14 Mai 2020 | International

Eltern, Handy, Kind - Die verhängnisvolle Affäre mit dem Smartphone

Hallo, ist da jemand? Gerade die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind extrem wichtig für die Bindung zu den Eltern - und auch für die Bindungsfähigkeit im späteren Leben. Wenn Mama oder Papa ständig mit dem Handy hantieren, kann das gravierende Folgen haben.

Karlsruhe (dpa) - Eine junge Mutter schaut in der S-Bahn auf ihr Handy, während ihr Baby im Kinderwagen vergeblich ihren Blick sucht. Auf dem Spielplatz sitzen Eltern auf der Bank und sind mit ihren Handys beschäftigt, anstatt auf die Dreijährige zu schauen, die von der Rutsche aus beifallheischend zu ihnen hinüberblickt. Im Fastfood-Restaurant sitzt ein Kleinkind auf dem Hochstuhl und würde Papa gerne eine zermatschte Pommes abgeben, wenn der nicht vom Handy absorbiert wäre. Alltagsszenen sind das, leider normal.
Die Folgen für die Entwicklung und die Bindungsfähigkeit von kleinen Kindern sind nach Expertenmeinung erheblich. Beim sogenannten Still-Face-Experiment forderten Forscher beispielsweise die Mutter auf, mit plötzlich versteinertem Gesicht nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Resultat: Die Babys gerieten in großen Stress und versuchten mit Strampeln, Armwedeln und schließlich Weinen die Zuwendung der Mutter wiederzubekommen.
„Ähnliche Reaktionen könnte der ständige Blick aufs Smartphone auslösen. Säuglinge könnten resignieren, weil die Lebendigkeit der Mimik fehlt und permanent dem Smartphone zugerichtet ist“, schreiben Schweizer Forscherinnen, darunter Agnes von Wyl, in dem Aufsatz „Der Blick zum Säugling – gestört durch Smartphones?“.
Von Wyl forscht an der Züricher Hochschule Angewandte Psychologie (ZHAW) und hat zur Untermauerung dieser Hypothese gerade eine Studie mit dem Titel „Smart Start“ abgeschlossen. „Die Hauptfragestellung ist, ob die Smartphone-Nutzung der Eltern einen Einfluss auf die Eltern-Kind-Interaktion und somit auf die Entwicklung des Kindes hat – insbesondere die Bindung“, sagt sie. Die Daten werden ihren Worten zufolge gerade ausgewertet und erste Ergebnisse in den nächsten Wochen publiziert. Am Institut Early Life Care in Salzburg wurde dazu die Smart.Baby-Studie gestartet, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt.
Ansonsten sieht es mit Studien diesbezüglich nach Worten der Wissenschaftlerin Sabina Pauen mau aus. Eindeutig ist für die Entwicklungspsychologin an der Universität Heidelberg aber eines: „Wenn das Kind eine sichere Bindung hat, dann sucht es immer wieder den Kontakt“, sagt sie. Hat die Mutter aber einen teilnahmslosen Blick - etwa weil sie psychisch krank ist oder das Kind wegen des Handys dauernd ignoriert - dann stelle man bei diesen Kindern schon im Alter von vier Monaten fest, dass sie den Blick vermeiden. „Sie lernen, "es ist unangenehm, wenn die Mutter nicht zurückschaut, also schaue ich lieber nicht hin"“, erklärt die Forscherin. „Schon ganz kleine Kinder resignieren dann.“
Das sieht Till Reckert, Kinderarzt und Medienreferent im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ähnlich. „Die kleinen Kinder erleben etwas, dass sie mutmaßlich nicht verstehen: Die erwachsene Bezugsperson ist körperlich da, seelisch aber nicht.“ Er hat nach eigenen Worten „Sorgen, wenn die heute sehr früh an das Handy gewöhnte Generation Eltern wird.“ Denn je mehr das Handy „angewachsen“ sei, desto eher behindere es bei der nötigen Präsenz für die Kindererziehung der nächsten Generation.
Schon die im Mai 2017 vorgestellte BLIKK-Medienstudie warnte: „Wenn der Medienkonsum bei Kind oder Eltern auffallend hoch ist, stellen Kinder- und Jugendärzte weit überdurchschnittlich entsprechende Auffälligkeiten fest.“ So komme es zu Fütter- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter digitale Medien während der Versorgung des Babys nutze - ein erster Hinweis auf eine Bindungsstörung.
Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt, dass Kinder im Alter bis zu drei Jahren überhaupt keinen Zugang zu Bildschirmmedien bekommen – „dem würde ich mich unbedingt anschließen“, sagt BVKJ-Experte Reckert. In seiner Praxis beobachtet er kleine Patienten, die ein angestrengtes, desorganisiertes Verhalten an den Tag legen und sich schlecht beschäftigen können. „Kinder aber, die etwas medienferner aufwachsen, können aus den kleinsten Dingen was machen“, sagt er.
Eltern-Bashing liegt Reckert dabei fern. Von Plakaten etwa mit der Aufschrift „Heute schon mit Ihrem Kind gespielt?“, die das Stuttgarter Sozialministerium im vergangenen Jahr vorstellte, hält er wenig. Das stigmatisiere Eltern und sei nicht hilfreich. Es sei aber problematisch, wenn Eltern ihr Kind mithilfe eines Smartphones ruhigstellten. Schon kleine Kinder seien durch das Gerät regelrecht behext. „Es ist babyleicht, damit umzugehen. Aber es tut ihnen nicht gut.“
Auch Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung Köln und Mitverfasser der BLIKK-Studie, unterstreicht: „Säuglinge brauchen die Nähe der Eltern und deren Blickkontakt. Das ist unersetzlich, um unter anderem das Urvertrauen mit aufzubauen“, sagt er. „Der allgegenwärtige Zugang zu digitalen Medien ist das größte In-Vivo-Experiment, das jemals stattgefunden hat. Wir wissen derzeit nicht, wie sich das auf uns Menschen in 20 oder 30 Jahren auswirken könnte.“
Was tun? „Das Thema wird total unterschätzt, wir brauchen unbedingt Aufklärung“, sagt Pauen. Wie Riedel schlägt auch sie vor, dass werdende Eltern bereits während der Schwangerschaft von Gynäkologen und Hebammen für das Thema sensibilisiert werden. Sonst könnten bei den Kindern später Konzentrationsstörungen, Empathiemangel oder Defizite bei der Aufmerksamkeitsentwicklung die Folge sein. „Und erst wenn es zu spät ist, kommen die Eltern dann zum Kinderarzt.“

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