28 Mai 2021 | Natur & Umwelt

Ein Spagat zwischen Nachhaltigkeit und Kommerz

Die GIZ unterstützt die Verwertung des namibischen Busch-Überschusses

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ist in Namibia mit einem Projekt beauftragt, das die Verbuschung des Graslandes in Namibia aufhalten und gleichzeitig die Wirtschaft durch kommerzielle Nutzung der Biomasse ankurbeln soll. Was in Namibia sowohl bei Wirtschaftsvertretern als auch Farmern und Umweltverbänden auf Unterstützung trifft, hat bei einigen deutschen Umweltschützern zuletzt heftige Kritik ausgelöst. Zu Unrecht?

Von Katharina Moser, Windhoek

Das Projekt „Bush Control and Biomass Utilisation“ wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt und will Buschkontrolle mit der Nutzung von Biomasse verbinden. Unter der Kommission des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert das namibische Ministerium für Umwelt, Forstwirtschaft und Tourismus das Ausdünnen von Buschland und die wirtschaftliche Verwertung der Biomasse. Die GIZ hat dabei die Beratungsfunktion, sowohl gegenüber dem Umweltministerium, als auch gegenüber den teilnehmenden Farmern inne und schafft die notwendigen behördlichen Strukturen. Das seit 2014 laufende Projekt hat zur Schaffung 5 000 neuer Arbeitsplätze in der Biomasseindustrie beigetragen, inzwischen sind 11 000 Namibier angestellt. Mehr als 600 Farmer wurden nach Angaben der GIZ in nachhaltiger Buschernte und -verarbeitung weitergebildet. In Zusammenarbeit mit dem Forest Stewardship Council (FSC) wurde die Fläche des zertifizierten Landes von 0,2 Millionen auf 1,6 Millionen Hektar erhöht.

Das Ziel ist, den Busch auf dem früheren Grasland gezielt auszudünnen und die gewonnene Masse in Produkte wie Holzkohle, Pellets oder Viehfutter umzuwandeln. Die Farmer können so die Ertragfähigkeit ihres Landes erhöhen und gleichzeitig Profit durch den Vertrieb der Biomasse verdienen. Die Biomasse wird zunächst lokal vermarktet, als Feuerholz, Zaunmaterial und auch als thermische Energie. Zahlreiche Unternehmen, darunter die Brauerei in Windhoek, sind auf namibische Holzhäcksel als Energiequelle umgestiegen. International wird vor allem Holzkohle exportiert. Namibia hat sich, so die GIZ, mit seiner besonders nachhaltigen Kohle als zuverlässiger Lieferant erwiesen.

Hamburg als Zielmarkt

Angedacht war jüngst eine Partnerschaft mit der deutschen Hafenstadt Hamburg: Namibische, aus Busch gewonnene Holzschnitzel sollen nach Hamburg geliefert und in Fernwärme umgewandelt werden. Die Idee: Im Überfluss vorhandene Ressourcen in Namibia in eine neue Energiequelle umzuwandeln und so gleichzeitig die namibische Wirtschaft zu fördern wie auch das deutsche Energieproblem anzugehen. Ausgegangen war der Vorstoß von der Stadt Hamburg selbst, die bei einer Besuchsreise namibischer Akteure Kontakte mit der Industrie geknüpft hatte.

Diese Idee hat eine heiß geführte Debatte in Deutschland ausgelöst. Einige deutsche Umweltschützer, darunter vor allem Vertreter der Organisation Robin Wood, kritisierten, man beraube Namibia seiner Ressourcen, holze wertvolle Baumbestände ab und verschärfe den CO2-Ausstoß. Robin-Wood-Sprecherin Ute Bertrand ging gar so weit zu sagen: „Wenn wir für warme Wohnzimmer hier in Hamburg die Ökosysteme Namibias verheizen, ist das klimaschädlich, gefährdet die Artenvielfalt und ist unfair.“ Tatsächlich sollten „mal wieder Ressourcen des globalen Südens ausgebeutet werden, um den unersättlichen Rohstoffhunger von reichen Industrieländern im Norden zu stillen“. In einem offenen Brief richtete die Organisation das Wort an den deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller. Die GIZ propagiere die industrielle Abholzung einer etwa 30 Millionen Hektar umfassenden Fläche in Namibia. Das Projekt sei keine Partnerschaft, sondern eine Wiederholung „kolonialer Muster“, und dies „ausgerechnet in der Region, in der während der deutschen Kolonialherrschaft der Genozid an 75000 OvaHerero und Nama stattfand.“ Diesem Shitstorm eines deutschen Dogmatismus begegnen die meisten in Namibia nur mit Kopfschütteln.

Unzutreffende Argumente

Denn derartige Vorwürfe sind bei genauerer Betrachtung kaum haltbar. Bei der Verbuschung in Namibia handelt es sich keinesfalls um wertvolle Baumbestände, da es sich nicht um Wald, sondern um Grasland handelt (AZ berichtet auf Seite 1). Zu viel Busch bedeutet abnehmende Artenvielfalt, Bodenerosion, Grundwasserverluste – und vor allem Habitat-Entzug für einheimische Arten wie Geparden. Je mehr die Verbuschung zunimmt, desto weniger Lebensgrundlage bleibt grasendem Wild und dementsprechend der gesamten folgenden Nahrungskette. Dies ist auch der Grund, warum lokale Umweltverbände wie der Namibian Nature Fund oder die Cheetah Conservation Fund hinter dem GIZ-Projekt stehen.

Die Unterzeichner des offenen Briefes argumentieren: „Erstens wird dabei außer Acht gelassen, dass schlechtes Weidelandmanagement und Überweidung zentrale Triebfedern der Verbuschung darstellen; es findet also kein ursächlicher Problemansatz statt. Zweitens beschreibt die aktuelle auf Ökosystemfunktionen ausgerichtete Fachliteratur, dass Verbuschung und Verwaldung von semi-ariden Savannenflächen nicht zwangsläufig nur negative, sondern durchaus positive Auswirkungen auf Bodenfruchtbarkeit, Nährstoffzyklen, Bodenorganismen, Produktivität, Biodiversität und Kohlenstoffsequestration haben kann.“ Diese Aussagen müssen bei genauerer Untersuchung der Projektziele als falsch abgetan werden: Die Manager und Berater des Projekts erkennen durchaus an, dass Verbuschung ein menschengemachtes Problem ist, und wollen Missmanagement und Landausbeutung mit Weiterbildungsmaßnahmen und Zertifizierungsinitiativen begegnen.

Einzigartiges Ökosystem

Dass Verbuschung positiv sein kann, bezweifelt die Namibian Nature Foundation (NFF). Sie sah sich angesichts der Proteste aus Deutschland zu einer Erklärung gezwungen. „Namibische Ökosysteme sind fundamental verschieden von den europäischen. Was in dem Protestschreiben deutlich wird, ist ein grundsätzliches Unverständnis von Namibias semi-ariden Systemen und von Verbuschung“, so die NNF. Unter Berufung auf zahlreiche, größtenteils industrie-unabhängige Studien legt sie dar, dass Verbuschung durchaus fatal für die Ökologie und somit die Fauna und Flora des Landes ist. „Buschausdünnung ist eine wichtige Maßnahme, um die Verluste der Biodiversität zu reduzieren, sich an den Klimawandel anzupassen und Ernährungssicherheit zu gewährleisten.“

Dem ehemaligen Leiter von NNF, Dr. Chris Brown – jetzt Vorsitzender der Namibischen Umweltkammer (NCE) –, wurde von deutschen Aktivisten vorgeworfen, Diskussionen zu unterdrücken und namibische Umweltschützer einzuschüchtern. Seitdem sind viele in Namibia vorsichtig, sich allzu kritisch gegenüber den Protesten zu äußern. Dabei ist den meisten hier klar, dass Buschkontrolle die einzige für Namibia nachhaltige Maßnahme sein kann. „Es ist gegen das Prinzip von Klimagerechtigkeit, Maßnahmen gegen den Klimawandel nun Namibia aufzuerlegen, obwohl das Problem doch wo anders verursacht wurde“, so Mirja Stoldt, eine Mitarbeiterin von NNF, im Gespräch mit der AZ. Denn das fordern die deutschen Aktivisten: Verbuschung einfach zuzulassen und die Savannen überwuchern zu lassen, um Emissionen zu verhindern.

Haken, der keiner ist

Einen Haken hat die Nutzung von Biomasse aus Busch tatsächlich: Wird Holz entfernt und womöglich verbrannt, werden natürliche CO2-Speicher zerstört und Emissionen freigesetzt. Die Speicher im Boden nennt man Soil Organic Carbon, kurz SOC. Stoldt erklärt, dass nicht genug Studien vorlägen, um lokal beurteilen zu können, wie viel und ob überhaupt SOC in Namibia durch Buschkontrolle aufgelöst würde. „Wir gehen aber davon aus, dass SOC und somit die Emissionen steigen werden.“ Es ist noch nicht gewiss, ob in den Wurzeln unter Savannengras mehr CO2 angereichert ist als unter Busch. Doch die Nachhaltigkeit des Projekts nur in Emissionszahlen zu bemessen, wird der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht. Es sei notwendig, in Namibia, das stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sein wird, akut Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ökosystemen und zur Anpassung an klimatische Veränderungen zu ergreifen. Die Ideen deutscher Aktivisten seien nichts anderes als „Ökoimperialismus“.

Auch der Vorwurf, Buschkontrolle sei nicht im Interesse der Einheimischen, mutet bestenfalls kurios an. Mehr Grasland ermöglicht höhere Rinderzahlen und Ertragfähigkeit. Das Bundesministerium antwortete auf den offenen Brief und stellte unter anderem klar, „die Nutzung namibischer Busch-Biomasse in deutschen Kraftwerken oder die Exportförderung von Busch-Biomasse sind keine Ziele des Vorhabens. Mit Blick auf den kleinen namibischen Binnenmarkt und das Ausmaß der Verbuschung können Exporte jedoch einen Beitrag zur Lösung des Problems leisten.“ Erhöhter Emissionsausstoß sei zwar nicht auszuschließen, doch die Wiederherstellung der natürlichen Ökosysteme überwiege im Interesse der Nachhaltigkeit.

Verantwortliches Waldmanagement

Auch der Forest Stewardship Council (FSC) unterstützt das GIZ-Projekt. Die regionale Abteilung für das südliche Afrika versorgt Einheimische mit Informationen zu den Standards und ihrer Umsetzung und initiiert regelmäßig Trainingsmaßnahmen. „Buschkontrolle trägt dazu bei, die Ziele verantwortlichen Waldmanagements zu erreichen – umwelt-, sozial und wirtschaftlich verträglich“, so Manushka Moodley, eine regionale Koordinatorin des FSC. „Das GIZ-Projekt hat das Bewusstsein der Verantwortlichen erhöht, wie weit Verbuschung fortgeschritten ist, und sie mit technischem Wissen, Studien und Training unterstützt.“ Das habe auch zur Ausweitung der FSC-Zertifizierung in Namibia beigetragen.

Berater des namibischen Interessenverbandes N-BiG, die das GIZ-Projekt begleitet, sind überzeugt, dass die Nutzung der Biomasse zur Energieversorgung allemal nachhaltiger ist als bisherige Energienutzungsmodelle. „Im Hinblick auf die Umwelt wäre es fatal, die Verbuschung in Namibia immer weiter voranschreiten zu lassen. Wir müssen Buschkontrolle betreiben, und da ist es nur sinnvoll, die entstehende Biomasse weiter zu verwerten. Bis man auf CO2-neutrale Energiequellen umgestiegen ist, sind Holzkohle und andere Bioenergieträger aus Buschabfall eine Übergangslösung, die so nachhaltig wie möglich ist“, so ein Vertreter von N-BiG.

„Namibia kann es nicht verantworten, nicht gegen Verbuschung vorzugehen. Werden keine Maßnahmen ergriffen, wird das Land massive Verluste verzeichnen“, so Progress Kashandula, Direktor von N-BiG. „Aber da Buschkontrolle sehr teuer ist, brauchen wir die Verwertungsketten dahinter, um die Kosten für die Farmer auszugleichen und die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern.“ Zwar würden CO2-Emissionen freigesetzt, diese würden jedoch an anderen Stellen wieder eingespart. „Allein durch Viehfutter aus Busch wird der Methanausstoß hier massiv reduziert.“ International sehe man eine große Nachfrage nach Biomasse wie Holzkohle, Pellets und Viehfutter. „Ist es nicht Hamburg, so sind es zahlreiche andere Märkte, die Interesse an der namibischen Buschindustrie haben“, so ist Kashandula überzeugt.

GIZ in beratender Funktion

Johannes Laufs ist der Projektleiter der GIZ. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass die GIZ nicht diejenige ist, die Buschkontrolle betreibt und Biomasse vermarktet. „Das tut der namibische Wirtschaftssektor selbst. Wir haben nur die beratende Funktion inne. Unser Mandat ist es, die namibische Regierung zu unterstützen und Knowhow vor Ort zu schaffen.“ Die Debatte in Hamburg hat für ihn nur erneut bewiesen, wie komplex die Thematik der Verbuschung ist. „Die Projektarbeit erforderte bereits in den letzten Jahren einen sektorenübergreifenden Ansatz und die Auseinandersetzung mit komplexen Fragestellungen. Das hat sich in der Frage der Exporte zugespitzt.“ Er ist der Meinung, dass in Hamburg auch die übergeordnete Frage der deutschen Energiepolitik ein Streitpunkt ist. „Es ist eine Herausforderung, bei all dem klar zu differenzieren.“

Der Prüfprozess in Hamburg wurde derweil am vergangenen Dienstag ausgesetzt. Die Nutzung von namibischen Holzhäckseln für Hamburger Fernwärme sei zwar „perspektivisch technisch möglich“, das städtische Unternehmen Wärme Hamburg sehe „allerdings kurzfristig, in den nächsten zwei bis drei Jahren, keine Möglichkeit der Nutzung von relevanten Mengen an Buschbiomasse.“ Zu der Ökobilanzierung des Projekts könne die Hamburger Umweltbehörde keine Antwort geben und reiche sie daher an das BMZ weiter. Die Diskussionen sollen im Spätsommer weitergehen.

Das GIZ-Projekt wiederum wird Ende dieses Jahres auslaufen. Laufs ist optimistisch, dass lokale Partner bei den aktuell laufenden Anstrengungen zur Verstetigung des Ansatzes die Herausforderungen werden selbst stemmen können. „Auf den Übergang von unseren Fördermaßnahmen auf lokale Strukturen und Kapazitäten haben wir gezielt hingearbeitet. Wir freuen uns über die Dynamik, die sich in den letzten Jahren im Bereich der Buschkontrolle und Biomassenutzung entfaltet hat. Diese ist eine sehr gute Voraussetzung für zukünftige Entwicklungen.“

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