17 März 2020 | Soziales

Gekommen, um zu bleiben

Die Deutsche Lena Palm kam mit 18 Jahren nach Namibia und wollte nicht wieder gehen. Sie ist Mitgründerin des Vereins „Wadadee Cares“ in Katutura, der dort Schulen und Kinderheime unterstützt. Mit ihrem Team hat sie gerade selbst eine Schule gebaut. WAZon hat die jetzt 25-jährige Aachenerin auf ihrer Arbeit und zuhause besucht.

Von Evelyn Rosar, Windhoek

Nach dem Abitur wartet das Leben. Die große Freiheit ist für viele das Studium in einer größeren Stadt, drei Monate durch Australien zu reisen oder erstmal Partymachen mit Freunden. Für Lena Palm bedeutete Leben ein kleines Zimmer unweit der Blechhütten in Katutura in Windhoek. Statt Party, Surfen und die große Freiheit wählte sie mit 18 Jahren ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer im „Wadadee“-Haus im Armenviertel Namibias. Ihre Vorstellung vom Leben war es, zu helfen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, denn die jetzt 25-Jährige ist gekommen, um zu bleiben.

Ein halbes Jahr lang half sie 2013 im Kinderheim „Baby Haven“ aus. Sie spielte mit den Jüngeren, machte Hausaufgabenbetreuung, brachte den Älteren etwas Deutsch bei. Als es zurück nach Deutschland ging, fragte sie sich: „Wie, das war’s jetzt?“, und kam immer wieder. Seit 2016 lebt sie fest in Namibia, Katutura ist ihr Zuhause. Ihr Ansporn: „Wenn man in kurzer Zeit so viel erreichen kann, wieviel kann man dann schaffen, wenn man sich auf lange Sicht engagiert?“

Also gründete sie 2015 noch von Deutschland aus mit 20 Jahren den eingetragenen Verein „Wadadee Cares“. Das ging nicht von heute auf Morgen. Zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung. Jetzt ist die junge Aachenerin mit ihrer Mutter und ihrem namibischen Kollegen Shaun Awasab Inhaberin ihres eigenen Vereins, Chefin von 20 Teammitgliedern und Mitbesitzerin eines Reiseunternehmens, das zudem unter dem Dach „Wadadee“ existiert. Einen Bachelor in Sozialwissenschaften in Köln hat sie irgendwo zwischen Aufbau ihrer Organisation und Träumen von Namibia gewuppt.

„Meine Mama hatte ihre Doktorarbeit über nachhaltigen Tourismus geschrieben, im Alter von zwei bis sechs Jahren war ich wochenlang mit ihr in Sambia und Namibia“, erklärt die Brünette mit lockerem Dutt. „Ich wusste, dass ich zurück nach Namibia will.“

„Irgendwas Soziales in Afrika machen“, das ist oft ein gut gemeintes Ziel, aber manchmal schwer zu erreichen, besonders wenn man jung ist und wenig Geld und Erfahrung hat. „Ich hatte damals viel gesucht, kein passendes Auslandspraktikum gefunden. Oft musste man ein ganzes Jahr ins Ausland, das war mir zu lang.“ Schließlich schrieb sie einzelne Heime und Häuser an, für die sie arbeiten wollte, darunter „Baby Haven“.

Abiturienten, die heute den geeigneten Praktikumsplatz finden wollen, haben es dank der Aufmerksamkeit, die Lena derzeit bekommt, leichter. Die deutsche Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ hat ihre Arbeit ausgezeichnet, seitdem hat sie viele Anfragen, ob von der Presse oder von Freiwilligen, die helfen wollen. Dass diese für Unterkunft, Flug und Essen selbst aufkommen müssen, nehmen sie in Kauf.

Im „Wadadee“-Haus ist Platz für 15 bis 20 Volontäre, 200 waren innerhalb der letzten fünf Jahre da. Die meisten kommen aus Deutschland, sie bleiben Minimum zwei Monate, und viele kommen wieder, wie derzeit die Pädagogikstudentin Natalie Grimm (23) aus München, die im Büro an diesem Dienstagmorgen gerade Arbeitsblätter für Vorschulkinder entwirft, die sie auf Folie drucken will. „So kann man sie mehrfach verwenden, das spart Kosten“, erklärt Lena. „Das war eine Idee der Volontäre.“

„Wie und warum der ganze Rummel um mich losging, weiß ich auch nicht“, sagt Lena, die sich in Jeans und Bluse an einen Tisch vors Büro setzt. Ihr Handy liegt griffbereit neben ihrem Arm mit bunten Perlenarmbändern. Ihr Hauptjob: E-Mails beantworten, Meetings koordinieren oder einen Fahrer organisieren, da ein Kind ins Krankenhaus muss. Letzteres passiert auch nach dem offiziellen Feierabend.

Hinter der Jungunternehmerin sieht man die Hütten Katuturas, vor ihr steht ein Kaffee. Sie hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, warum „Wadadee Cares“ derzeit so viel Zuspruch erfährt. Sie hat noch nicht einmal Zeit, ihren Kaffee zu trinken, denn vor ihr steht Erika Kamujame, eine ihrer festen Mitarbeiterinnen. Sie braucht Geld, da Regen und Sturm eine Tür ihrer Vorschule zerstört haben.

Die Vorschule war Erikas Idee. Die Lehrerin hat zwanzig Jahre lang 60 Kinder bei sich vor ihrer Hütte betreut. Mit „Wadadee Cares“ haben Erika, die Kinder und Volontäre zwei Klassenräume, eine Toilette und einen kleinen Spielplatz gebaut. Dazu hat die Namibierin ihr Grundstück zur Verfügung gestellt. Alles aus Wellblech, finanziert durch die Stiftung. „Man braucht nicht viel, um viel zu machen“, sagt Lena. Jetzt haben 60 Kinder eine Vorschule.

Bildung ist ein Hauptaugenmerk von „Wadadee Cares“. Es herrscht in Namibia zwar Schulpflicht, aber viele Eltern sind gar nicht gemeldet, also ihre Kinder auch nicht, erklärt die Deutsche. Dass diese Kinder nicht zum Unterricht erscheinen, fällt nicht auf. Lena erzählt, dass Praktikanten einmal 4000 Euro gesammelt haben. Damit konnten sie vierzig Kinder bei der Stadt eintragen und ihnen Pässe ausstellen lassen, um ihnen dann einen Platz an einer staatlichen Schule zu sichern. „Viele Eltern haben sich bedankt und uns gesagt, dass ihre Kinder ohne diese Volontäre nie die Möglichkeit auf Bildung gehabt hätten. Einen schöneren Ansporn gibt es wohl kaum“, meint die 25-Jährige.

Sie erzählt wenig über sich, mehr über ihr Team und die gemeinsame Arbeit. „Ich bin nicht die Einzige, die hilft“, sagt sie. „‘Wadadee‘ ist Damara und bedeutet übersetzt ‚es ist für jeden‘ - wir sind eine Gruppe aus Einheimischen und Volontären, und alle ziehen an einem Strang.“ Etwa tausend Kindern hat „Wadadee Cares“ bisher zu einem besseren Leben verholfen.

Lena hat seit ihrer Rückkehr eine eigene kleine Wohnung, die sie sich mit ihrem Freund Tanite teilt. Ihr Zuhause befindet sich direkt gegenüber ihres Büros auf der anderen Straßenseite. Sie arbeitet und lebt in Katutura, und das gerne, wie sie meint. „Katutura hat zu Unrecht einen schlechten Ruf, es wird Zeit, dass sich das ändert. Ich fühle mich hier wohl.“

In ihrem Wohnzimmer hängt eine Memoboard mit Bildern ihrer Eltern und ihrer vier Geschwister. Neben dem Fernseher hängt der Stadtplan von Aachen, ihrer Heimatstadt. Februar sei der Monat, in dem sie Deutschland etwas vermisse, gibt sie zu. Denn dann haben viele ihrer Freunde und Verwandte Geburtstag, zudem verpasse sie Karneval. Dass sie nochmal zurückzieht, kann sie sich aber dennoch nicht vorstellen.

In Namibia hat die Auswanderin alles, was sie ausmacht. Einen Freund, der sie liebt, einen Job, der sie erfüllt, Arbeitskollegen, die Freunde geworden sind. Und so viele neue Projekte, die sie in noch Angriff nehmen will. Zum Glück hat sie mit 25 Jahren noch so viel Zeit.

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