30 Oktober 2015 | Kultur & Unterhaltung

Dirndl made in Africa

Von Thomas Haslböck, Windhoek „Dirndl? Na klar gehören die zu Namibia!“, sagt Sophie Iyambo und lacht. Wenn die 28-Jährige redet, ist sie kaum zu bremsen – so schnell und so impulsiv purzeln die Silben aus ihrem Mund. Sie sitzt im Wohnzimmer ihres Elternhauses, auf dem kleinen Tischchen vor ihr stehen eine Nähmaschine und eine Overlock. Die dunkelbraune Ledercouch daneben ist übersät mit Stofffetzen in allen möglichen Farben. Einer davon ist hellblau, wild durchzogen von dunkelblauen Streifen und gepflastert mit großen orangenen Sonnen – ein Wachsdruck aus Mosambik. Ein anderer leuchtet in bläulich-pinken Farben, verziert mit rosa Blümchen unterschiedlicher Größe. Er stammt aus Südafrika. Auch Stoffe aus Ghana und Nigeria liegen in Sophies provisorischem Studio herum. Rohmaterial für ihren neusten Einfall: bayerische Dirndl im African Style. Die Idee dazu kam der jungen Namibierin im vergangenen Winter, als sie gerade mit ein paar Freundinnen unterwegs war. Mit Blick aufs Oktoberfest meinte eine von ihnen, dass auch sie gerne mal ein Dirndl hätte. Und weil sich die „echten“ Trachten eh keiner leisten kann, setzte sich Sophie halt selbst hinter die Nähmaschine. Immerhin hat sie Modedesign studiert – das ständige Nachahmen von Katalogware für Verwandte nervte sie ohnehin. Jetzt konnte sie kreativ sein! Das Ergebnis: Sophies erstes afrikanisches Dirndl. Schnell sprach sich die Idee herum – eine andere Freundin erzählte dem Brauereichef der Namibia Breweries von dem außergewöhnlichen Kleidungsstück. Bald darauf bestellte dessen Frau ihre diesjährige Festtracht bei Sophie. Wie das Dirndl aussieht? „Oh, das ist streng geheim. Das gibt’s erst auf dem Oktoberfest zu sehen“, meint sie und lacht lauthals. Durch den prominenten Kontakt jedenfalls, wurde sie schnell zum Geheimtipp – mehr oder weniger, denn auch die Veranstalter des Oktoberfestes waren hingerissen von Sophies Idee und bewarben die junge Frau bald auf der offiziellen Homepage. Seither kommt die Designerin nicht mehr zur Ruhe: Fast Tag und Nacht hockt sie hinter der Nähmaschine, etwa zwei Wochen braucht sie für ein Dirndl – auch wenn sie mehrere Kleider parallel näht. Schon seit Mitte Oktober kann sie keine Aufträge mehr annehmen. 15 Dirndl, das reicht erstmal. „Ich hätte nie gedacht, dass daraus so eine große Sache wird“, meint Sophie. Ihr Hauptaugenmerk lag daher ganz auf der Qualität – über Quantität machte sie sich gar keinen Kopf. „Aber nächstes Jahr möchte ich beides miteinander verbinden“, nimmt sich die Schneiderin vor. Auch mehr Stoffe möchte sie dann integrieren: „Eigentlich teste ich mich derzeit nur aus.“ Insgesamt dreimal müssen Kundinnen bei Sophie im Wohnzimmer vorbeischauen. Beim ersten Mal werden die Stoffe ausgesucht und die junge Frau nimmt Maß. Beim zweiten Mal dürfen die künftigen Dirndl-Trägerinnen dann schauen, ob ihnen ihre Auswahl noch gefällt. Unzufrieden war bisher noch keine. „Eigentlich geht immer nur die Bedeckung zurück – die Röcke werden kürzer, das Dekolleté wird tiefer und der Rücken freier. Plötzlich trauen sich die Damen mehr“, lacht Sophie. Beim dritten Besuch können die Kundinnen ihr afrikanisches Dirndl dann mit nachhause nehmen. Im besten Falle betont es dann die Schokoladenseite seiner Trägerin. „Ich musste bei meinem Matrikabschied ein furchtbares Kleid tragen. Das vergönne ich keinem – und das treibt mich an, meine Arbeit gut zu machen“, sagt Sophie. Sie achtet daher genau auf den Körperbau ihrer Kundinnen – sind die Arme besonders zart, ist der Hals besonders schön oder der Rücken besonders aufreizend? Ihr eigenes Lieblingsdirndl betont ihre Hautfarbe – es ist gelblich-orange mit weißer Schnürung und weißen Puffärmeln. Viele schwarze Kleeblätter verteilen sich darauf. „Die warmen, positiven Farben machen glücklich – da ist man gleich gut gelaunt“, kichert Sophie. Zwei weitere Dirndl hängen noch in ihrem Schrank, bis zum Oktoberfest will sie sich ein viertes schneidern – in ihrer Freizeit. „Also morgens nach dem Frühstück und abends vorm Zubettgehen“, erklärt sie. Die Optik alleine macht’s aber nicht. So ein Dirndl muss auch angenehm zu tragen sein. „Ich verwende vor allem dünne, luftige Stoffe. Denn es wird heiß“, betont Sophie. Auch das gehört zum afrikanischen Stil – sie näht schließlich kein deutsches Dirndl, sondern ein namibisches. Dabei stehen Sophies Trachten für das, was Namibia ihrer Meinung nach ausmacht. „Es gibt hier viele verschiedene Volksgruppen und Kulturen. Alles mischt sich“, sagt sie. Ihre Dirndl sollen ein Sinnbild für diese namibische Identität sein – sie sind eben nicht rein Deutsch oder rein Herero oder rein Ovambo, sondern alles gleichzeitig. Ein ebenso buntes Miteinander wünscht sie sich für das Zusammenleben. „Klar sind in der Vergangenheit schlimme Dinge passiert und wir haben ewig darüber gestritten. Aber hey, hat das irgendwas gebracht? Nein! Vielleicht sollten wir mal nach vorne schauen“, glaubt Sophie Iyambo. Sie selbst hat damit kein Problem – vielleicht will sie sogar Deutsch lernen. „Wär mal eine Idee. Mein Freund stammt aus Deutschland und mit vielen Kunden könnte ich mich leichter unterhalten“, lacht sie. Den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert hat sie auch schon kennengelernt – bei einem Empfang in der deutschen Botschaft. Dort hat eine Frau zufällig eines ihrer Dirndl getragen. Gut möglich, dass es der zweithöchste Politiker Deutschlands gesehen hat. Sophie schneidert schon fast seit sie denken kann. „Das hab ich im Blut“, meint sie. Bereits ihre Oma hat für die Familie genäht, ebenso ihre Tante. Wenn da ein paar Stofffetzen übrig blieben, hat sich Sophie diese geschnappt und daraus Puppenkleider kreiert. So war auch schon lange vorher klar, dass sie sich an der UNAM für Modedesign einschreiben wird. Dort hatte sie einen Dozenten, der so leidenschaftslos vor seinen Studenten dahinschwafelte, dass Sophie heute noch gähnen muss. Er wollte dem Nachwuchs einimpfen, dass es nur ums Geldverdienen gehe. Sophie schüttelt den Kopf: „Dabei liegt der Spaß doch darin, bekloppte Ideen auszuprobieren und daran zu wachsen.“ So schnell will sie daher Nadel und Faden nicht in die Schublade packen. Zu viele Einfälle schwirren ihr noch im Kopf herum. „Nächstes Jahr gibt’s afrikanische Lederhosen“, meint sie fest entschlossen. Und danach? Sie lacht lauthals: „Vielleicht Holzschuhtanz mit afrikanischen Sandalen?

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