05 Januar 2012 | Land & Leute

Ein Landzipfel weckt viel Fantasie

Kein anderes Land der Welt hat einen Landzipfel vorzuweisen, der nach einem deutschen Reichskanzler benannt ist, der übrigens niemals vor Ort war: Graf Leo von Caprivi, der das kaiserliche Kanzleramt von März 1890 bis Oktober 1894 innehatte und gleichzeitig preußischer Ministerpräsident war. Reichskanzler Otto von Bismarck, obwohl selbst kein Kolonialfreund, hatte 1884/85 den Vorsitz der Konferenz der Kolonialmächte in Berlin geführt, als es um den letzten "Wettlauf um Afrika" ging und die deutschen Kolonien in Afrika und der Südsee zur damaligen Kolonialkarte gefügt wurden. Der Caprivi-Zipfel, heute Region Caprivi, behält auf Deutsch wegen seines skurrilen Umrisses im Verhältnis zum Rumpf der namibischen Gesamtkarte dennoch die Bezeichnung "Zipfel" und bleibt ein geopolitisches Kuriosum, das das unabhängige Afrika nicht anzutasten wagt, wie es übrigens die Statuten der Afrikanischen Union (AU) verordnen.

Als Namibier der trockenen Bergsavanne der Landesmitte, des ariden Südens oder der Wüste Namib kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Namibia an einen der größten Flüsse Afrikas grenzt, die den zentralen Kontinent drainieren. Wer aus der Landesmitte kommt und bei Katima Mulilo zum ersten Mal am Ufer des gewaltigen Sambesi steht, verfällt in ungläubiges Staunen.

Die Region Caprivi ist das Ergebnis des sogenannten Helgoland-Sansibar-Vertrags zwischen Briten und Deutschen, der im Juli 1890 ausgehandelt war, sechs Jahre nach der ersten deutschen Flaggenhissung in Angra Pequena, später Lüderitzbucht, wonach die Kolonialgrenzen des Schutzgebiets Deutsch-Südwestafrika (DSWA), wie es damals hieß, festgelegt wurden. Deutsche koloniale Interessenträger wollten einmal Zugriff zum Fluss Sambesi haben, von dem sie annahmen, dass er über weite Strecken schiffbar sei, und zum Anderen bestand die Absicht, durch den Landzipfel in die Nähe von Deutsch-Ostafrika zu gelangen, wenn denn eine direkte geographische Verbindung von englischen Belangen schon blockiert war. So hatte England bei der Aushandlung der Ostgrenze von DSWA schon dafür gesorgt, dass die deutsche Besitznahme, bzw. das Schutzgebiet, nicht bis an die damalige in England unbeliebte Burenrepu-blik Transvaal von Präsident Paul Kruger grenzte, indem Großbritannien schnell das Protektorat Betschuanaland, heute Botswana, ausrief, denn in London bestand die Vorstellung, dass es zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Kairo eine ununterbrochene britische Landbrücke geben müsse.
Britisches HelgolandDa kam die bis dahin britische Insel Helgoland vor der Elbemündung in der Nordsee ins Spiel. Sie war bis 1890 als englischer Besitz ein Dorn im Fleisch deutscher strategischer Marine-Interessen. In einem "einvernehmlichen" Gebietsaustausch, bei dem die ostafrikanische Insel Sansibar aus deutschem Besitz an England ging und Helgoland sowie der Caprivi-Zipfel unter deutsche Hoheit kamen schufen vorläufig Ausgleich. Das deutsche Barotseland, wie der Zipfel zunächst genannt wurde, blieb vom kaiserlichen Gouvernement in Windhoek wegen seiner geographischen Ferne und der Abwesenheit jeglicher Wege jedoch rund 19 Jahre unbeachtet, so dass das Wasser- und wildreiche Gebiet Freiraum für Wilderer und Gangster bot. Es dauerte 18 Jahre, bis der erste Offizier, Hauptmann Kurt Streitwolf von Gobabis, in einer beschwerlichen Expedition zu dem Landzipfel aufbrach, um als kaiserlicher Resident am Sambesi einen einfachen Verwaltungsposten zu gründen, der die deutsche Hoheit demons-trieren sollte. 1908 hatte der Reichstag erst dazu die Mittel bewilligt. Dieser Flecken im fernöstlichen Caprivi trägt heute noch den Namen Schuckmannsburg, benannt nach dem damaligen deutschen Gouverneur von DSWA, Bruno von Schuckmann.

Zur namibischen Unabhängigkeit 1990 gab es einen Vorschlag, die Region Caprivi in "Itenge" umzubenennen, aber die maßgeblichen politischen Führer haben - nicht aus Liebe zu Deutschland oder etwa zum dort völlig unbekannten Leo von Caprivi - wohl eher aus traditionellen Gründen und weil der Name phonetisch in das Klangbild der Lokalsprachen passt, bis heute für Land und Leute an der Bezeichnung festgehalten.
Zwei Mann in deutscher Uniform Als am 1. August 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, erreichte die Kunde Schuckmannsburg erst erheblich später. Am 21. September 1914 kam es zu "galanten Übergabe" der Polizeistation Schuckmannsburg an die britisch-südafrikanische und nordrhodesische Polizei ohne jeglichen Schusswechsel. Die zwei einzigen weißen Besatzungsmitglieder der Station, Hauptmann von Frankenbeg und Sergeant Fischer blieben bis zum Kriegsende am sambischen (nordrhodesischen) Nordufer des Sambesi in Livingstone interniert, in der Ortschaft, über die vor Kriegsausbruch auch die alleinige Verbindung zu Außenwelt hergestellt wurde. Nach dem 1. Weltkrieg wurde der Caprivi-Zipfel von der britischen Kolonialverwaltung in Betschunaland und später aus Pretoria und nicht aus Windhoek verwaltet. Die wirkliche Eingliederung zu Namibia fand erst während der späten Apartheidszeit und während des Buschkriegs statt, als Südafrika eine Fernstraße aus der Region Kavango und einen Flugplatz in der Nähe des neuen Verwaltungssitzes Katima Mulilo baute. Im August 1999 haben caprivische Separatisten bei einem Aufstand Regierungsgebäude angegriffen. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und rund 120 angeklagte Teilnehmer befinden sich jetzt noch im längsten (Hochverrats) Gerichtsverfahren der namibischen Justizgeschichte. Der Prozess dauert bereits elf Jahre und das Ende ist noch nicht abzusehen.

Caprivier haben sich vor 1990 aktiv am Unabhängigkeitskampf beteiligt und sind im namibischen Staatsdienst redlich vertreten. Als eine der 13 namibischen Regionen sind der Caprivi-Zipfel und seine multikulturelle Bevölkerung zum integralen Teil Namibias geworden, derweil die ausgestreckte Lage der Region und die gute Fernstraße beste Verbindungen nach Sambia, Simbabwe und Nord- Botswana herstellen

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