14 September 2018 | Gesellschaft

Ende der medialen Anarchie

Eine Initiative, die Wissen schafft und vernetzt

Für beinahe jeden Menschen ist ein Leben ohne Medien – sei es die Zeitung oder das Smartphone – undenkbar. Besonders im Zeitalter der neuen Medien, sprich des Internets, hat sich eine mediale Abhängigkeit der Bevölkerung entwickelt. Sich in der Masse an Informationen zu Recht zu finden stellt eine große Herausforderung der modernen Gesellschaft dar, der sich ein Workshop nun angenommen hat.

Die Digitalisierung. Vor wenigen Jahren noch ein fremder Begriff, während sie heute unser aller Leben beeinflusst. Im Alltag ist die Technik, sind die neuen Medien nicht mehr wegzudenken – wodurch sich die Rolle vieler in kürzester Zeit wandelte: plötzlich war man nicht mehr nur Medienkonsument, sondern selbst Produzent – allerdings ohne das gelernte Handwerk, das sich Journalisten über viele Jahre antrainieren. Über den richtigen Umgang mit Medien, insbesondere den neuen Medien, wurde nie in irgendeiner Weise informiert – eine Art „mediale Anarchie“ trat ein. Jeder begann zu posten, „gefällt mir“ zu drücken und zu teilen, ohne sich den langfristigen Auswirkungen dieser Taten bewusst zu sein. Denn der richtige Umgang mit Medien ist nicht nur durch technische Kompetenz definiert, sondern auch durch Weitsicht und klaren Verstand.
Nun seien wir aber mal ehrlich: wie bewusst gehen wir mit den Medien um? Wie viele Gedanken wenden wir auf, bevor wir unsere Meinung kundtun, ein Bild posten oder einen Beitrag teilen? Die Antwort der meisten darauf lautet wohl: nicht sehr viele. Dabei ist der korrekte Umgang mit Informationen wichtig für eine funktionierende Gesellschaft – Beispiele wie die „Fake News“-Debatte rund um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigen, wie sehr unterschiedliche Wahrnehmungen der Nachrichten polarisieren können.
Um dem rasanten Tempo der Medien Schritt zu halten, startete das College of the Arts (COTA) in Windhoek vor drei Jahren eine Initiative namens MiLLi (Media and Information Literacy Learning Initiative). MiLLi heißt junge Menschen willkommen, die mehr über Medien lernen wollen –konkret nehmen diese an einem zehntägigen Workshop teil, in dem mit Hilfe eines intensiven Trainings Medienkompetenz geschult wird. So beginnt man in den ersten Tagen theoretisch: wie entstehen Medieninhalte, wer steckt dahinter und welche Interessen verfolgen die Initiatoren? Bevor man sich im Anschluss der praktischen Seite zuwendet und lernt, wie qualitative Inhalte geformt werden und worauf es dabei ankommt. Die Teilnehmer haben dabei die Möglichkeit je nach Interesse zwischen einem Video-, Audio-, Fotografie- oder Musik-Workshop zu wählen.
Joost van de Port, Leiter des Lehrstuhls für Medien, Kunst und Technologie am COTA, veranstaltet schon seit 18 Jahren ähnliche Workshops, in denen der praktische Umgang mit Medien gelehrt wird. Dort erkannte er klaffende Lücken im Grundverständnis der Teilnehmer und beschloss, dass ein solides Grundverständnis der Medien heutzutage unabdingbar ist. „Schaut man sich die Mediennutzung von vor fünf Jahren an, stellt man fest, wie massiv sich diese verändert hat. Zwischenzeitlich wurden wir selbst Medienproduzenten. Was allerdings fehlt ist die Professionalität: Verständnis dafür, was es bedeutet, Informationen in die Welt zu senden“, so van de Port. Gerade wegen der sozialen Medien sei es unabdingbar, sich den Dimensionen seines Handelns bewusst zu sein und die Inhalte, die man rezipiert, einordnen zu können. Mit dieser Erkenntnis kam die Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle Akademie in Gang, in der das COTA den passenden Partner für MiLLi fand. Die Workshops seien sowohl theorie- aber auch praxisorientiert, denn man wachse mit der Übung, erklärt Silvia Bräsel, die als Trainerin für die deutsche Welle Akademie arbeitet. Für ihren Job reist sie seit 15 Jahren durch die Welt, Namibia besucht sie drei Mal im Jahr. „MiLLi ist eines unserer größeren Projekte“, erzählt Bräsel. Die Theoriekomponente sei als Arbeitsgrundlage notwendig; etwas selbst zu entwickeln, schärfe jedoch den Blick dafür, wie viel Arbeit in einem einzelnen Beitrag stecke.
Und so war Bräsel in Zusammenarbeit mit dem COTA maßgeblich daran beteiligt, einen Lehrplan zu erstellen, der durch ein Herausstellungsmerkmal geprägt ist. Denn die MiLLi-Teilnehmer gehen nach den zehn Tagen des Workshops nicht einfach nur zurück nachhause: im Optimalfall geben sie das Gelernte an Menschen in ihren Heimatorten weiter.
Das besondere an MiLLi ist nämlich, dass jeder Teilnehmer innerhalb des Workshops selbst zum Lehrer wird. Ziel dessen ist es, ein Netzwerk aus jungen Moderatoren zu bilden, die das Erlernte in alle Ecken Namibias tragen. Auch Farrah nahm vergangenes Jahr an MiLLi teil – mittlerweile hat sie selbst fünf Projekte geleitet und ihr Wissen an insgesamt 50 Menschen in ihrer Heimatregion weitergegeben. Damals ermutigte sie ihr Chef, an MiLLi teilzunehmen, um ihre eigenen Fähigkeiten zu erweitern, erinnert sich Farrah. „Es war einfach eine total andere Welt, die ich während des Workshops kennenlernte“ – erzählt sie – „zuvor nahm ich einfach ein Bild auf, ohne mir irgendwelche Gedanken zu machen. Dass jedes Foto eine gewisse Nachricht vermittelt, war mir damals nicht bewusst.“ Seither habe sich ihr Internetverhalten völlig verändert, so Farrah. Bevor sie etwas poste überlege sie sich, welchen Zweck dieser Post erfülle und weshalb sie gerade eigentlich das Bedürfnis habe, sich mitzuteilen. Sie gerate heute oftmals in Debatten mit Freunden und Bekannten, weil „sie einen Vorhang vor den Augen haben, der blind macht.“ Diese Debatten motivieren sie allerdings, weiterzumachen, sagt Farrah selbstsicher und ist damit das perfekte Exempel dafür, was der MiLLi-Workshop bezwecken soll: mehr Bewusstsein im täglichen Umgang mit Medien bilden – und nicht davor zurückschrecken, andere zu belehren.
„Dies ist die Schönheit, die das Projekt in sich trägt: MiLLi ist eine Initiative von Namibiern für Namibier – mit qualitativem, externen Fachwissen“, so van de Port. Es beziehe die abgelegenen Regionen Namibias mit ein und wirke der Zentralisierung der Medien entgegen, die sich zumeist nur auf Windhoek konzentrieren, meint van de Port. „Unser Projekt gibt den Menschen Ressourcen und Fähigkeiten mit auf den Weg, die aktuell nur wenig gehört werden“, erklärt er weiter. In den ländlichen Regionen Namibias sei das Radio in vielen Fällen die einzige Möglichkeit, sich zu informieren – auf der Kehrseite erfahren die Menschen dort nicht die Dinge, die für sie relevant seien. Entwickle sich MiLLi weiter, könnten Korrespondentennetze entstehen, die es ermöglichen, ganz Namibia in die Nachrichtenwelt zu inkludieren – dies sei ein Langzeitziel der Initiative, so van de Port. Zudem wolle man die thematische Vielfalt der Workshops erweitern, beispielsweise einen Kurs für soziale Medien anbieten.
Denn neue Medien werten unser Leben auf, eröffnen Möglichkeiten, die vor noch nicht allzu langer Zeit undenkbar waren. Die Masse an Menschen, die durch sie erreicht werden kann, ist unvergleichbar zu bisherigen Arten der Kommunikation. Genauso groß kann jedoch der Schaden sein, wenn sie nicht durchdacht verwendet werden. Jungen Menschen mehr mediales Bewusstsein mit auf den Weg zu geben, ist ein Schritt in Richtung einer aufgeklärten Gesellschaft, die für ihre Meinung einsteht – auch wenn sie auf ihrem Weg über die ein oder andere Hürde springen muss.

Von Caroline Niebisch

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