23 November 2018 | Kultur & Unterhaltung

Eine Stimme für Frauen

In ihrer Kindheit in Namibia hatte Naomi Beukes kein Mitspracherecht. Heute, als erfolgreiche Filmschaffende, ist ihre Stimme lauter denn je – und sie nutzt sie, um auf Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, denen Frauen auf der ganzen Welt gegenüberstehen. Gerade hat sie in Rehoboth eine weitere Folge ihrer Web-Serie gedreht.

Von Antonia Hilpert, Windhoek

„Mädchen und Frauen, die geschlagen oder vergewaltigt wurden, mussten sich dafür entschuldigen, dass es überhaupt so weit gekommen war, und wurden einfach wieder weggeschickt“, erinnert sich Naomi Beukes an ihre Kindheit im namibischen Rehoboth. Ihr Vater, ein christlicher Pfarrer, war Anlaufstelle für viele verzweifelte Frauen und Kinder. Echte Hilfe sei den Opfern damals aber nicht angeboten worden, so Beukes. „Man sprach damals einfach nicht über Gewalt gegen Frauen.“ Traurig fügt sie hinzu: „Und ich durfte auch nie etwas sagen, wenn mein Vater Besuch hatte, sondern wurde ins Bett geschickt. Die Regeln zu Hause waren streng.“

Heute lässt sich Beukes den Mund nicht mehr verbieten. Mittlerweile lebt und arbeitet die 52-Jährige als Autorin und Regisseurin in Berlin. Ihr aktuelles Projekt ist die Web-Serie „The Centre“. Drei Episoden gibt es bereits – „I’m Still Down Here“, „What to do with the Silence” und „Another Day in Paradise“ sind auf der Videoplattform YouTube zu sehen. Derzeit arbeitet die Regisseurin an Folge Nummer vier.

Eigene Erfahrungen eingebracht

In „The Centre“ geht es um das Leben und Lieben von Afrikanerinnen in Berlin und wie sie das Leben zwischen den Kulturen meistern. Die Protagonisten sind zum einen die namibische Sozialarbeiterin Leoni, die von Beukes selbst gespielt wird, und deren Lebensgefährtin, die Ärztin Dr. Jessi Matthews (Birgit Stauber). Leoni hat in Berlin „The Centre“ eröffnet, eine Beratungsstelle für Frauen.

Gewalt gegen Frauen ist eines der Hauptthemen, die in „The Centre“ aufgegriffen werden. Dabei bringt Beukes eigene prägende Erfahrungen ein: einerseits aus ihrer Kindheit, als sie viele leidvollen Geschichten von Frauen und Mädchen in ihrem Umfeld mitbekam. Andererseits reichert sie ihr Drehbuch aber auch mit Erlebnissen als Migrantin in Deutschland an.

„Männer sind einfach gegangen“

„Ich wollte schon immer über den sozialen Stand von Frauen in unserer Gesellschaft schreiben“, erinnert sich Beukes. Sie hat an der Universität von Namibia (UNAM) Schauspiel studiert. Danach arbeitete sie beim namibischen Nationaltheater. Zuerst kochte sie nur Kaffee und putzte die Bühne, später stieg sie zur Bühnenmanagerin auf. Irgendwann begann Beukes damit, eigene Stücke zu schreiben. Später ermutigte sie als Lehrerin an der Internationalen Schule in Windhoek ihre Schüler dazu, mit ihren Theaterstücken auf offener Straße vor der Schule oder vor Kirchen aufzutreten. „Damals - das war in den 90er Jahren - hat das die meisten Männer überhaupt nicht interessiert. Und wenn sie doch kamen und feststellten, dass das Stück von einer Frau geschrieben war, sind sie einfach aufgestanden und gegangen“, erinnert sich die Filmschaffende. „Frauen hatten nichts zu sagen, auch nicht in Form eines Theaterstücks.“

Schwierigkeiten mit deutschen Behörden

Durch ihren damaligen Mann kam Beukes schließlich nach Deutschland. Seit 23 Jahren lebt sie mittlerweile in Berlin. Dort arbeitet sie momentan als Lehrerin an einer internationalen Grundschule und gibt unter anderem Musik- und Theaterunterricht. Auch in ihrem neuen Leben wurde sie mit einer Menge an Schwierigkeiten konfrontiert. „Die Art und Weise, wie mich die Mitarbeiter der deutschen Behörden übergangen haben, hat mich sehr geärgert“, erzählt sie. „Sie schauten immer meinen damaligen Mann an und sprachen mit ihm, obwohl ich eine Frage gestellt hatte und es um meine Dokumente ging.“

Diese Erfahrungen als Migrantin in Berlin verarbeitet Beukes beispielsweise in der Episode „I`m Still Down Here“, in der eine unnachgiebige, strenge Mitarbeiterin der Ausländerbehörde Leoni das Leben schwer macht. „Die Themen quellen alle aus mir heraus“, sagt sie.

In dieser ersten Folge von „The Centre“ geht es um ein junges Mädchen, das lesbisch ist. Ihre religiöse Familie ist strikt gegen die Beziehung der jungen Frau und misshandelt sie. Diese Form von Gewalt hat Beukes auch in ihrem Umfeld erlebt: eine ihrer Freundinnen wurde geschlagen. Um die Misshandlungen zu zeigen, nutzt Beukes in ihrer Webserie die Figur Dr. Jessi, die als Ärztin nah an die Menschen herankommt.

„Frauen haben einen anderen Blick“

Richtig erfolgreich war dann die dritte Episode „Another Day in Paradise“. Das Team um Beukes erntete weltweit mehrere Auszeichnungen, darunter in Los Angeles als „Bestes Duo“, „Beste Schauspielerin“ und „Bestes Drama“. Durch diesen Erfolg hat Beukes für die kommende Episode nun finanzielle Unterstützung von der Namibischen Filmkommission erhalten.

„Wir fanden den plötzlichen Erfolg bemerkenswert, da dies die erste Folge war, bei der auch die Regisseurin eine Frau war, nämlich Jana von Hase“, erzählt Birgit Stauber, die Dr. Jessi spielt. Sie stellt fest, dass die Zusammenarbeit hier meist ohne viele Worte gelang: „Manche Dinge musste man da nicht erklären, Frauen haben einfach einen anderen Blick für diese Geschichten.“ Auch Stauber setzt sich übrigens engagiert für Gerechtigkeit für Frauen ein. Sie ist Vorstandsmitglied der Initiative „ProQuote Film“, die zehn zentrale Forderungen in der Filmbranche stellen: Dazu gehören die Vergabe von 50% aller Fördergelder an Frauen, Genderkompetenz an der Führungsspitze und die Vergabe von 50% aller Rollen an Frauen - als Spiegel der diversen Gesellschaft.

Das Hauptthema der vierten Folge der Web-Serie ist „Verbrechen aus Leidenschaft“: Wendy wird von ihrem Exfreund ermordet, weil sie eine lesbische Freundin hat. Für den Dreh sind Beukes und Stauber Ende Oktober nach Namibia gereist, um in der Gegend rund um Rehoboth zu drehen. Denn in „The Wind on your Skin“ will die Ärztin Jessi wieder in Namibia arbeiten, was einen Streit mit Leoni zur Folge hat. Die schlägt sich indessen mit den deutschen Behörden in Berlin herum, um Frauen zu helfen, die im „Centre“ Schutz gesucht haben.

Viele Emotionen in Namibia

„Der Dreh in Namibia war eine Herausforderung“, so Stauber. „Dass man tatsächlich Sicherheitspersonal braucht, weil man mit Filmequipment unterwegs ist, das kennt man in Europa nicht.“ Auch das Wetter machte es den Schauspielern nicht leicht. „Wir mussten wegen der heißen Temperaturen und wegen des Lichts um die Mittagszeit oft schon um vier Uhr morgens aufstehen, damit die Szenen bis dahin im Kasten sind. Und eine Leiche mit offenen Augen zu spielen, ist bei aller Schauspielkunst in dem grellen Licht Namibias einfach nicht möglich.“

Für Beukes ist ihr Heimatland natürlich ein ganz besonderer Drehort. „Es war sehr emotional und ich freue mich sehr zurück zu sein, aber das Leben in Berlin ist für mich als Frau besser“, urteilt sie. Sie fühle sich gleichzeitig ein bisschen „schuldig“ ihrer Familie gegenüber, weil sie das Privileg genießen dürfe, die Welt aus einer anderen Perspektive gesehen zu haben. „Ich stehe irgendwie außen vor - bin nicht mehr wirklich Teil ihrer Kultur“, fasst sie zusammen.

Dennoch liegt Beukes ihre Heimat sehr am Herzen. Sie hofft, mit „The Centre“ auch Namibier zu inspirieren sich mit Tabuthemen auseinandersetzen und Frauen dazu zu ermutigen, zu ihren Rechten zu stehen. Die vierte Folge „The Wind on your Skin“ soll zunächst auf einigen Festivals gezeigt werden, bevor sie im Internet dann wohl ab Mitte 2019 verfügbar sein wird.

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