lebensmittel aus dem Abfall klauben, von ,Baby-Dumping' und Kindstötungen und von Schulmädchen, die von ihren Lehrern schwanger werden. Die Zahl der Vergewaltigungen hat sich zwischen 1991 und 2005 mehr als verdoppelt (von 564 im Jahre 1991 auf 1184 im Jahr 2005) und die Dunkelziffer liegt bekanntlich noch weit höher (Wezi Tjaronda (2006): Namibia: Rape overtakes all other crimes. New Era, 24.10.2006).

Was läuft falsch?
Was läuft falsch im ,Land of the Brave'? Wie kann es sein, dass ein Land, das sich seit der Unabhängigkeit wirtschaftlich so gut entwickelt hat, im sozialen Bereich eine derart deprimierende Bilanz aufweist? Es ist es durchaus nicht so, dass nichts getan würde oder nicht die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Die Bereiche Bildung und Gesundheit etwa erhalten seit Jahren die mit Abstand meisten Mittel. 2011 belief sich der Etat des Bildungsministeriums mit 8,3 Milliarden N$ auf über 23% der Staatsausgaben, für 2012/2013 sind sogar 9,4 Milliarden N$ vorgesehen. Namibias Bildungsausgaben liegen damit - in Relation zum BIP - um 42% höher als Deutschlands Investitionen in den Bildungssektor! Seit kurzem gibt es nun auch TIPEEG (Targeted Intervention Program for Employment and Economic Growth), ein Beschäftigungs- und Infrastrukturprogramm mit dem die Arbeitslosigkeit verringert werden soll.

Es wird also durchaus etwas getan, aber die Ergebnisse der bisherigen Bemühungen und Investitionen sind enttäuschend. Mit hohem finanziellem Aufwand ist bisher z.B. bei der schulischen Bildung, aber auch im Gesundheitswesen einfach viel zu wenig erreicht worden! In dieser insgesamt ziemlich deprimierenden Bilanz gibt es nur wenige Lichtblicke, etwa die Entwicklung des Polytechnic of Namibia. Was am Polytechnikum für die tertiäre Bildung in Namibia in nur 17 Jahren praktisch aus dem Nichts aufgebaut wurde, ist sowohl quantitativ wie qualitativ auch nach internationalen Maßstäben überaus beeindruckend.
Festung mit Elektrozaun
Der Teufelskreis, den Namibia durchbrechen muss, beginnt bei der Bildung: Keine vernünftige Schulbildung, keine Ausbildung => keine Ausbildung, kein Job => kein Job, kein Einkommen => kein Einkommen, keine Perspektive. Und genau dieses "keine Perspektive haben", vor dem viele junge Namibier sich sehen, wird zu einer wachsenden Gefahr für die gesamte namibische Gesellschaft, denn Perspektivlosigkeit führt zu Frustration, Gewalt und Kriminalität. Die Wohnhäuser und Townhouse-Komplexe, besonders in den teuren Wohnvierteln Windhoeks, gleichen nicht umsonst kleinen Festungen: Mauern, Stacheldraht, Elektrozäune, Alarmanlagen, Guards, Wachhunde, G4S. Für Einheimische mag dies inzwischen zum Alltag gehören, aber "normal" ist dies nicht!
Alles in allem ist die ,soziale Entwicklung' in Namibia also bislang ausgesprochen enttäuschend verlaufen.

Abschließendes Gesamtfazit
Hat Namibia seine Chancen genutzt? Selbst Premierminister Nahas Angula hat offenbar seine Zweifel! Bei einer Rede an der University of Namibia 2010 hinterfragte Angula selbstkritisch, ob es angesichts der gravierenden Defizite in vielen Bereichen genug Entwicklung gegeben habe und kam zu dem Schluss, dass es ganz auf den Standpunkt ankäme, ob das ,Glas halbleer oder halbvoll' sei (zit. in Melber (2010): 20 Jahre Republik Namibia - Eine Zwischenbilanz. In Afrika Süd (2) 2010, S. 29). Damit spricht er einen entscheidenden Punkt an. Eine Beurteilung der Entwicklung Namibias seit 1990 hängt nämlich zum Einen von den eigenen Erwartungen ab und zum Anderen von der Messlatte, die man anlegt. Je nachdem, ob man vor zwanzig Jahren eher Optimist oder Pessimist war und ob man Namibias Entwicklung isoliert betrachtet (aus der nationalen ,Froschperspektive') oder im internationalen Vergleich, wird man zu einem unterschiedlichen Urteil kommen. Das Gesamturteil ist also letztlich immer subjektiv! Daher kann und soll nachfolgend auch an dieser Stelle nur eine persönliche Einschätzung gegeben werden, ob Namibia seine Chancen nun genutzt hat oder nicht.
Namibia ist in den 22 Jahren seiner Unabhängigkeit nicht zum ,Musterschüler Afrikas' geworden, wie manch einer 1990 gehofft haben mag. Aber Namibia hat - bei aller Kritik im Einzelnen - in zwei von drei Bereichen recht Beachtliches erreicht. Die Wirtschaft hat sich besser entwickelt als selbst die Optimisten es wohl erhofft hatten und die politische Entwicklung ist weit weniger dramatisch verlaufen, als es die Pessimisten befürchteten. Namibia ist heute - ungeachtet vieler Defizite - ein politisch stabiles, demokratisches und ausgesprochen freies Land, das zudem wirtschaftlich solide aufgestellt ist. Das ist nicht genug, aber mehr, als die allermeisten Länder Afrikas aufzuweisen haben!

Champion mit tiefer Spaltung
Die gute Performance in diesen zwei Bereichen hat ausgereicht, um Namibia auf Anhieb in die 'Good Governance' Spitzengruppe der afrikanischen Staaten zu katapultieren (s. Teil 3), trotz gravierender Defizite im sozialen Bereich. Ist Namibia damit nun ein 'afrikanischer Champion' oder doch nur 'einäugiger König unter den Blinden'? Wie gesagt, es kommt ganz auf die Perspektive an! Im internationalen Vergleich steht Namibia insgesamt definitiv sehr gut da. Gemessen an den eigenen Ansprüchen jedoch und vor allem gemessen an dem, was das Land mit all seinem Potenzial hätte erreichen können, fällt das Urteil weniger positiv aus.

Es wurde zwar Vieles erreicht, auf das das Land stolz sein kann und sollte, aber Namibia ist auch 22 Jahre nach der Unabhängigkeit noch immer ein Land mit einer tief gespaltenen Gesellschaft. Im Unterschied zu früher verläuft die Trennlinie zwischen denen auf der Sonnen- und denen auf der Schattenseite jetzt nicht mehr ganz so klar wie vormals entlang der Hautfarbe. Zwar haben die Armen in Namibia noch immer fast ausnahmslos eine dunkle Haut, aber nicht mehr alle Reiche eine weiße. Aber ist das genug sozialer und gesellschaftlicher Fortschritt nach 22 Jahren? Mehr als die Hälfte der Bevölkerung steht nach wie vor am Rande der Gesellschaft, bitterarm, ohne Arbeit und ohne Perspektive. Trotz durchaus erkennbarer Anstrengungen hat es Namibia - was immer die Gründe sein mögen - bisher nicht geschafft, dies entscheidend zu ändern.

Einer der führenden Köpfe Namibias, Old Mutuals Chef-Ökonom Robin Sherbourne, fasst die Entwicklung im Lande überaus treffend zusammen (vgl. Sherbourne, R. (2010): Guide to the Namibian Economy 2010, S. 8).
"It could be worse. But policymakers should surely be asking: shouldn't it be so much better?"


Dr. Thomas Christiansen ist Akademischer Rat am Institut für Geographie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2006 bis 2009 war er als Professor für Land Management am Department of Land Management des Polytechnic of Namibia tätig; der Autor verfügt über langjährige Berufserfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit. Dieser Beitrag stellt seine persönliche Meinung dar. Die präsentierten Informationen basieren im Wesentlichen auf einer Studie, die unter dem Titel Assessing Namibia's Performance Two Decades After Independence demnächst im Journal of Namibian Studies (http://www.namibian-studies.com/) veröffentlicht wird.
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