21 Juni 2019 | Landwirtschaft

Gebell statt Gewehr

Das Livestock-Guarding-Dog-Programm feiert 25-jähriges Jubiläum

Weil viele Farmer Viehverlust durch Raubtiere erleiden, greifen sie immer wieder zur Waffe. Dass das nicht nötig ist, zeigt die Gründerin des Cheetah Conservation Fund bei Otjiwarongo, Dr. Laurie Marker. Seit 25 Jahren werden durch das Livestock-Guarding-Dog-Programm Wachhunde an Farmer vermittelt, wodurch diese ihren Viehverlust um 70 bis 100 Prozent reduzieren können.

Von Lisa Plank, Windhoek/Otjiwarongo

Mit schnellen Schritten schreitet Dr. Laurie Marker gemeinsam mit ihrem Team über das Gelände des Cheetah Conservation Fund (CCF) bei Otjiwarongo. Auf ihren Lippen liegt ein zufriedenes Lächeln, mit erwartungsvollem Blick schaut sie in Richtung der Hütten vor sich. Hier werden die Welpen für das Livestock-Guarding-Dog-Programm großgezogen, bevor sie an Farmer übergeben werden. Dieses Jahr feiert der CCF das 25-jährige Jubiläum dieser Initiative.

Das Prinzip hinter dem Programm ist simpel - es macht sich die natürliche Scheu von Raubtieren zu Nutze. „Ein Raubtier möchte kein Risiko eingehen, es möchte lediglich eine schnelle und einfache Mahlzeit“, erklärt Marker. „Wenn Geparden Vieh reißen, ist das nicht die Schuld der Tiere. Schuld ist die Art, wie wir unser Vieh halten“, stellt sie klar. Das erklärt sie anhand eines einfachen Beispiels: „Stellen sie sich vor, sie finden einen 100-Dollar-Schein auf dem Boden. Was würden sie tun?“, fragt sie. „Sie schauen, ob jemand in der Nähe ist, dem das Geld gehören könnte. Wenn sie niemanden sehen, heben sie den Schein auf und behalten ihn. Das Gleiche macht ein Gepard, wenn er auf Vieh trifft.“

Die Farmer machen es den Raubtieren durch ihre Art der Viehhaltung zu leicht - es sei, als würden sie ihnen ein kostenloses Buffet anbieten, findet Marker. Doch was können sie ändern? Die Lösung des Problems könnte ein Wachhund sein. „Wenn ein Wachhund Vieh begleitet, wird er bellen, sobald er Gefahr wittert“, erklärt Marker. „Raubtiere, vor allem Geparden, sind ängstlich. Sie wollen nicht in einen Kampf geraten, deshalb ergreifen sie die Flucht.“ In den meisten Fällen würde das Bellen des Hundes ausreichen, um ein Raubtier zu vertreiben.

Mittlerweile hat der CCF bereits über 650 Wachhunde vermittelt, die Warteliste ist lang. „Als ich nach Namibia kam, haben Farmer Geparden getötet als wären es Fliegen“, erinnert sich die gebürtige US-Amerikanerin Marker und schüttelt den Kopf. Das Livestock-Guarding-Dog-Programm möchte Farmer genau davon abhalten. Dies scheint zu gelingen, die teilnehmenden Farmen berichten von einer Verringerung ihres Viehverlusts durch Raubtiere um 70 bis 100 Prozent.

Erst vor kurzem sind drei Welpen zur Welt gekommen. Als Marker das Gatter zu dem eingezäunten Bereich der jungen Hundefamilie öffnet, springt ihr die große Hündin aufgeregt entgegen, wirbelt um sie herum und wedelt mit dem Schwanz. Marker geht in die Knie, mit beiden Händen tätschelt sie das Tier überschwänglich. „Hallo, Mama! Na, willst du uns deine Babys zeigen?“, fragt sie enthusiastisch. Marker richtet sich auf und geht auf die Hütte zu, die Hündin läuft voraus.

Die drei Welpen schlafen in einer großen an eine Wolldecke gekuschelt, sie sind erst eine Woche alt. Noch sind sie etwa so groß wie eine ausgebreitete Hand, nur ihre großen Tatzen verraten, dass sie bald zu stattlichen Hunden heranwachsen werden. Als sich die Mutter der Welpen in die Kiste legt, öffnet einer von ihnen schläfrig seine Augen und richtet sich vorsichtig auf. Noch ist er wacklig auf den Beinen, den Weg zu den Zitzen seiner Mutter findet er trotzdem.

Obwohl die Welpen aussehen wie Kuscheltiere, bemühen sich die Mitarbeiter des CCF, sie nicht zu sehr an Menschen zu gewöhnen. „Sie sollen keine Beziehung zu Menschen aufbauen, sondern ihren Job machen“, erklärt Stella Emvula. Sie geht auf einen Zaun zu, dahinter spielt eine Gruppe sieben Wochen alter Welpen. Aufgeregt laufen sie auf die Besucher zu, nur einen kurzen Moment später haben sie sich jedoch wieder beruhigt. „So wie sie sich jetzt verhalten, ist es perfekt. Sie reagieren zwar auf den Menschen, verlieren aber schnell wieder das Interesse an ihnen“, so Emvula. Dieses Verhalten sei wichtig: Statt eine Beziehung zu Menschen aufzubauen sollen sie Verbindung mit ihrer Herde aufbauen. Damit das gelingt, haben die Welpen schon im Alter von vier Wochen das erste Mal Kontakt zu dem Vieh. Durch diese Sozialisierung fühlen sie sich der Herde zugehörig, das weckt ihren Beschützerinstinkt.

Damit die Hunde das Vieh bewachen, brauchen sie kein spezielles Training. „Die Hunde sind viel intelligenter als wir. Sie erkennen, wenn Gefahr droht, lange bevor wir Menschen etwas davon mitbekommen“, erklärt Marker. „Als Wachhunde verwenden wir Kangal- und Anatolische Hirtenhunde, der Beschützerinstinkt liegt in ihrer Natur. Außerdem kommen sie mit hohen Temperaturunterschieden zurecht und können weite Strecken laufen.“

Im Alter von zehn Wochen werden die Hunde an ihre neuen Besitzer übergeben. Damit die Welpen eine Verbindung zu ihrer Herde aufbauen, ist es wichtig, dass sie bei der Ankunft auf der Farm noch möglichst jung sind. Den ersten Monat bleiben die Welpen im Viehstall, danach können sie die beginnen, die Herde für kurze Zeit zu begleiten. Nach einigen Monaten, wenn sie Ausdauer aufgebaut haben, können sie die Herde durchgehend begleiten. Marker betont jedoch, dass die Farmer die Fähigkeiten der Tiere in den ersten Monaten nicht überschätzen dürfen. „Auch wenn die Hunde schnell groß werden, erreichen sie ihre volle geistige Reife erst mit rund 18 Monaten“, erklärt sie. Sie empfiehlt deshalb, dass der Hund während dieser Zeit von einem Hirten begleitet wird.

Sollen Hunde Vieh begleiten, ist es wichtig, zwischen Wach- und Hütehunden zu unterscheiden. „Wenn Hütehunde eine Gefahr wittern, treiben sie die Herde zusammen und jagen sie weg. Das weckt den Jagdinstinkt des Raubtiers und es läuft den Tieren hinterher“, erklärt Marker. Ein Wachhund verhalte sich anders: Er vertreibt den Räuber anstatt die Herde. Wenn es nötig ist, seien die Hunde auch zu einem Angriff bereit, das komme jedoch nur selten vor. „In den meisten Fällen gewinnt der Hund einen solchen Kampf“, stellt Marker zufrieden fest.

Ein Welpe kostet 1500 Namibia-Dollar, die Investition lohnt sich jedoch. „Für die Farmer ist das nur eine kleine Summe im Vergleich zu den Kosten, die durch Viehverlust entstehen“, so Marker.

Der Cheetah Conservation Fund:

Der Gepard ist die am meisten gefährdete Großkatze in Afrika, etwa ein Viertel der weltweiten Population lebt in Namibia. Um den Mensch-Tier-Konflikt zu überwinden und die Geparden zu schützen gründete Dr. Laurie Marker im Jahr 1991 den Cheetah Conservation Fund in Otjiwarongo. Neben einem internationalen Wissenschafts- und Bildungszentrum sind dort eine Auffangstation für verwaiste und verletzte Geparden, ein Auswilderungsgehege und ein Wildtierreservat. Außerdem sind dort eine Tierklinik, eine Modellfarm, eine Molkerei, ein interaktives Besucherzentrum und ein Campingplatz.

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