11 August 2017 | Natur & Umwelt

Gift für Mensch und Tier

Verbot oder Gebühr? - Wie man den Kampf gegen die Plastiktütenflut gewinnen kann

Jeder von uns benutzt sie jeden Tag, der eine mehr, der andere weniger: Plastiktüten sind bei vielen Menschen fest im Alltag integriert. Oft landen sie jedoch achtlos in der Natur und werden zur Gefahr für Mensch und Tier. Dabei gibt es effektive Maßnahmen gegen die Plastikflut, die langsam auch ins Bewusstsein der namibischen Bevölkerung rücken.

Von Milena Schwoge, Windhoek

Einkaufen, einpacken, nach Hause tragen - alles in Plastiktüten. Gerade Spontaneinkäufe verleiten oft zum Griff zu den Gratis-Tragetaschen. Bis zu 200 Beutel pro Kopf werden durchschnittlich jedes Jahr in Namibia verbraucht. Zum Vergleich: In hoch entwickelten Ländern wie Schweden und Frankreich sind es etwa 80 Stück.

Doch was passiert danach mit den Verpackungen? Einige Menschen geben ihnen einen neuen Sinn und nutzten sie als Mülleimer, Brotdosen-Ersatz oder funktionieren sie gar in selbstgehäkelte Mehrwegtaschen um. Doch oft wird der Titel „Einwegtüte“ wörtlich genommen. Bestenfalls landen die Plastiktaschen dann im Müll, viel zu oft tummeln sie sich jedoch am Straßenrand oder verfangen sich in Baumkronen. Nur einmal genutzte Plastiktüten stehen wie kaum ein anderes Produkt für die Wegwerfgesellschaft von heute. Und da sehen Umweltschützer das Hauptproblem: Die Tragetaschen können von der Natur nicht abgebaut werden. Ohne Sonnenlicht und Sauerstoff brauchen sie hunderte von Jahren, bis sie in kleine Teile zerfallen.

„Bei der Herstellung von Plastiktüten muss ein Gleichgewicht zwischen der Dicke und der Wiederverwendbarkeit herrschen. Je dünner das Produkt ist, desto geringer die CO2-Bilanz und der Energieaufwand“, sagt Jaco Venter. Als Manager bei Plastic Packaging, dem einzigen Produzenten von Plastiktüten in Namibia, ist er sowohl mit der Hersteller- als auch der Verbrauchersicht vertraut und ist überzeugt von der Aufarbeitung bereits benutzter Stoffe. Im Gegensatz zu importierten Exemplaren können die von ihm hergestellten Plastiktüten aufgrund ihrer Materialzusammensetzung unter Sonneneinwirkung schon innerhalb von sechs Wochen zersetzt werden.

Von Alternativen wie Stoffbeuteln hält der Manager nichts. „Tüten aus Papier verbrauchen bei der Herstellung 150 Prozent an nicht erneuerbaren Stoffen“, stellt Venter fest. Wenn das Material zusammengepresst wird, geht der Sauerstoff verloren, der normalerweise später bei der natürlichen Zersetzung eine große Rolle spielt. Eine Ausnahme bilden aus organischen Stoffen hergestellte Tragetaschen.

Große Gefahr geht von Plastiktüten aus, die im Meer landen und dort zum massenweisen Tiersterben beitragen. „Es befinden sich Trillionen von Plastikteilen in den Ozeanen. Fischer machen mittlerweile mehr Geld durch Plastik als durch den Fischfang“, stellt auch Dr. Chris Brown entsetzt fest. Er ist Geschäftsführer der Namibischen Umweltkammer. So verenden beispielsweise Seevögel qualvoll an Handyteilen in ihrem Magen, Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen und Fische verwechseln winzige Plastikteilchen mit Plankton. Wenn ein Mensch dann einen solchen Fisch isst, wandert der Kunststoff weiter durch die Nahrungskette und setzt sich in den Gelenken fest. Bei regelmäßigem Verzehr können im schlimmsten Fall eine Arthritis oder gar ein Herzinfarkt die Folge sein.

„Auch an Land sterben wilde Tiere wegen des Mülls. Die Umweltverschmutzung wirkt sich somit auch auf den Tourismussektor in Namibia und das Bruttoinlandsprodukt aus“, gibt Brown zu denken. Er persönlich hält eine Gebühr von fünf Cent auf jede Plastiktüte für angemessen und plädiert darüber hinaus für die Einführung von Pfand auf Plastikflaschen. „Alle Produkte, die nicht recycelt werden können, sollten verboten werden. Der Flaschenpfand könnte einen Anreiz für Bewohner schaffen, die Umgebung von Unrat zu befreien“, ergänzt er.

Die Gesundheitsbehörde fordert schon lange ein Verbot von Plastiktüten. Namibia wird von vielen als Nachzügler angesehen. Als Vorreiter gelten beispielsweise Ruanda oder Südafrika, wo Plastiktüten bereits verbannt wurden bzw. Geld kosten. Vor dem Verbot waren die Städte in Ruanda übersät mit Plastikmüll. Heute ist das Land ein Vorbild für Nachbarländer wie Uganda - und sogar für Europa.

Diskussionen über mögliche Lösungsansätze für das Umweltproblem sind derzeit aktueller denn je. In Swakopmund ist der erste Schritt bereits gemacht worden. Durch eine Initiative des Otto Herrigel Environmental Trust in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung soll noch in diesem Jahr eine Verordnung (by-Law) erlassen werden, wodurch eine Gebühr (levy) auf Plastiktüten erhoben und damit die Verschmutzung der Umgebung in der Stadt drastisch reduziert werden soll.

Die Tüte steht aber letztlich nur stellvertretend für ein generelles Problem, das nicht nur in Namibia, sondern weltweit Spuren hinterlässt. „Einkaufstüten machen weniger als fünf Prozent des gesamten Plastikkonsums in Namibia aus“, sagt Venter. Kunststoff ist auch in vielen anderen Lebensbereichen längst nicht mehr wegzudenken. Wir tragen ihn am Körper, wir telefonieren damit, wir transportieren in ihm unser Essen. Genau das macht es schwer, darauf zu verzichten. Dabei können schon kleine Taten - wenn sie großflächig umgesetzt werden - Großes bewirken. Warum, statt ständig eine Wasserflasche nach der anderen zu kaufen, nicht einfach eine wiederverwendbare und bruchsichere Glas- oder Stahlflasche verwenden? Oder einen Rucksack mit in den Supermarkt nehmen?

„Mit einer Gebühr können wir Einnahmen generieren, die dann wieder der Umweltarbeit zu Gute kommen. Aber viel wichtiger ist, dass wir die Menschen dazu bewegen, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden und ein stärkeres Umweltbewusstsein zu entwickeln“, betont Umweltkommissar Teofilus Nghitila. Zustimmung dafür kommt von Otto Alfeld vom Management von Superspar in Windhoek. „Wir sind dafür, dass der Umweltverschmutzer für die Plastiktüten zahlen sollte“, sagt er. Alfeld hält einen Betrag von 20 bis 50 Cent für angemessen. Die Hälfte des Erlöses würde Superspar in Aufklärungsarbeit und kleine sowie mittlere Unternehmen (SMEs) aus der Umweltbranche investieren. „Als Supermarkt haben wir auch eine soziale Verantwortung, der wir dadurch nachkommen möchten“, verkündet er. Den ersten Schritt zur Einführung möchte Superspar jedoch nicht machen. „Das Konzept funktioniert nur, wenn alle Märkte am gleichen Strang ziehen. Sonst sind die Wettbewerbsnachteile einfach zu groß“, bedauert Alfeld.

Vor allem in ärmeren Windhoeker Stadtteilen wie Katutura oder Khomasdal herrscht großer Bedarf an Aufklärungsarbeit. „Es fängt bei der Bildung an. Wichtige Themen wie Umweltverschmutzung sollten auch in der Schule behandelt werden, damit die Kinder mit dem nötigen Wissen aufwachsen“, meint die Windhoekerin Elizabeth Sam. Darüber hinaus vermisst die Bewohnerin Container, an denen der Unrat gesammelt und zusammengepresst werden kann.

„Ich glaube fest daran, dass wir es schaffen können, das sauberste Land Afrikas zu werden. Dafür müssen wir als Nation aber ein Konzept erstellen“, sagt Venter abschließend.

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