10 Juni 2021 | Leserpost

Genozid oder Notwehr?

Nun hat sich Deutschland doch erweichen lassen: Es erkennt einen fragwürdigen Völkermord im heutigen Namibia in den Jahren 1904-1907 an und zahlt dafür in den nächsten 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro. Da die Verhandlungen zwischen den Regierungen beider Staaten erfolgten, ohne die Nachkommen der betroffenen Bevölkerungsgruppen (Herero und Nama) einzubeziehen, haben diese bereits angekündigt, den Kompromiss nicht mitzutragen. Wenn Bundespräsident Steinmeier nach Namibia fliegt, um offiziell um Entschuldigung zu bitten, wollen sie massiv demonstrieren, da seine Anwesenheit unerwünscht sei.

In der Tat ist unklar, ob es sich beim Krieg gegen Herero und Nama juristisch um einen Genozid handelte, zumal horrende Zahlen ins Spiel gebracht werden, die bei Nachprüfung jeglicher Realität entbehren, von linken Historikern und ihnen hörigen Politikern aber als sakrosankt angesehen werden. Von mindestens 75 000 Opfern ist die Rede, doch selbst das berüchtigte Blaubuch nach dem Ersten Weltkrieg verstieg sich nicht zu solchen Zahlen, und auch bei DDR-Historiker Horst Drechsler fallen sie geringer aus. Die Quellenlage ergibt nämlich ein sehr viel differenzierteres Bild.

Der in Deutsch-Südwestafrika tätige Missionar Irle nannte 1874 und damit vor der Kolonialzeit eine Gesamtzahl von 70 000 bis 80000 Herero, ebenso Landeshauptmann Leutwein 1894, der zehn Jahre später aber nur noch 60 000 Herero schätzte. Missionar Bernsmann sprach 1880 von 50 000 Angehörigen des Hererovolkes, Leutnant Eggers 1895 von 45 000 und Oberleutnant Streitwolf 1902 gar von nur 23 000. All diese Zahlen betreffen die Zeit vor 1904, woraus man schließen darf, dass es bei Beginn des Aufstands zwischen 35 000 und 50 000 Herero im Lande gab. Für das Jahr 1906 wird eine Zahl zwischen 17 000 und 20 000 genannt, die Krieg, Flucht, Hunger, Seuchen und Krankheiten überlebt hatten. Das stimmt in etwa mit der Zahl von 1926 überein, als man das Volk der Herero auf rund 20 000 Personen schätzte. Brigitte Lau, frühere Archivarin in Windhoek und bestens vertraut mit der Materie, hielt 1989 die Zahl von 70 000 bis 100 000 Herero vor dem Krieg für zu hoch, die der Überlebenden mit 17 000 für zu niedrig. Sollten sich nämlich, wie mehrfach behauptet, 50 000 Herero am Waterberg versammelt haben, wo seien dann die übrigen 20 000 bis 50 000 Personen gewesen, argumentierte sie. Wenn in diesen Tagen „Kolonialforscher“ mit begrenzten Einsichten sogar von 100 000 Opfern sprechen, so hätte es 1908 kaum noch lebende Personen der besagten Volksgruppen geben können, denn die Bevölkerungszahl im Machtbereich der deutschen Kolonialverwaltung lag insgesamt nur unwesentlich darüber. Folglich darf hinter den heute genannten Zahlen ein „System“ vermutet werden, das sich in der neueren deutschen Geschichtsschreibung häufig abzeichnet: Die Zahlen deutscher Opfer werden im Laufe der Jahre immer weiter reduziert, während man bei von Deutschen verübten Taten den umgekehrten Weg beschreitet, indem man die Opferzahlen nach oben „korrigiert“.

Im Fall Namibias kommt ein Faktor hinzu, der gern ausgeblendet wird: Es waren die Herero und Nama, die dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, welches sich dann zur Wehr setzte. Selbst der damalige Bundestagspräsident Lammert wies bei seinem Besuch in Windhoek 2015 darauf hin, dass man bei allem der indigenen Bevölkerung seinerzeit zugefügten Leid die deutschen Opfer nicht vergessen dürfe, Farmer und ihre Familienangehörigen, die während der Aufstände ab 1904 von Herero und Nama zum Teil bestialisch ermordet wurden. Man kann den Abwehrkampf der Kaiserlichen Schutztruppe daher durchaus als Notwehrhandlung bezeichnen, der nach dem Völkerrecht gerechtfertigt war, was bei der gegenwärtigen „politischen Korrektheit“ natürlich keine Gültigkeit besitzt.

Wenn im Zusammenhang mit den Herero- und Nama-Kriegen häufig eine Parallele zum Holocaust gezogen wird, ist dies geradezu eine Verharmlosung des letzteren und sollte von jüdischer Seite schärfstens zurückgewiesen werden. Zuletzt erhebt sich die Frage, warum Reparationszahlungen für die Regierungen der anderen ehemaligen deutschen Kolonien keine Rolle spielen, ja solche Forderungen gar nicht erst auftauchen. Tansania (früher Deutsch-Ostafrika) hat schon lange erklärt, dass es im Verhältnis zu Deutschland in die Zukunft schauen will und die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtet – obwohl sich in den Jahren 1905-1906 auch dort die eingeborene Bevölkerung gegen die Kolonialherrschaft erhob (Maji-Maji-Aufstand) und dabei zahlreiche Opfer zu beklagen hatte. Und in Kamerun oder Togo wird heute die deutsche Kolonialzeit – im Vergleich mit der französischen Verwaltung nach 1920 – als eher „segensreich“ betrachtet.

Wolfgang Reith

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