29 Juli 2003 | Kommentar

Durch Armut übervölkert

Präsident Sam Nujoma hat schon mehrere Male - zuletzt bei einer Audienz für einen politischen Vertreter von der afrikanischen Seenplatte - Namibia als dünn bevölkertes Land angepriesen, das gern Einwanderer aus den dicht
bevölkerten Ländern Zentralafrikas aufnehme.

Hier sei genügend "Platz" vorhanden.





Der Präsident folgt bei solcher Aussage nicht afrikanischem, sondern eurozentrischem Denken. Im fruchtbaren und hochindustrialisierten Europa ist jeder Quadratmeter kostbar und kann jeder Quadratkilometer Hunderten von Menschen einen Lebensunterhalt bieten. Trotz der großen Bevölkerungsdichte und trotz der Arbeitslosigkeit suchen Länder wie Deutschland für ihre Wirtschaft noch mehr Menschen. Folglich gilt die große Anzahl Menschen - im Vergleich zu Namibia - nicht als Übervölkerung.


"Übervölkerung" ist also ein relativer Begriff, der nicht einfach aus dem numerischen Verhältnis zwischen Menschenköpfen und Quadratflächen hervorgeht. Vielmehr wird dieser Begriff innerhalb der Grenzen eines Staates oder einer Region nach der bestehenden oder potenziellen Existenzgrundlage definiert, die Grund und Boden (mit oder ohne Infrastruktur) der einheimischen Bevölkerung bieten können.


Nach der Definition der Bevölkerungsexperten ist Namibia an vielen Stellen übervölkert. Das zeigt sich an überquellenden Klassenzimmern, an der überlasteten Lehrer/Schüler- Gleichung, an überbeweideten und ausgemergelten Landstrichen und an zigtausenden Arbeitslosen, die an den Straßenecken sitzen oder sonstwo auf Hilfen angewiesen sind. Die Übervölkerung zeigt sich im "menschenarmen" Namibia jetzt zunehmend auch im Druck fortziehender Kommunalfarmer auf weniger genutzte Räume. In die westliche Kavango-Region sind Oukwanyama und Ndonga vorgestoßen und müssen das Gebiet auf den Protest der traditionellen Kavangobehörden wieder räumen. Bei der Rückwanderung ins angestammte Gebiet treffen sie jedoch auf große, hauptsächlich illegal abgezäunte Farmen, von reichen Fernfarmern (Politiker der regierenden Kaste und Geschäftsleute), die sich eigentlich im kommerziellen Farmgebiet Grund und Boden kaufen könnten. Wer politisch einflussreich und/oder zahlungskräftig ist, kann sich jedoch die Gunst eines Häuptlings erkaufen, "legal" Ländereien einzäunen, die ansässigen Einwohner vertreiben und kommt auf diesem Weg an Grundbesitz. Das hat das Wüstenforschungsinstitut Gobabeb schon seit längerem dokumentiert.


Ist von "Weniger genutzt" die Rede, heißt das auf keinen Fall "herrenlos". Aber auch da kommen vom Präsidenten widerspruchsvolle Signale. Unter Berufung auf das Recht der Freizügigkeit hat er letzthin die San von Tsumkwe aufgefordert, Herero mit Viehherden in "ihrem" Bereich aufzunehmen. Der Konflikt zwischen Ovambo- und Kavango-Farmern in West-Kavango zeigt jedoch, dass es keine ungeregelte Ansiedlung und Nutzung geben kann, weder im traditionellen noch kommerziellen Bereich, es sei denn, das Faustrecht und die Anarchie werden wie in Simbabwe zur Staatsräson erhoben.


Namibia kann nur durch Arbeitsbeschaffung und nicht durch Anarchie mit der Übervölkerung fertig werden.

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