30 April 2009 | Kultur & Unterhaltung

Ein Fahrrad gegen Aids

Ein Fahrrad ist ein kleiner Schritt. Trotzdem kann es die Lebensumstände der Menschen, besonders im Norden Namibias, erheblich verbessern. Dass ein paar Räder ganze Dorfgemeinschaften mobiler machen, hat auch BEN Namibia gesehen. Die Organisation, die die Bevölkerung mit reparierten Gebrauchtfahrrädern versorgt, erkannte, dass simpelste Mobilität das Leben vereinfachen kann und die Menschen mit dem Gesundheitswesen, Bildung und der Wirtschaft verbindet.
Von fernher aus den USA, Kanada, Großbritannien und Australien werden regelmäßig 300 Fahrräder in einer Containerladung eingeschifft und gehen in Walvish Bay an Land. Von dort aus werden sie in ganz Namibia verteilt, denn nicht alle der Räder werden heute noch in Windhoek überarbeitet. Anfangs verlief das anders: Die Organisation nahm alle Räder in die Hauptstadt, um sie dort zu reparieren und an einzelne Partner weiterzugeben. "Die Logistik wurde uns zu teuer, es war Zeitverschwendung," erklärt Clarisse Cunha Linke, die Organisatorin von BEN Namibia. Denn mit der Zeit schufen sie neue Werkstätten, vorrangig im Norden Namibias, um die nachhaltige Entwicklung vor Ort intensivieren zu können. In verschieden Orten profitieren Organisationen von der Zusammenarbeit mit BEN Namibia und errichten eigens Werkstätten, bei denen die Arbeiter eine kurze Ausbildung bekommen. Von dieser Idee profitieren in Windhoek zwei Organisationen: "King's Daughters", die ehemalige Straßenprostituierte beim Neuanfang unterstützt, und "Family Hope Services (FHS)", die sich um Waisenkinder und verletzte Kinder kümmert. Weil nun keine reine Fahrradwerkstatt benötigt wird, wird die im Southern Industrial bald schließen.
Aber die Fahrräder gehen nicht nur an Organisationen, die die Räder reparieren und weiterverkaufen, sondern auch an freiwillige Pflegekräfte. Dafür hat BEN Namibia die "Bicycle Ambulance" gegründet: Hauptsächlich um Rundu, Shikenge, Oshakati, Okatana und Oshikaku bekommen die Pfleger, die zwischen drei und fünf Haushalte versorgen müssen, kostenlos ein Fahrrad gestellt. Damit helfen sie Familien nicht nur beim Wasser- und Holzsammeln, sondern bringen die kranken Familienmitglieder zu einem Arzt und besorgen Medizin. Der Ambulantendienst kommt vor allem allen Kranken und HIV-Infizierten sowie den schwangeren Frauen zu Gute. Für diese Zwecke hat die Organisation extra mit einem amerikanischen Designer überlegt, wie man die Fahrräder umbauen kann, damit sie allen Anforderungen gerecht werden. Denn immerhin müssen mit den Fahrrädern oft Menschen transportiert werden.BEN Namibia kämpft aber nicht nur mit den mobilen Ambulanzen für ein schärferes Gesundheitsbewusstsein, sie wollen die Menschen auch dazu anregen, zum Aidstest zu gehen. Mit einer Gruppe aus zehn namibischen Profiradlern wollen sie vor allem die jungen Männer motivieren, ein gesundes Leben mit viel Sport zu führen. In Kooperation mit dem "New Start Centre" organisieren sie monatliche Kampagnen, wo bei einem Imbiss und Musik die Radler zum Interview bereitstehen. Alle Menschen sollen mit der automatischen Teilnahme an einer Verlosung eines Fahrrades zum Aidstest animiert werden. Die Radler unternehmen auch Touren in den Norden, um auch dort die Menschen für Aidstests zu gewinnen.
Von allen Organisationen und Partnern bekommt BEN Namibia einen monatlichen Report darüber, wie und wofür die Räder genutzt wurden. Auch Privatpersonen können sich ein Fahrrad erstehen. So bekommt auch die Bevölkerung mehr Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätzen. Stolz macht BEN Namibia vor allem, dass die Menschen in den ländlichsten Gebieten nicht mehr von Kliniken abgeschottet sind und seit Beginn der Initiative 35 Prozent mehr Mädchen die Schule besuchen können. "Gerade in diesen so ländlichen Gebieten ist die Versorgung mit Fahrrädern umso wichtiger. Denn aufgrund der schlechten Infrastruktur ist da eine motorisierte Mobilität schwierig."
Neben all der Arbeit mit der Fahrradversorgung liegt BEN Namibia auch die Zusammenarbeit mit den einzelnen Ministerien am Herzen. So diskutieren sie regelmäßig mit dem Minister für Öffentliche Arbeiten, Transport und Kommunikation über ihre ländlichen Werkstätten und die Infrastruktur, mit dem Minister für Gesundheit und Soziale Dienste über die Ambulanzen und tauschen mit dem Minister für Handel und Industrie Geschäftskontakte aus. Geld bekommt BEN Namibia von der Regierung nicht, trotzdem will man die Ministerien mit Informationen versorgen und Kontakt mit möglichen Handelspartnern bekommen. Trotz der vielen Werkstätten reicht das Einkommen aus dem Verkauf der Räder nicht aus, um sich zu finanzieren. 400 bis 600 namibische Dollar kostet ein durchschnittliches Rad, bei Kinder- und Sporträdern variieren die Preise. "Der Gewinn aus dem Verkauf deckt gerade einmal die Ausgaben für die Reifen und die Geräte," sagt Clarisse Cunha Linke. Daher kommt auch das Einkommen der vielen Werkstätten nicht der Organisation in Windhoek zu Gute. Deshalb ist die Organisation auf die Finanzierung durch Spenden wie von verschiedenen Botschaften angewiesen. Wer ein Fahrrad spenden will, kann sich einfach mit der BEN Namibia in Verbindung setzen. Sie finden dann entweder selbstständig eine Person, die das Fahrrad benötigt oder ermitteln mit dem Geber zusammen, welche Person mit welchen bestimmten Ansprüchen das Rad erhalten soll. Problematisch ist oft, dass die Organisation viele Räder, wie aus Europa, nicht gebrauchen können. In einer vollen Liste von Konditionen wird festgehalten, welche Ansprüche ein Fahrrad stellen muss. Denn für den Verkehr in Namibia vermittelt die Organisation nur Mountainbikes oder Räder mit stärkeren Reifen, um sie an die Straßengegebenheiten anzupassen und sie für den Ambulantendienst angemessen umzubauen. "Unsere Fahrräder müssen ihre Rolle in einem Dorf erfüllen. Wenn man das nötige Material hat, kann man die Räder sehr gut umbauen," erklärt Linke. "Denn ein Fahrrad leistet mehr, als den Informationsaustausch, das soziale Gefüge und das Bewusstsein füreinander zu stärken."

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