03 Mai 2012 | Freizeit

Eine deutsch-namibische Traumhochzeit

Ein bisschen mulmig war ihm da schon zumute, und eigentlich kam es ihm ja auch überhaupt nicht mehr zeitgemäß vor als er zu den männlichen Familienmitgliedern seiner Auserwählten einberufen wurde, um nun endlich den Brautpreis zu verhandeln. Er wurde zwar von Freunden und Kennern dieser namibischen Tradition darauf vorbereitet, doch es in Realität selbst zu erleben, stellte nochmals eine ganz besondere Herausforderung dar. Da wurde dann alles in die Waagschale geworfen und gegeneinander abgewogen. Egal ob es ein Hochschulabschluss war, was den Preis astronomisch in die Höhe trieb oder aber ein Kind, das mit in die Ehe gebracht wurde, was wiederum das Brautgeld in bezahlbare Gegenden zurückbrachte. Seine Frau sitzt bei seinen Erzählungen scheinbar teilnahmslos daneben, die Riten und Traditionen sind ihr bis zu einem bestimmten Maß sehr vertraut und ihre Planungen zum Gelingen der deutsch-namibischen Hochzeit im Vorfeld waren von bedeutendem Ausmaß. Akribisch wurde jedes Detail auch des dritten Hochzeitkleides ausgesucht und seiner Bedeutung zugeordnet. Anders sollte sie sein, als die sonst von ihr so oft erlebten traditionellen Hochzeiten, die doch so europäisch waren, denn schließlich sind die beiden auch kein alltägliches Paar: Na-thalia Deppe ist Namibierin durch und durch, Tochter von Menschen, die Exil, Leid, Elend aber auch Befreiung erlebt haben und selbst aufgewachsen in einem großen Familienverbund im Caprivi; Magnus, ihr nun Anvertrauter, ein Sohn des hohen deutschen Nordens: Geboren und aufgewachsen in Bremen, gelernter Erzieher und Diakon, seit fast drei Jahren nun als Jugenddiakon bei der deutsch-evangelischen lutherischen Gemeinde in Windhoek, zuständig u.a. für Kinder-, Jugendgruppen und Konfirmandenunterricht. Über ihr Kennenlernen schweigen sie sich schmunzelnd aus, schnell war aber klar: wenn wir als deutsch-namibisches Paar eine Zukunft haben wollen, dann müssen wir heiraten. Anders konnten sie sich ihre Beziehung beide nicht vorstellen. Im Januar dieses Jahres war es dann soweit.

Die engsten Freunde und Familienmitglieder von Magnus reisten an, während in Katima Mulilo die Hochzeitsvorbereitungen bereits auf Hochtouren liefen. Ein Rind von Nathalias Vater war im Vorfeld geschlachtet und verarbeitet worden, die traditionellen Kostüme für die Familienmitglieder von Braut und Bräutigam und dem Brautpaar selbst angepasst und die örtliche Halle in Ka-tima Mulilo der namibischen Universität für die rund 300 erwartete Gäste hergerichtet. Bereits in Windhoek war einige Wochen zuvor die Küchenparty zelebriert worden, die die Einführung der Braut als Hausfrau und Mutter durch erfahrene, verheiratete Frauen zum Hintergrund hat. 30-40 Frauen tummelten sich bei dieser namibischen Art der Haushaltsschulung und Nathalia bekam manch nützliches Haushaltsgerät, inklusiver einer heiß erwünschten Mikrowelle geschenkt plus umfangreicher Erklärungen ihrer zukünftigen Rechte und Pflichten als verheiratete Frau. Männer waren dabei unerwünscht bis auf einen Auftritt des Bräutigams zu einem verabredeten Zeitpunkt vor versammelter Frauen-Mannschaft. Dieser musste nun vor kritischen Augen zeigen, dass die Ausgesuchte auch seine Auserwählte darstellt und er sie nicht nur am liebreizenden Anblick des Gesichts erkennt, sondern auch an den Füßen, die ja bekanntlich auch durch die Ehe tragen sollen. Der Versuch glückte, Magnus konnte aufatmen. Nachdem er Nathalia dann in Katima Mulilo auch erfolgreich aus ihrer Familie loskaufen konnte, war klar: alles ist bereit für eine Hochzeit vor dem Standesbeamten. Kein geringerer als Bischof Hertel, Vorgesetzter Magnus' und gleichzeitig vereidigter namibischer Standesbeamter führte die Zeremonie durch, zu der Nathalia ihr erstes Hochzeitsoutfit trug, ein maßgeschneiderter Traum in Weiß. Bis zur Brautschleierlüftung war die ganze Sache dann eine ernste Angelegenheit. Ohne ein Anzeichen der Freude wird Nathalia von ihrem Vater zu ihrem Mann, der geleitet durch seinen Onkel von der entgegengesetzten Seite die Halle betrat, gebracht. Warum das so ist, weiß wohl niemand.
Es gibt wohl diverse Gründe dafür, so Nathalia. Mit der Hauptgrund wird wohl sein, dass die Ehe als eine ernste Angelegenheit angesehen werden soll und sich dies durch die Mimik und Körperhaltung des Brautpaares widerspiegeln sollte. Vorneweg traditionell gekleidete Tänzer, die stimmungsvoll in die Zeremonie einführten. Mit dem gemeinsamen Durchtrennen eines roten Bandes und durch die Lüftung des Schleiers war es nach der offiziellen Unterschriftsleistung vor dem Standesbeamten dann soweit. Die Ehe war geschlossen, das Fest konnte beginnen, zu dem das Brautpaar dann mit anderer Kleidung erschien. 300 Gäste mussten nun mit einem heißen Essen verköstigt werden. Eine kleine logistische Meisterleistung, der sich die Familie von Nathalia annahm und eine von allen willkommene Mischung europäischer und traditioneller caprivianischer Speisen zauberte. Neben viel Fleisch und Fisch wurde als caprivianische Spezialität Wasserlilie serviert. Den Gästen von nah und fern schmeckte es, insbesondere auch den weitgereisten aus Deutschland. Die fühlten sich wohl eh von Beginn an pudelwohl, wurden sofort als Teil der Familie aufgenommen und mit viel Herzlichkeit in die doch manchmal fremd anmutenden Riten und Gebräuche eingeführt. Passende Kleidung inklusive, deren Stoff aus bunten Kreisen, die miteinander verbunden waren dafür stehen, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Familien als eine auseinander gehen werden.

Dazwischen drin dann immer wieder traditionelle Tänze, zu dem geschickt der Zeremonienmeister, der bei keiner namibischen Feierlichkeit fehlen darf, eine Einweisung auf Englisch und Selesi gab. Auf Alkohol wartete so mancher Gast an diesem Tag vergeblich. "Viele namibische Brautpaare entschließen sich mehr und mehr, ihre Hochzeit ohne alkoholische Getränke zu gestalten", so Magnus und Nathalia. "Wir wollten einen Freudentag mit Freunden und Familie verbringen und die Feier nicht in Alkohol ertränken."
Dann endlich das Highlight, das auch in Namibia auf keiner Hochzeitsfeierlichkeit fehlen darf und bereits vier Tage Kofferraumpartie über manch namibische Schlaglochpiste hinter sich hatte: der Hochzeitskuchen. Dreistöckige Windhoeker Konditorenkunst, dick mit Zuckerguss beschmiert, um ihn vor dem Austrocknen zu bewahren und mit schmuckem Zierrat dekoriert, musste er vom Brautpaar angeschnitten werden. Das Messer dazu wurde von Nathalias 13jähriger Cousine in den Kreis der Feiernden getanzt. Überhaupt wurde viel getanzt. Sowohl vor den Gästen als auch gemeinsam mit ihnen. Selbst die Geschenke wurden tanzenderweise überbracht. Im Hause Deppe wird es von nun an nie wieder an Gläsern fehlen, ein beliebtes Hochzeitsgeschenk, das Magnus und Nathalia in unzähliger Auflage geschenkt bekamen. Doch damit noch nicht genug, denn schließlich fehlt noch ein letzter traditioneller Ritus. Nach der gemeinsam verbrachten Hochzeitsnacht pilgern normalerweise enge Familienmitglieder zur Hütte der Brautleute, um den Bräutigam nach seiner Meinung zu fragen. Gefällt ihm seine anvertraute Ehefrau nun aus vorher nicht bekannten Gründen plötzlich nicht mehr, kann sie hier der Herkunftsfamilie wieder zurückgegeben werden. Die namibische Form einer möglichen Ehe-Annulierung. Für Magnus jedoch zu viel des Guten an caprivianischer Tradition und mit viel Zureden konnte Nathalias Familie überredet werden, doch diesen Teil der Eheschließung zu überspringen. Einig sind sich aber beide: es war toll und einzigartig. Eine echte deutsch-namibische Traumhochzeit, die mit der kirchlichen Eheschließung in Deutschland Mitte April ihre Vollendung gefunden hat.

Simone Schickner

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