10 August 2018 | Gesellschaft

Gqaina: Mehr als nur eine Schule

Lehranstalt für Ju/‘hoansi-Kinder feiert 25-jähriges Bestehen

Sie gehören zur ältesten, aber auch ärmsten und unterprivilegiertesten Volkschicht Namibias: die San im Landesosten. Für die neue Generation San ist die Gqaina-Schule nördlich von Gobabis ein Segen und Zufluchtsort. Dort werden sie nicht diskriminiert. In diesem Jahr feiert die Schule ihr 25-jähriges Bestehen seit der Wiedereröffnung. Die Zahl der Schüler ist inzwischen auf beachtliche 360 gestiegen. Doch die historische Feierlichkeit wird durch finanzielle Schwierigkeiten überschattet.

Von Heidi Tölken, Swakopmund

Die Schule Gqaina ist keine normale Schule, das Gleiche gilt für ihre einzigartige Geschichte. Vor 25 Jahren fand die Wiedergeburt der Erziehungseinrichtung statt, die nach einem zehnjährigen Überlebungskampf völlig zusammengebrochen war. Beide Phasen sind beispielhaft für die Tatsache, dass durch die engagierte und opferbereite Zusammenarbeit aller betroffenen Menschen und Organisationen viel erreicht werden kann.

Die ursprüngliche Idee zur Gründung einer Schule für San-Kinder geht auf Dr. Gerhard Buys, einem Pastor der niederländischen reformierten Kirche, zurück. Denn viele Farmarbeiter jener Gegend waren San – deren Kinder besuchten keine Schule aus Angst vor Diskriminierung. Dr. Buys fand im Jahr 1981 zwei Lehrerinnen, die sich bereit erklärten, die San-Kinder zu unterrichten und ihnen so das Tor zu einer besseren Zukunft zu öffnen. Gqaina, der Buchstabe „q“ ist ein Schnalzlaut, bedeutet in der Buschmannsprache „großer Baum“ und führt auf die Tatsache zurück, dass im ersten Jahr bis zu 50 Kinder ohne technische Hilfsmittel unter einem großen Baum unterrichtet wurden. Der Sand ersetzte die Schreibtafel.

Im folgenden Jahr stifteten lokale Organisationen und Farmer Material für einen einfachen Schulraum, später provisorische Schlafräume, um weite Anmarschwege zu ersparen. Durch den Verkauf von Mahlzeiten bei Viehauktionen konnten dann auch Matratzen, Decken und noch mehr angeschafft werden. Im Jahr 1986 betrug die Zahl der Schüler bereits 175, dazu sechs qualifizierte Lehrerinnen. Zwei von ihnen waren künstlerisch begabt und entdeckten auch hervorragende tänzerische und musische Begabungen der San-Kinder – und förderten diese gezielt. Die kleinen Mädchen von Gqaina gewannen 1986 den Wettbewerb „SABC Music Makers“. Bei einem großen internationalen Wettbewerb in Roodepoort (RSA) gab es sogar den ersten Preis für „Choral Dance Groups“ unter 16 Jahren.

Die mühsamen, aber verheißungsvollen Aufbaujahre erhielten einen schweren Schlag, als der Eigentümer des Schulgrundstücks kurz nach der Unabhängigkeit (1991) den Pachtvertrag kündigte und die Schultüren somit geschlossen waren. Aber für Gqaina bedeutete dies nicht das Ende, sondern einen neuen Anfang.

Die Rettung kam von Herrn Eberhard Tölken von Farm Sturmfeld, der bei einer Farmerversammlung von der misslichen Lage der Schule hörte. Auch die damalige Windhoeker Geschäftsfrau Gabi Woermann, die nun in Swakopmund wohnt, hörte von dem Unheil. Sie trat kurz nach der Unabhängigkeit an die Botschaften der nordischen Länder mit ihrem Anliegen. Dort war die Bereitschaft, in Namibia zu investieren und Entwicklungsprogramme zu unterstützen, deutlich gestiegen. Die Organisation UNICEF spendete die komplette Ausstattung der Schlafräume und des Speisesaals. Auch die Deutsch-Namibische-Entwicklungsgesellschaft unterstützte die Errichtung der Gebäude und die Kücheneinrichtung mit mehr als 200 000 N$. Die größte Spende von 450 000 N$ kam von der kirchlichen Organisation „Brot für die Welt“.

Der Einsatz zahlte sich schnell aus und so konnte eine Stiftung noch im gleichen Jahr gegründet werden. Nico Swart schenkte ein Grundstück, auf dem im Januar 1993 die „neue“ Gqaina-Schule mit insgesamt 150 Schülern (Klasse 1 bis 3) eröffnet werden konnte.

Der damalige Premierminister Hage Geingob gab den Startschuss mit einer Baumpflanzzeremonie. Geingob ist inzwischen zum Landespräsidenten aufgestiegen, der Baum ist ebenfalls gewachsen und ragt inzwischen mehrere Meter in die Höhe über Gqaina – ein wahrlich großer Baum.

Die Leitung der wiedereröffneten Schule übernahm die erfahrene Pädagogin, Frau E. Maritz, die übrigen Lehrkräfte und die Betreuer der Heime stammten größtenteils aus der einheimischen Bevölkerung. Frederik Langman, der „Chief“ der San-Gemeinschaft stellte sich als Hausmeister und Dolmetscher zur Verfügung. Es gab zu Beginn insgesamt fünf Klassenräume. Fast jedes Jahr kam dann eine höhere Klasse bis einschließlich Klasse 7 hinzu. Von Anfang an gab es eine Vorschule.

Der Schülerandrang stieg beständig und machte Erweiterungsbauten nötig. Aus Österreich wurden Studenten von zwei technischen Schulen vermittelt, die sich aktiv an den Bauarbeiten beteiligten. Oxfarm spendete für einen Kleinlastwagen, der allerdings bald gestohlen wurde. Ein deutscher Senior-Experte stellte sich den älteren Jungen nachmittags zur Verfügung, um ihnen grundlegende handwerkliche Fertigkeiten beizubringen. Der Werkraum konnte mit einer Kleinprojektspende der BRD gebaut werden. Das Franko Namibische Kulturzentrum finanzierte an Wochenenden Malkurse für die San, die durch namhafte namibische Künstler, unter anderem auch Madisa, angeboten wurden. Die Tanzgruppe der Mädchen pflegte weiterhin den hohen Standard ihrer Aufführungen und wurde wiederholt eingeladen, in anderen Ländern der Welt aufzutreten. So nahmen zehn Mädchen an der World Gymnastrada in Berlin teil und ernten großen Beifall. Für die zierlichen San-Mädchen ist das gemeinsame Tanzen und Singen ein Lebensbedürfnis, ein Ausdruck ihrer Unbekümmertheit und Lebensfreude. Sie imitierten tänzerisch das Verhalten bestimmter Tiere und Szenen aus dem täglichen Leben.

Inzwischen hat sich bei Gqaina Einiges geändert. Bei der ursprünglich für die San gebauten Schule werden nun auch Damara- und Otjihererosprachige Kinder unterrichtet. Die wichtigste Umgangssprache im Gobabis-Distrikt bleibt dennoch Afrikaans. Englisch findet nur zögernd Eingang, darum war der Schulvorstand glücklich über einige freiwillige Helfer aus England, die vor allem außerhalb des Unterrichts im freien Umgang mit den Kindern die Englischkenntnisse verbessern sollten.

Gqaina hatte das auch Glück in der Farmerin J. Labuschagne eine Lehrerin zu haben, die den örtlich gesprochenen Buschmanndialekt Ju/‘hoansi fließend spricht. Sie hat sich auch die Schreibweise angeeignet und selbst geeigneten Lehrstoff in Ju/‘hoansi übersetzt. So können sich die Schüler seit mehreren Jahren im Lesen und Schreiben ihrer Muttersprache üben. Das Ministerium in Zusammenarbeit mit NIED (National Institute for Ecucational Development) hat inzwischen für alle San-Schulen einen Lehrplan und Bücher für die Primärstufe erstellt. Aber: Der Muttersprachenunterricht ist weiterhin notwendig, um das Identitätsbewusstsein zu erhalten und den Kindern eine Zukunftsvision zu geben.

Inzwischen sind auf Gqaina weitere Gebäude, Büros, Wohnungen für Lehrer, eine Vorschule und Einrichtungen für verschiedene sportliche Aktivitäten entstanden. Eine große Aula dient als Speisesaal. Es konnten auch Computer und ein Videogerät angeschafft werden, eine große Solaranlage beliefert alle Gebäude mit Strom.

Aber: wie alle Privatschulen erhält auch Gqaina einen festen Tageszuschuss pro Heimkind, was aber nicht zur Deckung der laufenden Kosten, die Gehälter der Hilfskräfte und für Neuanschaffungen ausreicht. So wurde der Grundschulfonds und die Heimsubvention um die Hälfte gekürzt – allerdings ist dieser Betrag bis dato noch nicht gezahlt worden. Gqaina ist daher weiterhin von ideeller Mitarbeit und fremder Finanzhilfe abhängig, um Ju/‘hoansi-Kindern eine Zukunft zu bieten.

Mehr Informationen über die Schule gibt’s im Internet unter www.gqaina.com.

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