27 November 2018 | Bildung

Funktionierende Universitäten und Hochschulen in Südafrika wären Garanten für eine Zukunft

Der kürzlich in Berlin auf Einladung der Bundeskanzlerin abgehaltene Afrika-Gipfel mit elf dorthin eingeladenen afrikanischen Staatschefs hatte das Ziel auszuloten, wie und unter welchen Bedingungen die deutsche Privatwirtschaft in einigen Staaten des europäischen Kontinents investieren kann. Das Treffen wurde nicht zuletzt von Fachleuten, die sich professionell mit dem afrikanischen Kontinent befassen, kritisiert. Das Hauptanliegen, so die Kritik, könne nicht die Wirtschaftsförderung durch private Investitionen sein, ohne sich mit den dort herrschenden Bedingungen vertraut gemacht zu haben. Zu oft habe die entwicklungspolitische Praxis gezeigt, dass man mit afrikanischen Partnern nicht vom grünen Tisch aus planen kann. Ein Bekanntwerden mit und ein Verstehen der Afrikaner ist wichtige Voraussetzung für gewinnorientierte Projekte. Eine der wichtigsten Bedingungen, die erkannt und möglichst gefördert werden sollte, ist die Bildung und Schulung derjenigen für die bzw. mit denen vor Ort kooperiert werden soll. Ist das in Berlin geschehen? Zweifel sind angebracht.

Einer der Teilnehmer war Cyril Ramaphosa, Präsident Südafrikas. Das Land am Kap ist jener Staat auf dem Nachbarkontinent mit dem heute noch weitaus höchsten Industrialisierungsgrad. Aber rasante Inflation, Misswirtschaft, Angst vor der allgegenwärtigen Kriminalität, Korruption, Abwanderung von Fachkräften lassen selbst hier die Fachleute an einem Wirtschaftsaufschwung zweifeln. Und gerade wenn es, wie in Berlin mehrfach hervorgehoben, nicht um Entwicklungshilfe gehen soll, ist für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Grad der Bildung der Bevölkerung im Land ein wichtiges Indiz für die Chancen eines solchen gewaltigen Projektes.

Zugang ohne Voraussetzungen

Für Südafrika liegen dazu einige Basisinformationen vor: Nachdem die in den letzten zwei bis drei Jahren an den Universitäten Südafrikas die allgegenwärtigen Unruhen mit Demonstrationen, Besetzungen, Unterrichtsausfall, Zerstörungen von Einrichtungen, Gebäuden und wertvollen kulturellen Gegenständen nunmehr verebbt sind, kommen die 28 Universitäten, von denen elf als Volluniversitäten gelten, auf denen 767.000 Studenten lernen und zu denen sechs technische Universitäten mit 168.000 Studenten zählen, dennoch nicht zur Ruhe. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass im ehemaligen Apartheid-Staat, wo es für Schwarze lediglich eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten gab, nunmehr 66,4 Prozent „schwarze“ und 18,4 Prozent „weiße“ Studierende immatrikuliert sind.

Konnte man für die studentischen Proteste der letzten zwei Jahre noch Verständnis aufbringen, wenn es sich um die Abschaffung oder Reduzierung der Studiengebühren handelte, so war Unverständnis in der Scientific Community und bei ausländischen Beobachtern breit vertreten, wenn ungehinderter Zugang zu den Universitäten ohne schulische Voraussetzungen (Matric), Abschaffung der Prüfungen etc. gefordert wurden. Zu den Ergebnissen der Proteste, die zuweilen eher Krawallen mit Schlägereien und Toten ähnelten, zählen, dass auch den letzten Universitäten das Vorrecht genommen wurde, in Afrikaans zu lehren, was ihnen unter Mandelas Regierung in den 1990er-Jahren zugestanden worden war. Afrikaans galt zwar als die Sprache der Apartheid, aber sie wird nicht nur von Weißen, den Buren, gesprochen. Sie ist eine der elf Landessprachen. Nicht wenige Unterrichtsmaterialien liegen bislang allein in Afrikaans vor.

Studierende, die sich nicht an den Protesten beteiligen wollten, wurden unter Druck gesetzt, ja mit Gewaltanwendung bedroht. Die studentischen Proteste zur Abschaffung der Studiengebühren, die immer noch nicht ganz beendet sind, stellten ein Politikum dar und werden in der Bevölkerung hoffnungsvoll begleitet, da die für viele Familien, vor allem den schwarzen, unerschwinglich hohen Gebühren den Zugang zu höherer Bildung behindern.

„Transformation“ bringt Unsicherheit

Unter den Lehrenden der Universitäten macht sich dahingegen verstärkt Unsicherheit breit. „Transformation“ ist das neue Schlagwort, was Austausch weißer Professoren und Hochschulmitarbeiter gegen schwarzes Personal meint. Das jedoch ist in ausreichendem Maße nicht vorhanden. Auch wenn für die freiwerdenden Plätze kein qualifizierter „schwarzer Ersatz“ zu finden ist, werden jene durch nicht unbedingt dafür ausgewiesenes nicht-weißes Personal ersetzt. Leidtragende sind zunächst die Studierenden und bald schon wird es die gesamte Gesellschaft sein. Denn auch für Südafrika gilt: In der Moderne kann nur derjenige bestehen, der über gebildetes Personal verfügt, das die Gegenwart meistert und die Zukunft gestalten kann.

Aber an solchem Personal fehlt es zurzeit dem Land am Kap. Auch wenn dies im ersten Moment ein Problem der Universitäten darstellt, so liegen die Gründe hierfür mehr als ein Vierteljahrhundert nach Beendigung der Apartheid tiefer. Schon gleich 1994, als die einstige Befreiungsorganisation African National Congress (ANC) versuchte, das Ungleichgewicht zwischen weißen und nicht-weißen Professoren an den Universitäten durch einer Politik der „affirmative action“ zu beheben, lief dies weitgehend ins Leere. Einige Weiße wurden zwar aufgrund dessen entlassen, jedoch blieben sichtbare Lücken in Lehre und Forschung. Die Verpflichtung für jeden auf das Rentenalter zusteuernden Weißen, zumindest einen nicht-weißen Ersatz heranzubilden, wäre ein effektiverer Weg gewesen. Das hatten ausländische Kollegen den übereifrigen neuen Universitätsleitungen auch empfohlen, allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Bei objektiven Beobachtern herrscht wenig Euphorie, dass es dieses Mal mit dem universitären Elitenaustausch besser gehen könnte. Die absehbare Folge: Sinkende Qualität der Ausbildung an südafrikanischen Universitäten und Hochschulen.

Hohe Anzahl Unpromovierter

Ab und an kommt das seit Jahren nicht gelöste Problem auf, dass etwa ein Viertel des akademischen Personals an den Universitäten keinen Doktortitel besitzt. Das führt zu Diskussionen in den Fakultäten, ob nicht-promovierte Professoren an Universitäten und Technischen Hochschulen bis zu einigen Jahren Forschungsurlaub erhalten sollten, damit sie die Promotion nachholen. Davon hängt eine immer wieder diskutierte Frage ab, ob ein Unpromovierter eine Dissertation betreuen darf oder nicht. Eine abschließende Lösung wurde nicht gefunden und wird es angesichts der realen Situation im Hochschulwesen nicht geben können. Alarmierende Anzeichen für ein Absinken des Niveaus an den Unis und Hochschulen sind schon jetzt bemerkbar. So werden händeringend „nicht-weiße“ Doktoranden gesucht - und dies in allen akademischen Disziplinen. Auf eine Million Einwohner kommen in der Republik Südafrika derzeit nicht einmal 30 PhD-Absolventen. Zwar gibt es wohl junge Menschen, die promovieren wollen, aber die haben die falsche Hautfarbe. Denn viele Doktoranden-Stellen und Stipendien werden ausdrücklich für Schwarze ausgeschrieben. Solche Unterstützungsmaßnahmen sind eigentlich bitter nötig, denn wie die letzten aktuellen Zahlen aus dem Jahre 2011 aussagen, hatten 36 Prozent der Weißen, aber nur 8,3 Prozent der nichtweißen Bevölkerungsgruppen einen höheren Bildungsabschluss. Aber kann man so rigoros, den manche Betroffene von einem „umgekehrten Rassismus“ sprechen lassen, das offensichtliche Problem lösen?

Anstatt in welcher Weise auch immer versucht wird, das Problem zu lösen und somit die akademische Front zu stärken, wird an den Universitäten und Hochschulen am Kap der ineffektive Verwaltungsapparat ausgebaut. So soll es Universitäten in Südafrika geben, an denen der Anteil wissenschaftlicher Mitarbeiter lediglich zwischen 15 und 20 Prozent beträgt.

Das Schulwesen

Eine Ursache für den Niedergang des Niveaus der universitären Ausbildung ist nicht zuletzt im Bildungsstand der meisten Schulen zu sehen. Auf den ersten Blick ist das öffentliche Bildungs- und Schulsystem des Landes im Vergleich mit dem übrigen Afrika durchaus beeindruckend. Es herrscht allgemeine Schulpflicht für Kinder zwischen 7 und 16 Jahren, das heißt, alle müssen die ersten neun Schuljahre durchlaufen.

Das betrifft mit Stand von 2016 etwa 14 Millionen Schülerinnen und Schüler. Ein Lehrer unterrichtet in der Regel 31 Kinder in den etwa 26000 vorhandenen öffentlichen Schulen, wobei deren Anzahl beständig abnimmt. Der Negativtrend trifft vor allem auf Einrichtungen auf dem Lande zu. Gerade auf dem Lande haben laut Report des UN-Kinderhilfswerks UNICEF etwa 27 Prozent der öffentlichen Schulen kein fließendes Wasser und 78 Prozent besitzen weder Bibliotheken noch Computer. Die Analphabeten-Rate liegt bei sieben Prozent. Und die Schulgebühren werden für die Eltern immer höher, weil die Schulen stetig mehr Geld für die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Kinder ausgeben müssen. Die andere Möglichkeit der Schulbildung ist der Besuch einer Privatschule, die vorwiegend von weißen Kindern besucht werden. Von jenen nehmen 98 Prozent im Anschluss ein Universitäts- oder Hochschulstudium auf. Jedoch immer mehr im Ausland.

Klaffende Bildungsschere

Um die negativen Auswirkungen der Apartheid wenigstens etwas abzumildern, erhalten Kinder aus „benachteiligten Bevölkerungsgruppen“ finanzielle Unterstützung vom Staat und dies schon seit Jahren. Dennoch ist es kaum gelungen, die Bildungsschere zwischen „arm“ und „reich“ zu schließen.

Diese Tatsache weist darauf hin, dass sich das Bildungswesen in der Krise befindet. Internationale Organisationen stellten vor nicht allzu langer Zeit fest, dass Südafrikas Schulen auf Platz 117 von 144 Ländern beim Internetzugang in Schulen rangiert. Nur den 133. Platz errangen die Schulen bei der Qualität der Grundschulausbildung. Eine andere internationale Spezialorganisation stufte das allgemeine Bildungsergebnis als „poor“ ein. Und dies trotz relativ hoher Bildungsausgaben und staatlicher Unterstützung für viele Schulkinder. Das Dilemma, vor dem Südafrikas Gesellschaft steht, machen folgende Zahlen deutlich: Von den 1,2 Millionen im Jahre 2005 eingeschulten Kindern erreichten 2017 etwa 401000, das sind lediglich etwa 33 Prozent, nach zwölf Jahren die Landesabiturprüfungen (Matric), aber nur 161000 davon, das sind rund 29 Prozent, auch eine Punktezahl, die hoch genug ist, um sich mit Erfolgschancen um einen Universitätsplatz zu bewerben. Dabei sollte man beachten, dass Schulabgangszertifikate unter dem Niveau der Matric in der Bewerbungspraxis für Bildungszugänge praktisch wertlos sind.

Schlechte Lehrerausbildung

Ein ausschlaggebender Grund für die schlechten Schulleistungen ist nach internationalen Wirtschaftsexperten die schlechte Lehrerausbildung. Und damit sind wieder die Verhältnisse an den Universitäten angesprochen.

Für das Bildungssystem, verantwortlich für die Bereitstellung von Humankapital, wurde ein „delivery problem“ festgestellt, weil es nicht die Arbeitskräfte hervorbringt, die von der Wirtschaft benötigt und auch nachgefragt werden. Nicht allein deshalb, jedoch auch deswegen, liegt die Arbeitslosigkeit bei insgesamt 27 Prozent. Im Jahre 2017 betrug unter den 15- bis 25-Jährigen die Arbeitslosenquote sogar 53 Prozent. Die Rechnung ist einfach und liegt auf der Hand: Um die Arbeitslosigkeit abzubauen, gilt es, ein Wirtschaftswachstum von mindestens fünf Prozent, besser sechs Prozent zu erreichen, was indes bei gegenwärtig 0,9 Prozent Wirtschaftswachstum und einer Inflationsrate von etwa 5,3 Prozent (Stand 2017) illusorisch erscheinen lässt.

Dieses Paradoxon stellte jüngst auch Professor Brian Kantor, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der University of Cape Town, die im Weltranking 2018 als beste Universität des Landes abgeschnitten hat, fest: Während im Land eine wachsende Menge von Arbeitsplätzen für Hochqualifizierte nicht besetzt werden könne, wachse die Anzahl geringqualifizierter Arbeitssuchender für eine schrumpfende Menge von Arbeitsplätzen, die nur relativ geringe Qualifikationen erfordern.

Pessimismus und Zukunftsangst

Im Ergebnis gleiten immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit, in Existenzen in der informellen Wirtschaft und in die Kriminalität ab. Und die gut qualifizierten Arbeitskräfte, zumeist die weißen, jedoch nicht nur diese, verlassen das Land vor allem aus Angst vor den Folgen der „Transformation“, sodass sich Pessimismus und Zukunftsangst im Lande immer weiter verstärken. Nicht gerade günstige Bedingungen für ausländische Investitionen!

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich doch die Frage: Wäre es in Berlin nicht angeraten gewesen, statt über Wirtschaftskooperationen zunächst über Kooperationen in der Wissenschaft, der Hochschulbildung und des Bildungswesens zu debattieren?

Gastbeitrag von Ulrich van der Heyden

(Der Autor ist Dr. mult. und Gastprofessor an der University of South Africa, Pretoria)

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