22 September 2020 | International

Dürre am Mekong

Südostasiens Lebensader trocknet aus

Der Mekong ist Mythos und Lebensader zugleich. Doch das Sehnsuchtsziel vieler Asien-Fans ist zunehmend von Dürren und Dämmen bedroht. Dabei sind Millionen Menschen von dem mächtigen Fluss abhängig. Auch ein einzigartiges Naturphänomen gerät aus dem Takt.

Von Shaun Turton und Carola Frentzen, dpa
Phnom Penh (dpa) - Das Flussbett auf der Chroy-Changvar-Halbinsel führt kaum Wasser, im matschigen Boden häuft sich Müll. Der Fischer Ho San steht neben seinem Holzboot und blickt auf den Punkt, wo der Fluss Tonle Sap in den legendären Mekong mündet. „Man kann am Schlamm erkennen, bis wo das Wasser normalerweise reicht“, sagt der 31-jährige Kambodschaner. „So niedrig haben wir den Wasserpegel noch nie gesehen. Wir werden Hunger leiden.“ Schon das zweite Jahr in Folge erleben die Menschen am Mekong eine verheerende Dürre. Dabei ist der Strom, der durch ein halbes Dutzend Länder Südostasiens fließt, für die Ernährung und den Lebensunterhalt von geschätzten 60 Millionen Menschen von lebenswichtiger Bedeutung.
Rund 4350 Kilometer schlängelt sich der Fluss durch China, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Vom Himalaya durch Schluchten und Ebenen bis zum Mekong-Delta und von dort ins Südchinesische Meer. Er ist einer der gewaltigsten Ströme des Planeten und länger als Donau und Rhein zusammen. Beeinflusst durch das Wetterphänomen El Niño sind die Niederschlagsmengen zuletzt jedoch massiv gesunken, speziell am unteren Mekong-Becken: Von Januar bis Juli fielen gerade einmal 397 Millimeter Niederschlag. Das sind 36 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2019 und dramatische 62 Prozent weniger als 2018.
In Kambodscha spüren die Menschen die anhaltende Trockenheit in Folge des Klimawandels gerade besonders. Ausgerechnet der Tonle Sap - der größte See Südostasiens, der als „Fischfabrik“ des Mekong gilt - ist in Gefahr. Beliebt ist er auch bei Ausflüglern, die etwas weiter nördlich die Tempelanlagen von Angkor besuchen. Viele machen einen Tagestrip zu den auf Stelzen in den See gebauten „schwimmenden Dörfern“.
Der Wasserpegel des Sees befindet sich derzeit auf einem historischen Tiefstand. Zu den zahlreichen Fischarten, die in den Gewässern der Region leben, gehören verschiedene Welse, Schlangenkopffische und Karpfen. Aber die Bestände schrumpfen. Und die Verzweiflung wächst. Seine Fänge seien bereits um die Hälfte zurückgegangen, erzählt der Fischer Salas Vel (62). Für die Zukunft habe er wenig Hoffnung.
Ausgelöst durch die Dürre hat sich in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge ein einzigartiges und für Mensch und Tier gleichermaßen wichtiges Naturphänomen um Monate verzögert: In der zwischen Mai und Juni startenden Monsunsaison schwillt der Mekong heftig an. Sein Wasser drängt dann mit Wucht in den Tonle-Sap-Fluss - der daraufhin seine Fließrichtung ändert.
In der Folge werden nicht nur die Becken des Tonle-Sap-Sees geflutet, sondern auch die umliegenden Ebenen und Wälder. Am Ende der Regenzeit im September müsste, wenn alles glatt läuft, ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen Kambodschas von Wasser bedeckt sein. Wichtig ist dies auch für den lebensnotwendigen Reisanbau. 2020 und 2019 hat die Richtungsänderung aber erst im August begonnen, Monate später als sonst.
„Normalerweise läuft das Wasser in die Seen und Teiche, damit die Fische brüten können, aber jetzt kann das nicht mehr passieren“, sagt Fischer Vel. Das tägliche Herausfahren auf den See wird somit immer frustrierender für die, die mit immer leereren Netzen zurückkommen. „Fischer, die etwas Geld haben, haben sich Tuk-Tuks gekauft, um als Fahrer ein Einkommen zu haben. Andere arbeiten im Bauwesen. Aber wir, die kein Geld haben, müssen irgendwie durchhalten.“
Nicht nur Klimawandel und Trockenheit machen den Kambodschanern und den anderen Anrainern des Mekong zu schaffen, sondern auch China. Die Volksrepublik hat fast ein Dutzend Staudämme auf seinem Territorium gebaut und zapft Strom aus dem mächtigen Fluss. Den anderen Staaten wird der Hahn damit quasi zugedreht - Peking kontrolliert den Strom. Auch deshalb droht dessen empfindliche Ökologie nun zu kippen und einem Desaster entgegenzusteuern. Und weitere Dämme sind geplant. Die Folge: Immer weniger nährstoffreiche Sedimente gelangen in die untere Mekong-Region und den Tonle-Sap-See. Sie sind aber extrem wichtig für die Biodiversität und Fruchtbarkeit der Region.
Regionalanalyst Carl Thayer ist überzeugt, dass China trotz aller Kritik bezüglich seines Umgangs mit dem Mekong kaum vollständige Transparenz an den Tag legen wird, insbesondere wenn „die Daten zeigen, dass die Staaten stromabwärts benachteiligt sind“. Das chinesische Damm-Management mache zwar für die Volksrepublik Sinn, ignoriere aber das Gesamtbild, warnt auch Courtney Weatherby, Südostasien-Analystin der Denkfabrik Stimson Center.
Ein weiterer Faktor, der dem Mekong und seinen Anrainern zusetzt, ist exzessiver Sandabbau. Der lässt die Ufer erodieren, sie verlieren an Stabilität. Felder werden dann ebenso ins Wasser gerissen wie Wohnhäuser. Aber Sand - einer der Hauptbestandteile von Beton - wird ob des weltweiten Baubooms zu einem immer begehrteren Rohstoff.
Marc Goichot, WWF-Experte für Süßwassersysteme, ist überzeugt, dass all diese Probleme in ihrer Gesamtheit dazu beitragen, den Mekong unwiderruflich zu verändern. „Wenn man einmal eine bestimmte Schwelle erreicht hat, ist es für eine Umkehr zu spät“, warnt er. „Der Fluss wird sich dem anpassen, aber es wird ein anderer Fluss sein, und die gesamte Beziehung zu ihm muss neu erfunden werden.“ Und das könnte mit enormen Kosten für die Schwächsten verbunden sein.
Die Situation sei beängstigend, sagt der Experte. Es gebe Lösungen, aber Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen müssten umgehend reagieren. „Wir befinden uns in einer sehr tiefen Krise, und wir müssen jetzt handeln, nicht erst im nächsten Jahr.“

Gleiche Nachricht

 

Schwarzes Loch frisst Stern: Forscher erfassen „Spaghettifizierung“

vor 5 tagen - 17 Oktober 2020 | International

Garching (dpa) – Astronomen haben einen seltenen Lichtblitz erfasst, bei dem ein Stern von einem supermassereichen Schwarzen Loch verschlungen wurde. Das als „Spaghettifizierung“ bekannte Phänomen...

Trump verschärft vor Wahl Angriffe gegen Bidens Familie

vor 5 tagen - 17 Oktober 2020 | International

Washington (dpa) - Zweieinhalb Wochen vor der Präsidentenwahl in den USA hat Amtsinhaber Donald Trump seine Angriffe gegen die Familie seines Herausforderers Joe Biden verschärft....

Schock nach mörderischer Attacke auf Lehrer in Frankreich

vor 5 tagen - 17 Oktober 2020 | International

Paris (dpa) - In Frankreich sitzt der Schock nach einer brutalen islamistischen Terrorattacke auf einen Lehrer tief. Der Mann ist nach ersten Erkenntnissen am Freitagnachmittag...

Russe ist mit sibirischem Tiger Wildlife Photographer des Jahres

1 woche her - 14 Oktober 2020 | International

London (dpa) - Der Russe Sergej Gorschkow ist mit dem Foto eines sibirischen Tigers im Wald zum Wildlife Photographer des Jahres 2020 gekürt worden. Das...

Beihilfe zu 250000 Straftaten

1 woche her - 14 Oktober 2020 | International

Von Birgit Reichert, dpaTrier Die Schaltstelle für millionenschwere kriminelle Geschäfte im Darknet war in einem ehemaligen Bunker versteckt. Über fünf Etagen unter der Erde verteilt...

Was bringt das neue Farblogo für gesündere Lebensmittel?

1 woche her - 10 Oktober 2020 | International

Berlin (dpa) - Im Supermarkt soll sich bald ein genauerer Blick auf viele Lebensmittelpackungen lohnen: Nimmt man die Salamipizza mit dem gelben „C“ - oder...

Hurrikan „Delta“ gewinnt an Stärke - Kurs auf die...

1 woche her - 10 Oktober 2020 | International

Washington (dpa) - Der Hurrikan „Delta“ hat bei seinem Kurs auf die USA an Stärke gewonnen. Mit Windgeschwindigkeiten von um die 185 Stundenkilometer und stärkeren...

Beatles, Yoko, Weltfrieden: John Lennon hätte 80. Geburtstag

1 woche her - 10 Oktober 2020 | International

New York/London (dpa) - Am letzten Tag seines Lebens klammerte sich John Lennon nackt an eine ganz in schwarz gekleidete Yoko Ono. Star-Fotografin Annie Leibovitz...

Spahn: Anstieg der Infektionszahlen besorgniserregend

vor 2 wochen - 08 Oktober 2020 | International

Berlin (dpa) - Angesichts des deutlichen Anstiegs bei den Coronainfektionen in Deutschland hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) (Bild) die Menschen gemahnt, sich nicht für unverletzlich...

Zehn Jahre nach Rettung: Chilenische Kumpel fühlen sich vergessen

vor 2 wochen - 07 Oktober 2020 | International

Von Denis Düttmann, dpaCopiapó (dpa) - Die ganze Welt fieberte mit, als vor zehn Jahren 33 verschütteten Bergleute aus der Mine San José in der...